Leben und Sterben in Syrien

Das Telefon klingelt, mitten im Gespräch. Und noch mal. Früher ertönte ein „Allahu Akbar“, jetzt ist es ein gewöhnliches Klingeln.

„My family“, sagt Hussain und schaut mich fragend an. „Go ahead“. Aber die Verbindung ist zu schlecht, nur ein paar Satzfetzen kommen durch.

Hussain kommt aus Idlib, glaubte ich bisher. Nun fällt ein anderer Name: Kafar Adweed. Ein kleines Städtchen 35 km südlich von Idlib. Dort lebt der Rest der Familie noch immer im eigenen Haus. Einige Geschwister haben Syrien bereits verlassen oder studieren im Land. Sechs Zimmer habe das Haus, zwei Etagen und eigentlich ist es seit Jahren noch im Rohbau. Die obere Etage ist nicht fertig und wird es vorerst auch nicht. Es fehlt das Geld. Der Vater versucht die Familie mit einem kleinen Lebensmittelgeschäft am Leben zu erhalten.

Im Moment ist es vergleichsweise ruhig, aber erst vorgestern wären in der Nähe Bomben gefallen. Von wem? Von Assad natürlich! Aber weshalb? Niemand weiß das. Es gibt dort nichts, alles sei random, zufällig. Kafar Adweed liege in einer freien/befreiten (free) Zone und Assad betrachte es damit als Feindgebiet. Seit Beginn des Krieges seien bereits 15 Mitglieder seiner Familie im Krieg umgekommen. Er selbst habe einige Male im selbstgebauten Schutzloch gesessen und die Einschläge rechts und links gehört. In diesem Jahr sind allein fünf Verwandte gestorben: drei Kinder, ein Mann, eine junge Frau. Cousins und Cousinen. Im Dorf, am anderen Ende, habe es gerade 10 Tote gegeben.

Während Hussain das sagt, suche ich nach Emotionen und finde sie nicht. „Wie geht ihr damit um, mit der Trauer?“ Wie soll man damit umgehen? Man begräbt die Toten, man ist traurig, der eine mehr, der andere weniger und das Leben geht weiter.

Auch wenn der Name „Allah“ diesmal nicht fällt, so war er doch gemeint: „Allahu Akbar“

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3 Gedanken zu “Leben und Sterben in Syrien

  1. Leonore schreibt:

    Ich halte es für ein schweres Verbrechen, in anderen Ländern Rebellen mit Waffen auszurüsten und damit Bürgerkriege zu entfachen. Assad mag ein Diktator gewesen sein, aber die Normalbevölkerung und selbst religiöse Minderheiten konnten in Frieden leben. Mein Vertrauen in die guten Absichten der Amerikaner, Diktaturen in Demokratien verwandeln zu wollen, wird von Jahr zu Jahr geringer.

    Zu Ihrem letzten Satz: „Inschallah“ ist, glaube ich, das Wort, das Sie meinen. Allahu akbar ist eher der kämpferische, triumphale oder trotzige Ruf, nicht der dem Schicksal bzw. Allahs Willen ergebene.

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    • Man hört es immer wieder von den Syrern: die Jahre vor dem Bürgerkrieg, speziell die Zeit um die Jahrtausendwende, waren glückliche und üppige Jahre, trotz des „Diktators“. Man hatte sich im Leben eingerichtet und wie immer bei nur halboffenen Gesellschaften, Mittel Wege gefunden, die Grenzen, Einengungen, Verbote etc. zu umgehen – DDR-Erfahrene wissen, was ich meine.

      Der Allah mußte hier die von ihm eröffnete Klammer schließen – steckt freilich auch im Inschallah, aber nicht für alle sichtbar und nicht spiegelbildlich.

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