Angst vorm Minarettchen

Mit diesen schnippischen Worten betitelt AfD-Versteher Lenz Jacobsen von der „Zeit“ seinen Versuch, die Ängste der Erfurter und Thüringer vor einem Zehnmeterturm  muslimischer Bauart zu ridikülisieren. Bauen will die Ahmadiyya-Gemeinde, vertreten durch Sulaiman Malik, eben jenem Missionar, mit dem ich im November in Weimar diskutierte. Die Frage „Was wollen die Ahmadiyya?“ wurde seither in mehreren Anläufen auf dieser Seite besprochen. Daß es intrinsische Gründe für Einspruch geben kann, sollte daraus deutlich geworden sein. Daß die Ahmadiyya andererseits eine der wünschenswerteren Formen des Islams vertreten – wenn es denn schon sein muß – ebenfalls.

Wir kennen die Argumente der AfD, wir sehen das Ringen und den vielfältigen Umgang von Höcke bis Meuthen, von Weidel bis Petry, und jeder kann sich dazu verhalten, wie ihm es für richtig erscheint. Ein Argument ist in der ganzen Diskussion freilich überhaupt noch nicht erörtert worden: die Frage der Sicherheit!

Wiederholen wir und schauen wir in die Geschichte. Der wesentliche Unterschied der Ahmadiyya zu sunnitischen und schiitischen Auffassungen ist die Annahme eines Mahdi. Es gibt im Islam sieben anerkannte Hauptpropheten („Rasul“; insgesamt gibt es 25): Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den Mahdi. Die ersten fünf sind biblischen Herkommens, also eine ausbaufähige Gemeinsamkeit mit der christlich geprägten Kultur, Mohammed ist der Prophet des Islam und zugleich das „Siegel der Propheten“, also der letzte – in der gegenwärtigen Zeit. Der Mahdi hingegen – es gibt hier ganz unterschiedliche Interpretationen, man muß abstrahieren – ist der Endzeitprophet, den vor allem die Schiiten sehnsüchtig erwarten, der allerdings auch von den meisten Sunniten anerkannt wird. Ähnlich dem Christentum, gibt es also ein Parusie-Problem. Wer ist der Erlöser? Wann kommt er?

Die Geschichte kennt im islamischen Kontext viele verschiedene Versuche, einen Erlöser zu installieren. Es ist aufschlußreich, sich die theologisch drei bedeutendsten anzuschauen.

Zwar sind die Jesiden im engsten Sinne keine Muslime – ihre Religion speist sich aus zoroastrischen, paganen, islamischen, nestorianischen und anderen Quellen – aber ihr Gründer, Scheich Adi, führt sich auf den omayyadischen Kalifen Marwan I. zurück. Die streng abgeschlossenen Jesiden – man kann nicht konvertieren und auch Heirat ist nur innerhalb der Gemeinde möglich – waren seit je ein Haßobjekt für Muslime. Aus zwei Gründen: die Religion kennt kein Heiliges Buch und der Koran unterscheidet streng zwischen Buchreligionen und Heiden, und sie haben mit Scheich Adi einen Mahdi-ähnlichen neuen Prophet. Daher werden gerade, schariakonform, männliche Jesiden vom IS in der Regel ermordet, weibliche als Sexsklaven mißbraucht.

Die Bahai anerkennen alle Heiligen Bücher und versuchen, vergleichbar den Ahmadiyya, eine ausgleichende, friedliche Interpretation. Früher sah man sie im Westen als „Sekte der Mohammedaner“ (Helfritz).  Ihr Gründer Mirza Ali Muhammed verstand sich ebenfalls als Empfänger göttlicher Offenbarungen und als Mahdi. Diese Gotteslästerung löste empörte und gewaltsame Ausbrüche der schiitischen Bevölkerung aus – der Bab wurde 1850 hingerichtet. Seither sind die Bahai in weiten Teilen der östlichen Welt – Iran, Indien, Pakistan – Verfolgung und Bedrohung ausgesetzt, viele wurden ermordet.

Das dritte historische Beispiel sind die Ahmadiyya selbst. Auch hier hat die Proklamierung eines Mahdi zu Gewalt, Unterdrückung und Totschlag geführt, vor allem in Pakistan, wo 97% der Bevölkerung Muslime sind.

Man sollte zur Kenntnis nehmen: der Mahdi-Gedanke löst bei den meisten Muslimen sofort Skepsis und starke Aversionen aus. Einige von ihnen werden bereit sein, Vertreter dieses Konzeptes auch zu bekämpfen. Noch sind die Ahmadiyya mit ca. 15 Mio Gläubigen in der Welt und 40 000 Bekennenden in Deutschland eine verschwindende Minderheit (unter 1%). Aber sie sind bei exponentiellem Wachstum nicht nur die am schnellsten wachsende Gemeinde, sondern sie praktizieren auch eine sehr intensive Missionsarbeit weltweit und sie erheben den Anspruch, den einzig wahren Islam zu lehren, der sie in historisch absehbarer Zeit zur einzigen und letzten Religion auf dem gesamten Erdball werden läßt (kolportiert werden 300 Jahre, von denen die ersten 120 vorbei sind). Ihr globaler Versuch der Missionierung ist augenfällig, die Osterweiterung in Deutschland folgt einem konzisen Plan, die gebetsmühlenartigen Formulierungen ihrer Vertreter weißen auf eine zentralistische Organisation hin, die Anweisungen von oben nach unten durchsetzt.

Die Hypothese: Sobald sie eine kritische Masse erreicht haben werden, sobald der Mainstream-Islam auf sie aufmerksam geworden ist, sobald er sich bedroht fühlt und sie ernst nimmt, werden sich radikale Kräfte finden, Personen und Einrichtungen physisch zu bekämpfen. Wer, bei aller Friedfertigkeit der Ahmadiyya, eine Verbreitung der Religion unterstützt, könnte innerislamische Machtkämpfe provozieren helfen – von den antiislamischen Impulsen in Teilen der deutschen Bevölkerung ganz zu schweigen.

Auch wenn die Einwohner von Erfurt-Marbach diese mögliche Gefahr noch gar nicht zu sehen scheinen, so zeigen sie doch einen gesunden Skeptizismus und Egoismus, den man nicht lächerlich machen, den man stattdessen ernst nehmen sollte.

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