Selbstanalyse

Das ist der 200. Artikel auf diesem Blog.

Eigentlich wollte ich in aller Ruhe und in aller Ausführlichkeit ein Buch über den außergewöhnlichen und seltsamen Denker, Heilpraktiker, Homöopathen, ZoologenEsoteriker, Lyriker und Sonderling Herbert Fritsche schreiben. Doch schon im Sommer letzten Jahres ging mir die Konzentration mehr und mehr verloren, zogen die Ereignisse an den Grenzen und auf den Landstraßen Europas, bald darauf auch die chaotischen Zustände in Deutschland alle Aufmerksamkeit auf sich. Schnell war klar: es geht um unser aller Zukunft, es geht um Sein oder Nichtsein. Fritsche, der im seligen Jahre 1961 verstorben war und auf einem ganz anderen Planeten lebte, konnte darauf keine Antwort geben: Demographie, Demokratie, Islam, Integration.

Mit jedem Tag stieg die Spannung. Freund- und Bekanntschaften wurden plötzlich brüchig, der Eindruck, von den meisten Medien manipuliert zu werden, war nicht mehr wegzudiskutieren, das Land begann sich in zwei unversöhnliche Parteien zu spalten, der Dialog zwischen den Positionen mißlang immer öfter. Mir wurde schwer ums Herz, diese seltsame Zukunftsangst kroch hoch, irgend etwas mußte geschehen, den Druck abzulassen, die Sorgen umzuleiten.

Zuerst warf ich mich in die Flüchtlingsarbeit. Ich wollte diese Menschen kennen lernen und ich wollte zumindest denjenigen helfen, die mit größter Wahrscheinlichkeit im Lande bleiben würden, denn wenn diese Personen in die Anonymität absinken würden, in die Parallelgesellschaften, in die Sozialsysteme oder gar in den Untergrund, so dachte ich, dann werden die an sich schon unlösbaren Probleme noch größer. Zuerst waren es Eritreer und Somalier, dann kamen die Syrer hinzu. Mit ihnen konnte ich die Krise auch als persönliche Chance begreifen, denn um den Islam verstehen zu können – das wurde schnell deutlich – wird man wenigstens Grundkenntnisse des Arabischen benötigen und die Syrer, durchschnittlich besser gebildet als sie anderen, eröffneten die Möglichkeit des gegenseitigen Lernens.

Aber je mehr ich von, mit und über die Zugewanderten lernte, umso differenzierter konnte ich die Lage einschätzen, umso mehr Druck zur Entäußerung entstand. So wurde in einer Spontanaktion der Blog gegründet, innerhalb weniger Tage standen mehr als 20 Artikel und noch heute stehen viele in der Warteschleife. Schnell hatte sich eine kleine und, wie ich mit großer Freude feststelle, auch exklusive Leserschaft gebildet. Einige Leser mochten die vielseitige und multiperspektivische Darstellung der Probleme offensichtlich. Ein Artikel, der sich mit dem medialen Mißbrauch in Hinsicht auf die AfD beschäftigte, explodierte mir plötzlich unter der Hand und zog tausende Leser aus aller Welt an und wird selbst heute noch häufig gefunden. Einige dieser Leser sind dem Blog treu geblieben und manchmal kann ich erahnen, wer sie sind und was sie denken.

Und das schafft einen eigenartigen Effekt! Die Vorstellung einer bestimmten Klientel verändert die Art des Schreibens: Kann ich das so sagen? Wird X oder Y dadurch abgeschreckt, provoziert, beleidigt? Wie könnte Z darauf reagieren? …

Auch die Menge der Leser geht nicht unbemerkt an einem vorbei. Selten stimmen die Zugriffszahlen mit der Bedeutung der Texte überein. Grundsätzlichere Beiträge wie „Eritrea unplugged“, „Das Habermas ist voll„, „Mit dem Hammer“, „Warum Köln uns trifft“, „Das Christopherus-Syndrom“, „Clash of civilizations“, „Katastrophendidaktik“, „Die satanischen Verse“, „Die Sloterdijk-Debatte“, „Die Lessing-Legende“, der „Haßprediger“, die Ahmadiyya-Trilogie und einige andere finden oft weniger Leser als Gelegenheitsartikel mit provokanter Überschrift. Es entsteht also eine innere Versuchung, den jeweiligen Titel lärmender, skandalisierender zu gestalten. „AfD“ zieht, „Faschismus“ und „Hitler“ ziehen, „PEGIDA“ zieht … Ein politisch nicht korrektes Wort, eine steile These, ein rotes Tuch voranzuhängen, die Sprache aggressiver zu wählen, deutlicher zu werden, die Offenheit in verschiedene Richtungen aufzugeben, gerade jetzt, wo die nachlassende innere Spannung im Lande auch zu einem Zugriffsrückgang führt … diese Versuchung ist da und es ist davon auszugehen, daß alle Schreibenden, auch die Pressevertreter, dieser Versuchung ausgesetzt sind.

Eine gefährliche Logik – Vorsicht ist geboten –; eine wichtige Erfahrung, die es mir gestattet, auch andere besser zu verstehen.

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10 Gedanken zu “Selbstanalyse

  1. Leonore schreibt:

    Doch … – schon!

    Die hier im Blog und den Kommentaren geäußerten klugen Gedanken haben bei mir durchaus gewisse Glücksgefühle ausgelöst (wobei die aus „Antidiskriminierungsgründen“ dem Schwejk-Zitat angefügte „Trottelin“ zugegebenermaßen die Kirsche auf dem Sahnehäubchen war).

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Man weiß, dass Große häufig pfuschen.
      Betrug auch fehlt nicht eben oft,
      So sehr man andres auch erhofft.
      – Es ist das Regiment der Luschen.

      Wir singen dennoch froh im Chor:
      „Am Galgen hängt man mit Humor!“

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  2. Susanne schreibt:

    @Pérégrinateur
    Mit der Begrifflichkeit „neue Bürger“ hast Du natürlich recht. Heute hörte ich zufällig eine Radiosendung über Konfuzius, in der an einer Stelle seine Warnung vor der falschen Verwendung der Sprache bzw. die Wichtigkeit der richtigen Anwendung eine Rolle spielte. Es ist sehr interessant und hochaktuell, welchen hohen Stellenwert Konfuzius der richtigen Verwendung von Begriffen einräumte. Und mein kleines „Vergehen“ macht in diesem Zusammenhang die gesellschaftliche Unsicherheit deutlich.
    Im Übrigen glaube ich, daß Du es Dir etwas einfach machst, wenn Du die Ereignisse der letzten Zeit in Verbindung mit den Flüchtlingen an einer Person festmachst. Ich will auf keinen Fall die Kanzlerin verteidigen, aber es gehören viele Facatten zu eben dieser Entwicklung. In meinen Augen überschätzt Du eine einzelne Person.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      @Susanne

      Konfuzius kenne ich nur vom Hörensagen, deshalb kann ich dazu nichts Sicheres sagen. Dem Vernehmen nach hatte er ein autoritäres Staatsverständnis. Dann wäre aber vielleicht auch möglich, dass er mit „richtiger Verwendung der Begriffe“ eigentlich meinte „ Wortgebrauch konform zur offiziellen Sprachregelung“. Bitte bloß nicht auch noch harte staatliche Zensur statt der immerhin nur moralistischen Einschüchterungsbestrebungen durch den Verband der sich aufplusternden Jungfrauen! Wenn er jedoch meinte, die Dinge beim Namen zu nennen – gut so!

      Frau Merkel ist durchaus die politische und juristische Verantwortliche (!) dafür, dass man Rechtsordnung und Verfassung umstandslos einfach in den Keller geworfen hat. Ihr Verhalten ist aber sicher nicht die einzige Ursache (!) der Ereignisse, da wäre sicher auch die in Menschheitsbeglückungsrausch verfallene Presse und die teddybärenwerfende Schar der Naiven zu nennen. Aber sie hätte eine gute Chance gehabt, die Sache abzubiegen. Man vergleiche etwa Helmut Schmidt während der Nachrüstungsdebatte. Er hat im Wissen, damit seine Kanzlerschaft zu gefährden, sich gegen eine weitreichende öffentliche Strömung gestellt. Ein solches persönliches Risiko wollte Frau Merkel offenbar nicht eingehen, ihre Regentschaft ist ihr wohl wichtiger als deren Ergebnisse. Wozu eigentlich repräsentative Demokratie, wenn die Repräsentanten weder klüger sind noch auch nur genügend Standvermögen haben, um die Narren zu hüten?

      Übrigens, wer unbeschränkte Versprechen macht, lügt immer. Ebenso wer behauptet, man könne niemanden an der deutschen Grenze aufhalte, wohl aber an der längeren europäischen, aber dort auch nur durch den Staat außerhalb und nicht durch den europäischen Anrainerstaat. Die Verkünder solcher Postulate haben sich wohl irgendwo zwischen den Modalverben können, wollen, sollen, dürfen und müssen verirrt – oder sie führen andere willentlich in den semantischen Sumpf. Wenn das Zuwanderungsland Immigranten aus Gründen ihres angeblich fehlenden Schutzes im Durchwanderungsland aufnehmen muss, wieso kann man dann andererseits wiederum andere umstandlos zwecks Menschenhandel dahin zurückschicken?

      Wer in der Politik die Moral im Munde führt, will in der Regel betrügen. Um die eine Unaufrichtigkeit zu decken, kommt man dann gleich mit der nächsten. Am schlimmsten ist, dass es genügend Einfältige gibt, die solchen konfusen Faslern überhaupt noch glauben, die allenfalls eines können – auf der Klaviatur der Empfindung ihrer Opfer spielen. Die Leichtgläubigen fallen wohl durch die zuvor in ihnen aufgekommene oder in sie eingeflößte Emotion, wider die Überlegung nichts bei ihnen vermag.

      Dummheit soll ruhig leiden, damit sie lernt oder untergeht, das ist evolutionär gesehen vorteilhaft. Leider trifft es auch andere.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Wie auch immer das derzeitige Stücklein der Abderiten für sie selbst ausgehen wird – die eingesetzten Frösche in ihren Gräben wollen wir dessetwegen am wenigsten tadeln – man sollte darüber etwa so empfinden wie Hardy über den beweisbaren Tod Russells:

    “I had, though I was not yet aware of it, the pleasure in demonstrations which is typical of the mathematical mind. After I grew up I found others who felt as I did on this matter. My friend G. H. Hardy, who was professor of pure mathematics, enjoyed this pleasure in a very high degree. He told me once that if he could find a proof that I was going to die in five minutes he would of course be sorry to lose me, but this sorrow would be quite outweighed by pleasure in the proof. I entirely sympathized with him and was not at all offended.”

    Ändern kann man die Welt kaum. Aber man kann ihren Lauf manchmal verstehen, und auf die Freude darüber sollte man keineswegs verzichten. Man halte es also wie Diderot im Garten des Palais Royal: Den Gecken zuschauen, wie sie den käuflichen Damen der Welt nachsteigen, und davon seine Gedanken anregen lassen, die dann aber brav hintereinander im Gänsemarsch gehen sollten.

    Auf die nächsten hundert!

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    • „I do not believe that science per se is an adequate source of happiness, nor do I think that my own scientific outlook has contributed very greatly to my own happiness, which I attribute to defecating twice a day with unfailing regularity.“ (Bertrand Russel: Autobiography III)

      „Zwei Kosmopoliten kommen, der eine von Osten, der andere von Westen, sehen einander zum ersten Male und sind Freunde; nicht vermöge einer geheimen Sympathie, die vielleicht nur in Romanen zu finden ist; nicht weil beschworne Pflichten sie verbinden; sondern weil sie Kosmopoliten sind.“ (Wieland: Geschichte der Abderiten)

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Ich sprach von Freude. Glück wird überschätzt, denn auch für Endorphinausschüttung und -abbau gibt es natürliche Regelkreise – die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Jedenfalls dürfte Russell mit seiner fallengelassenen Bemerkung die eigene Stimmung zum Äußerungszeitpunkt merklich gehoben haben. Ich gönne ihm von Herzen alle drei Freuden.

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  4. Robert schreibt:

    Ich freue mich immer, wenn ich (fast) jeden Tag einen Artikel lesen darf. Vor allem die Bandbreite macht den Blog so spannend. Besonders gern lese ich aber die Innenansichten der Flüchtlingskrise, was geht in den Geflüchteten vor, wie gestalten sie ihren Alltag, welche beiderseitigen Probleme gibt es usw. Also: mach weiter so, Glückwunsch zum 200. und noch viele gute Ideen, eine immer wache Beobachtungsgabe und weiterhin einen kritischen, distanzierten Geist!

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    • Susanne schreibt:

      Da schließe ich mich gerne an. Danke für manche Hilfe beim Denken und Einordnen von Dingen, die sich in den letzten 12 Monate für uns geändert haben. Die persönlichen Erfahrungen sind mir dabei besonders wichtig, da authentisch. Die allgemeine (auch öffentlich-rechtliche) Berichterstattung ist mir wenig Hilfe, denn die Journalisten scheinen oft ebenso hilflos im Umgang mit den neuen Tatsachen zu sein wie die Regierung. Das ist fatal. Auch wenn die Artikel wertungsfrei scheinen, legst Du die Finger in die Wunden, die unerklärlicherweise von seriösen Leuten kaum angesprochen werden aber so weit offen sind. Ich hoffe, dass Deutschland mit seinen „alten“ und neuen Bürgern einen Weg findet, der gangbar ist. Erfahrungen mit so einer Ausnahmesituation gibt es ja nicht. Es wird interessant sein, wie es in 10 Jahren aussieht. Die tägliche Lektüre ist mir ein wichtiges Ritual geworden.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        @Susanne:

        So ganz selbstverständlich ist es ja nicht gerade, dass die „Neuen“ gleich Bürger sein sollten. Es gibt dagegen gewichtige Argumente von kompetenten Juristen. Wo wäre denn die gesetzliche Grundlage dafür? Die Zuwanderungslawine ist doch durch pure Willkür der Bundeskanzlerin in Schwung gekommen, ohne dass sie auch nur den mutmaßlich zumindest anfangs mehrheitlich durchaus zustimmungswilligen Bundesrat mit Notgesetzen für ihre Politik befasst hätte. Im Grunde hat die Kanzlerin den gesetzlichen Zustand und die Verfassung durch Berufung auf höhere, ihr eigene Moral ausgehebelt, und die Gegengewalten im Staat waren bis anhin willige Lämmlein. Seehofer in einem Moment der Deutlichkeit in Bezug auf das Grenzregime: „Es gilt zur Zeit keine Ordnung, es gilt kein Vertrag, es gilt kein Gesetz.“ Sie hat sich also die gesamte Staatgewalt arrogiert und einen weiteren Beleg für das Schmittsche Diktum geliefert: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Wieso sollten die Gegner der Zuwanderung sich dann an eine selbstverständliche Einbürgerung der Neuen moralisch gebunden fühlen? Und wenn sie es nicht sind, um welchen Preis – bis hin zum bürgerlicher Frieden – könnte man diese gegen sie durchsetzen? Irgend jemand hat da offenbar das „Was auch immer du tust, tu es klug und bedenke die Folgen“ sehr frevlerisch missachtet. Offenbar gibt es auch einen Cäsarinnenwahn nach zu langer Regentschaft.

        Sarrazin zitiert in seinem neuesten Buch eine Charakterisierung des Vorgehens als „Hochverrat als Staatsräson“, und das werden noch viele mehr als bisher so sehen, je mehr sie nach und nach persönlich verspüren werden, was für eine Kröte ihnen da in den Hals gestopft wurde. Selbst wenn sie zunächst durchaus willens waren, der pure und allzeit zuverlässige Eigennutz wird schon für die nötige Vergesslichkeit gegenüber der eigenen anfänglichen Begeisterung sorgen, wenn denn diese überhaupt vorlag und nicht nur geheuchelt war, weil man nicht gegen den Strom schwimmen wollte.

        Anders als sonst ist die Hauptverantwortliche für die anstehenden persönlichen Nachteile weiten Kreisen völlig ersichtlich, der Kreis der Betroffenen reicht auch weit über die sonst so folgenlos unbeachtet gelassenen Hungerleider, Nichtwähler und exklusiv per Massenmedien politisch Gebildeten und Geführten hinaus. Etliche darunter besitzen wohl sogar einen Jagdschein. Vor Jahren habe ich einmal gelesen, dass ein erklecklicher Teil der Banküberfälle von selbständigen Kleinunternehmern in Finanznot begangen werde, die ihre Löhne bezahlen und ihren Betrieb retten wollten. Wie wenn man dort nun wegen einer persönlichen Tragödie Anlass zum Hass auf eine herausgehobene Verantwortliche hätte? Uns könnten interessante Zeiten bevorstehen – im Sinne des chinesischen Fluches.

        Die größere Gefahr sehe ich demgegenüber allerdings persönlich darin – denn auch ich bin egoistisch – dass der Staat, um solche irgendwann absehbare Entwicklungen abzuwenden, eine Orgie der Repression beginnt – ein Einzelner kann vielleicht Dutzende in Unglück und Tod stürzen, der Leviathan dagegen unschwer Tausende. Aber schon der erste Ausgang wäre schlimm genug, denn wer sollte denn an Frau Merkels Stelle treten? Um es mit den klassischen besorgten Worten von Josef Schwejk zu sagen: „Der Ferdinand lässt sich nicht durch jeden beliebigen Trottel ersetzen.“ Aus Antidiskiminierungsgründen müsste man dem heute selbstredend hinzufügen: „oder jede beliebige Trottelin“.

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