Der verweigerte Handschlag

Hussain begrüßt mich immer schon im Haus, geht die Kellertreppen mit hinunter, an deren Geländer das Fahrrad verzurrt wird. „Bist du allein?“, frage ich, denn mir war, als hätte ich Stimmen gehört. „Ich habe Besuch, Besucher“, sagt er in gesuchtem, aber perfektem Deutsch. „Mohammed, Salim und die Frau sind da.“

Freundliche Begrüßung, wie jedes Mal. Handschlag, Kuß links, Kuß rechts. Mohammed in langer Unterhose. Salims Frau, ganz in schwarz – nur das helle Gesicht leuchtet – sitzt auf dem Bett in der Ecke und starrt auf ihr Handy. Was tun? Sie ebenso begrüßen, wie es sich gehört oder ihr nur zunicken und sie möglicherweise beleidigen? Irgendwie denke ich auch schon im muslimischen Kontext. Aber dann sage ich mir: hier ist hier und gehe selbstbewußt auf sie zu und strecke meine Hand aus.

Sie schreckt zurück, zieht den Arm eingeschüchtert an ihre Brust. Noch einmal biete ich meine Hand an, lächle, aber sie kann nicht. Die Männer lachen, nun schmunzelt sie auch, ohne mich anzusehen, und auch ich versuche die Situation durch ein Lachen zu entschärfen.

Hussain weiß schon, was kommt, als wir sein Zimmer betreten, und entschuldigt sich, bevor ich ein Wort gesagt habe. Schon sind wir in der Diskussion. Dann kommt Salim dazu und sagt auf Arabisch, daß das nun mal so Sitte sei, dort, wo sie herkommen. „Klar, kein Problem.“ Trotzdem, ich hake nach. Nun steht auch Mohammed am Tisch, durch seine Finger gleiten die Perlen einer Gebetskette. Vier Männer unterhalten sich lautstark, lächelnd, freimütig, die Frau sitzt brav im anderen Zimmer auf dem Bett und gibt keinen Laut von sich. Nicht der verweigerte Handschlag ist das Problem – das sind kulturelle Idiosynkrasien, die man vorerst respektieren sollte -, sondern die Selbstverständlichkeit des weiblichen Ausschlusses, den der verweigerte Handschlag nur symbolisiert. Starrt sie drüben an die Wand, auf ihr Handy, während die Männer reden, schaltet sie ab, verfällt sie in diese seltsame Dumpfheit der Gewöhnung?

Ich frage Salim, ob es für ihn ein Problem gewesen wäre, wenn seine Frau mich berührt hätte? Nein, es ist eben nur so Brauch, meint er. Und hat er selber Probleme, deutsche Frauen per Handschlag zu begrüßen, seine Lehrerin zum Beispiel? Auch das habe er schon gemacht und während er das sagt, vollführt er die Bewegung vor meinen Augen. Es sieht aus, als hätte er einen Elektrozaun berührt. Tut nicht wirklich weh, muß man aber nicht öfters haben. Spielt mein Nicht-Muslim-Sein eine Rolle? Nein, auch Hussain gibt ihr nicht die Hand und noch nicht mal Mohammed, Salims Bruder. Es ist das Mann-Sein, nichts sonst.

Nachdem die Brüder das Zimmer verlassen haben, uns Tee und Kuchen bereiten, kann ich mit Hussain offen drüber reden. Warum? Sollten Männer und Frauen nicht in jederlei Hinsicht gleich sein? Aber Hussain sieht keine Benachteiligung. Beide, Koran wie die Natur schreiben das vor. Das ist normal. Männer und Frauen entscheiden genauso, „but women less“. Der Islam verlange von den Menschen ihre Begierden zu beherrschen und Frauen sind nun mal attraktiv, wecken Lüste im Mann. Daher sollten sie sich bedecken und Kontakt zu anderen Männern meiden.

„Meinst du“, bohre ich, „daß irgend jemand sexuelle Lüste entwickelt hätte, wenn Salims Frau zusammen mit uns Männern über diese Frage diskutiert oder wenn sie uns die Hand gegeben hätte? Und wie erklärst du, daß ausgerechnet Saudi-Arabien die höchsten Vergewaltigungsraten hat?“

Hussain ist klug und es arbeitet sowieso in ihm. „Ihr müßt uns Zeit geben. Wer nach Deutschland will, der muß die Regeln hier beachten. Aber es ist nicht immer einfach. Gebt uns Zeit.“

Wenn’s nach mir ginge …

Ein Gedanke zu “Der verweigerte Handschlag

  1. Leonore schreibt:

    Ach, Seidwalk … wenn es doch nur mehr von Ihrer Sorte gäbe – !

    Mit diesem Stoßseufzer will ich nicht sagen, daß sich dann die Probleme mit muslimischen Zuwanderern früher oder später in Luft auflösen würden. Nur daß die Welt besser und schöner wäre, wenn Menschenfreundlichkeit stets oder wenigstens öfter mit Klugheit und Mut einhergehen würden.

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