Linkes Raunen

Wir wollen schon hier anmerken, daß konservativ ist, in Gesetzmäßigkeiten zu denken, die sich immer wieder herstellen, während fortschrittlich zu sein scheint, sich mit Erwartungen zu beschäftigen, die sich niemals erfüllen. (Moeller van den Bruck)

„Raunen“ ist so ein Wort, das der linke Diskurs besonders gern nutzt, wenn es um „konservatives Denken“, um nicht-linkes Denken geht und insbesondere dann, wenn der zu diskreditierende Denker gewisse geistige Anforderungen stellt, die bereits sprachlich einen „Elitismus“, eine Trennung von Spreu und Weizen anstreben. Hegel war schon so einer, aber Heidegger ist der Paradefall, ein „dunkler Rauner“ durch und durch, den man von Adorno und Popper her schon deswegen ablehnt und alle revolutionäre und analytische Philosophie (Habermas, Hösle u.a.) nehmen das „Raunen“ gern als Anlaß, Heidegger gar nicht erst (unvoreingenommen) zu lesen.

Evola ist auch so ein Rauner oder Stefan George oder Moeller van den Bruck … und im jetzigen Kulturkampf werden auch Sloterdijk oder Botho Strauß gern als solche oder gar als „Schwurbler“ ermittelt.

In einem ansonsten kaum lesenswerten Artikel über das Kulturverständnis und die ärgerliche Kulturliebe der „Rechten“ (AfD und Hintermänner), zeigt uns Thomas Assheuer – Habermas-Schüler und Missionar –, daß er die Kunst des Raunens auch sehr gut beherrscht, wenn es „der Sache nützt“. Man muß den Aufsatz nicht lesen, um meiner Argumentation folgen zu können, es genügen die letzten Zeilen:

„Nach Wahlverwandtschaften mit konservativen Intellektuellen aus der Weimarer Republik muß man hier nicht lange suchen. Auch damals wurde zwischen Kunst und Kultur nicht groß unterschieden, auch damals sollte die tragische deutsche Kunst in Konkurrenz zur Verfassung treten; sie sollte Gewißheit erzeugen und Gottvertrauen in die nationale Stärke. Darüber hinaus sollte sie die Religion überflüssig machen, die ungeliebte Erfinderin von Gleichheit und Menschenrechten: Deutsche Kunst ,erfüllt jeden wahrhaft modernen Menschen mit derselben Sicherheit ums Weltall, die sonst nur das Vertrauen auf Gott geben konnte‘. Der Autor dieser Zeilen war der konservative Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck. Das Buch, das ihn 1923 schlagartig berühmt machte, hieß: Das Dritte Reich.“

Wie man sieht, wird nicht nur Unsinn erzählt – z.B. Gottvertrauen ja, Religion nein –, es wird auch geraunt und angedeutet und insinuiert. Das abschließende Zitat, der letzte Satz, von einem Lieblingsrauner, effektvoll ins Offene gestellt, was soll er anderes bedeuten, als daß die „konservative Revolution“ und damit die „Neue Rechte“ und damit die AfD … einen direkten historischen Draht zum „Dritten Reich“, zum Nationalsozialismus hat?

Dabei weiß Assheuer als gebildeter Mensch sehr wohl, daß die Idee des „Dritten Reiches“ oder des „Tausendjährigen Reiches“ in den alttestamentarischen Prophetenschriften wurzelt, daß sie durch die christliche Trinitätslehre (Offenbarung, Paulus) noch einmal beschleunigt wurde und letztlich durch den mittelalterlichen Theologen Joachim di Fiore endgültig scharf gemacht und von Franziskus von Assisi gelebt wurde, daß die Idee des kommenden Endreiches seither vor allem der Linken ihre kinetische Energie verlieh. Er hat das von Ernst Bloch etwa gelernt, dessen Utopie nichts anderes ist und der sich sehr ausführlich mit Joachims Meisterschüler Thomas Müntzer beschäftigt hatte. Er konnte das bei Lessing ebenso wie bei Hegel verfolgen und all sein Marxstudium wäre umsonst gewesen, wenn Assheuer just entgangen sein sollte, daß Marx und seine Vorläufer – von Robespierre und Bakunin bis Owen – vom „Dritten Reich“ durchglüht waren und selbst die späten postmarxistischen Apokalyptiker, wie Rudolf Bahro, waren Fioristen bis in die Haarspitzen. Auch Habermas, Assheuers Lehrer, gehört mit seinem Wunschbild des „herrschaftsfreien Diskurses“ dazu …

Die Nationalsozialisten – das darf man nicht vergessen – verstanden sich als Sozialisten; sie haben der linken Denktradition viel mehr entnommen, als heutigen „Antifaschisten“ lieb sein kann.

Assheuer will uns anderes einreden. Er rekurriert auf den Topos des „Reiches“ im NS und verbindet den konservativen Klassiker van den Bruck – der schon 1925 starb und das Bild, als Übersetzer Dostojewskis, im Übrigen von dem großen Russen übernahm –, von dessen Lehre Hitler sich ausdrücklich distanzierte, unausgesprochen, im raunenden, andeutenden Gestus, mit den Verbrechen des NS. Er hätte auch Friedrich Hielschers „Das Reich“ nennen können oder Stefan Georges „Neues Reich“ … und damit nur bewiesen, wie virulent der Begriff in der Weimarer Republik war.

Aber Information war von Anfang an nicht sein Ansinnen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Linkes Raunen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Was bedeutet „raunen“? – Der Duden nennt als Definition „leise, mit gedämpfter und gesenkter Stimme, murmelnd etwas sagen“, jedoch ist das Wort mir nur im hier gemeinten Sinne von etwa „mit dunklen Andeutungen bedeutsamkeitsheischend reden“ aus dem Gebrauch bekannt.

    Solche Rede ist beliebt, weil sie bequem ist. Man enthebt sich dann in den Augen Vieler der Notwendigkeit, weitere (und wirklich schlüssige) Argumente zu nennen, indem diese sich von einer schieren Autoritätsanmaßung durch fingierten Tiefsinn beeindrucken lassen: „Das verstehe ich nicht, das muss folglich sehr klug sein.“ Einen verwandten Schluss habe ich einst verblüfft von einer hochgebildeten Bekannten vernommen: „Was Popper sagt, ist ja alles so banal. Darauf hätte ich selber kommen können, da ist keinerlei Tiefsinn, das kann also nicht stimmen.“

    Durch so verstandenes Raunen etwas zu begründen, steht noch unter etlichen der Tricks, die Schopenhauer in seiner „Kunst, Recht zu behalten“ aufführt, insofern beim Zuhörer noch nicht einmal die intellektuelle Ebene angesprochen wird – und stattdessen flackerndes Kerzenlicht, Glaskugel, dunkle Vokale und Schuhu das nötige Werk der Überzeugung verrichten.

    Das Assheuersche Dritte-Reichs-Argument steht meiner Ansicht nach schon etwas über diesem Niveau, da er ein sophismon ex homonymia anwendet, das aber natürlich genauso faul ist. Ähnliche „schlagende“ Schlüsse werden oft bezogen auf ungenehme Parteien angewandt, die sich selbst als sowohl national wie sozialistisch bezeichnen – seht ihr schon den Schemen des Teufels Hitler an der Wand? In der ersten tschechoslowakischen Republik gab es übrigens eine Tschechische National-Sozialistische Partei, der zu großen Teilen zu verdanken ist, dass diese Insel des Rechtsstaats und der Demokratie in Mitteleuropa bis ans Ende der Dreißiger Jahre fortbestand; solche Nationalsozialisten kann es bei allen Einwänden gegen Teile ihrer Politik meinetwegen gerne mehr geben.

    Es wäre eine Unterlassung, das wichtigste Raunen unserer Zeit nicht zu nennen, das grüne Raunen. Beispielhaft ist hier der ehrfurchtgebietende Schamanenspruch der 80er und 90er Jahre, auf den Plakaten jeder Bürgerinitiative wohlmeinender Müsliesser in recht verschiedener Form anzutreffen, man fühlte genauso und man schrieb, wie man fühlte und eben brauchte: „Erst wenn der letzte […] werdet ihr merken, dass [irgendetwas, aber immer mit Untergang].“ (Siehe „Weissagung der Cree“.) Die naturverbundenen und uns jagdtechnisch unterlegenen Kinder des Kontinents, auf dem als einziges Großtier der Büffel übriggeblieben ist, sollten uns wirklich Vorbilder sein.

    Marxistisches Raunen finde ich eben spontan keines, wohl aber marxistische Paralogik. Die läuft meist unter dem feinen Namen Dialektik und besteht darin, sich um logische Widersprüche nicht zu scheren und Einwände dagegen der Einfalt des Einredners zuzuschreiben. Leistungen wie in älterer Zeit werden aber von Marxisten auf diesem Feld nicht mehr erbracht, weil die Technik nur über die mageren Gerinne eines Engelssches Handbüchleins auf sie gekommen ist, während der Proteus Hegel noch nach Belieben Tsunamis über alle sieben Meere damit schickte. Beispiel in einem Interview des Marxisten Horst Herold: Terrorismus wie jener der RAF habe – aus dialektischen Gründen – nur in einer Zeit auftreten können, zu der in der Gesellschaft völlige Ruhe an der Front der Klassenkämpfe geherrscht habe. Das Interview fand in einer Zeit heftiger Tarifauseinandersetzungen statt, und der Interviewer fügte, wohl zurück in seinem Zimmer, die Schlussfolgerung hinzu: Dann sei ja – aus dialektischen Gründen – derzeit erfreulicherweise jegliche Gefahr terroristischer Anschläge auszuschließen.

    Leninistisches Raunen gibt es mit Sicherheit gar keines. Im Leninismus bedient man sich stattdessen seit jeher der Anapher „Die reaktionärsten Kreise des internationalen Finanzkapitals“, um zu einer detaillierten aktuellen Analyse der Ökonomie und der aktuellen Machtverhältnisse in der Welt zu kommen. Es ist sozusagen das unbezahlbare Fabergé-Ei, in dem noch unentwickelt alle Weisheit der Welt steckt. Der Urheber der Anapher konnte damit sogar ohne jeden Propeller in der Zürcher Spiegelgasse aufsteigen und bis in den Petersburger Winterpalast fliegen.

    PS zu Heidegger: Etymologisierende Begründungen sind argumentationslogisch ebenfalls eine Zumutung.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s