Annäherung über den Streit

Endlich geht es los. Endlich geht es ans Eingemachte. Um ein bißchen zu provozieren, lasse ich Hussain Vers 119 (118) der dritten Sure lesen, die da lautet:

„O die ihr glaubt, nehmt euch nicht andere zu vertrauten Freunden, unter Ausschluss der Eurigen; sie werden nicht verfehlen, euch zu verderben.“

Wir nutzen die Übersetzung der Ahmadiyya, die zwar wenig verbreitet ist, die jedoch den deutschen und den arabischen Text gut leserlich präsentiert. Da der Eingangsvers „Bismi-llāhi …“, die Basmala, hier jeweils mitgezählt wird, differiert die Versnummer jeweils um die Zahl Eins zu den üblichen Ausgaben.

„Nehmt euch nicht andere zu vertrauten Freunden … sie werden nicht verfehlen, euch zu verderben.“ – darauf kam es mir an. „Sei vorsichtig, mein Freund“, sage ich, „genau das habe ich vor, genau das kann passieren, wenn du dich mit mir einläßt“. Und schon sind wir mittendrin, denn natürlich muß man den Kontext beachten.

Hussain weist mich auf einen anderen Vers hin, um das zu verdeutlichen:

60.9: „Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht bekämpft haben des Glaubens wegen und euch nicht aus euren Heimstätten vertrieben haben, gütig zu sein und billig mit ihnen zu verfahren; Allah liebt die Billigkeit Zeigenden.“

und ich brauche ihn nur kurz zu überfliegen, um auszurufen: „Perfekt – besser kann man den Unterschied zwischen Jesus und Mohammed nicht auf den Punkt bringen.“ Denn wo Jesus eine Affirmation setzt – „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen … (Mt.5.44) – bemüht Mohammed eine konditionale „Doppelnegation: „verbietet euch nicht gegen jene, die euch nicht bekämpft haben“. Allah verbietet die Güte nicht, fordert aber auch nicht dazu auf. Und die, die euch bekämpft haben, gegen die seid nicht gütig?

Dann kommt die alte Frage nach dem Kontext – man müsse die gesamte Herleitung lesen:

60.8: „Vielleicht wird Allah Liebe setzen zwischen euch und denen unter ihnen, mit denen ihr in Feindschaft lebt; denn Allah ist allmächtig und Allah ist allverzeihend, barmherzig. 60:9 Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht bekämpft haben des Glaubens wegen und euch nicht aus euren Heimstätten vertrieben haben, gütig zu sein und billig mit ihnen zu verfahren; Allah liebt die Billigkeit Zeigenden. 60:10 Allah verbietet euch nur, mit denen, die euch bekämpft haben des Glaubens wegen und euch aus euren Heimstätten vertrieben und (anderen) geholfen haben, euch zu vertreiben, Freundschaft zu machen. Und wer mit ihnen Freundschaft macht – das sind die Missetäter.“

Was zu beweisen war.

Wenn der Muslim jemanden mag, dann will er ihn vor der Hölle bewahren – auch das stecke in diesen Zeilen. Dabei schaut Hussain mich an, als ob er mich meint: das Mögen und die Hölle.

Aber vor allem der Kontext müsse noch weiter befragt werden, denn in welcher Situation hatte Mohammed dies gesagt? Er bezieht sich dabei, so werde ich unterrichtet, auf die Schlacht von Badr 624, die eine zentrale Stellung in der Geschichte und Mythologie des Islam einnimmt. Dort besiegte Mohammed eine übermächtige Armee der Mekkaner und dieser unwahrscheinliche Sieg wurde von ihm als Zeichen Gottes gewertet. Gerade diese Verse werden von ISIS und anderen Fanatikern mißbraucht.

Alles gut und schön, erwidere ich, aber an der prinzipiellen Differenz – Affirmation und Negation, unbedingtes Vergeben und bedingtes Vergeben – ändert das nichts.

Ja, aber man könne dem auch viele andere Verse entgegenhalten und müsse die Botschaft des ganzen Buches beachten.

Das wiederum gebe ich zu, halte es aber für unmöglich, insbesondere bei „Heiligen Büchern“, die einen Großteil ihrer Faszination eben aus der inhärenten Widersprüchlichkeit beziehen …

Wir zerren noch ein wenig hin und her, müssen den Streit dann aber vertagen – weil der weitere Kontext tatsächlich fehlt. Also muß und werde ich den Koran weiter lesen …

So kann sie aussehen: die Annäherung über den Streit.

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