Die Chance des „Haßpredigers“

Pierre Vogel hat sich verdient gemacht – er hat es auf die Todesliste des „Islamischen Staates“ geschafft. Die dürfte mittlerweile deutlich länger sein als die lange Schlange selbstmordbereiter Gürtelträger, so daß man hoffen darf, den Salafisten-Prediger noch eine Weile unter uns zu haben.

"The punishment for apostasy" © Dabiq

„The punishment for apostasy“ © Dabiq

En passant versorgte uns die Skandalnachricht mit der Information über die Existenz einer „Vogue“ der Islamisten, eines Glanzmagazins namens „Dabiq“. Dabiq ist eine Stadt in Syrien – dort soll nach islamischer Überlieferung der finale Kampf zwischen den Rechtgeleiteten und den Ungläubigen stattfinden, das islamische Armageddon.

Zwei Clicks von Google entfernt, kann man das Magazin als PDF herunterladen. Eine interessante, eine aufschlußreiche Lektüre – aufgrund des Bildmaterials FSK 18. Anhand des Artikels „Kill the imams of kufr in the west“ läßt sich die Denke der Endzeitkrieger plastisch darstellen.

Aber schon das Vorwort verrät das Betriebsgeheimnis. Es ist die Zweiwertigkeit, die strikte Teilung in Gut und Böse, in „ja, ja, nein, nein“, entweder-oder, ohne Zwischentöne, es ist das totale Sendungsbewußtsein, die verabsolutierte Prämisse Islam/Muslim. Das einmal verstanden, macht Sätze wie diesen ein klein bißchen weniger schockierend: “The death of a single Muslim, no matter his role in society, is more grave to the believer than the massacre of every kāfir on earth. – Der Tod eines Muslims, ganz gleich, welche Rolle er in der Gesellschaft einnimmt, ist für den Gläubigen schlimmer als das Massakrieren aller kāfir (Ungläubigen) auf der Welt.“ Kann man ruhig erst mal setzen lassen. …

Das ganze gepaart mit Endzeitvisionen und fertig ist der IS-Sauerteig: „Any disbeliever standing in the way of the Islamic State will be killed, without pity or remorse, until Muslims suffer no harm and governance is entirely for Allah.” Mehr ist es im Grunde nicht. Jeder Idiot kann das begreifen und auch, daß es dann gute Gründe gibt, auf der richtigen Seite zu stehen. „Unlike the slaves of Shaytān, who strike with all their mor­tal might yet fear their mortal fate, the slaves of ar-Rahmān are prepared to meet their Lord, hopeful of His acceptance. Those kuffār who presume their bombs and proxy soldiers will cause the Islamic State to stop should realize that the soldiers of the Khilāfah have surrendered themselves to Allah, the Cre­ator of all things and Master of the Universe. There is thus no possibility of their surrender to humans.”

Nun freilich gilt es zu definieren, was ein Ungläubiger ist und was nicht. Zentralbegriff in dieser Kausalkette ist die „Apostasie“, also das Verlassen oder Wechseln der Religion. Man nennt das „Ridda“ im Islam und der Abtrünnige ist ein „Murtad“ und ihn erwartet, laut Koran, „der Zorn Gottes“ und „eine gewaltige Strafe“ (16.106), „der Fluch Gottes und der Engel“ (3.86ff.), „Sie werden Insassen des Höllenfeuers sein und (ewig) darin weilen“ (2.217). Es gibt eine ganze Theologie darüber, was mit den Abtrünnigen zu geschehen hat; bis heute ist man sich flächendeckend – aber nicht einhellig – darüber einig, daß der Tod im Hier und Jetzt die beste Strafe sei und man kann sich dabei auf Hadithe und andere Quellen berufen. Das muß uns in diesem Kontext weniger beschäftigen, die Theologie des IS ist nämlich, wie gesagt, eineindeutig: Prämisse: „Contrary to popular misconception, riddah (apostasy) does not exclusively mean to go from calling oneself a Muslim to calling oneself a Jew, Christian, Hindu, Buddhist or otherwise. In reality, there are only two religions. There is the religion of Allah, which is Islam, and then the religion of anything else, which is kufr.” Konklusion: “So whatever is not Islam is not the religion according to Allah and it will never be accepted.”

Die einzige Differenz, die der namenlose IS-Theologe einführt, ist die zwischen „Heuchler“ und „Lügner“ (munāfiq) und  „Abtrünnigem“ (murtadd). „The person who calls himself a ‚Muslim‘ but unapologetically commits blatant kufr is not a munāfiq (hypocrite), as some mis­takenly claim. Rather, he is a murtadd (apostate). The difference between nifāq (hypocrisy) and riddah is that a munāfiq conceals his kufr and openly manifests Islam, quickly apologizing if ever his cover is blown. The murtadd, on the other hand, openly commits his kufr after ascribing to Islam.”

Besagter Artikel beginnt exakt mit diesem Statement: „Das Gesetz für eine Person, welche riddah (Apostasie) begeht, verlangt die Todesstrafe, es sei denn, er bereut, bevor er gefaßt wird.“ Das führt zu scheinbar absurden Situationen, zu einer uns heute fremden Logik, die freilich strukturell auch aus christlichen Kontexten – dem Luthertum etwa – vorzufinden sind: „It should then be no sur­prise that Amīrul-Mu’minīn (Führer der Gläubigen) Abū Bakr al-Baghdādī (hafidhahullāh – Allah beschütze ihn) declared that any of the apostates from the sahwāt or otherwise who repent to Allah and surrender themselves to the Islamic State will be guar­anteed amnesty, even if they had killed a million mu­jāhidīn. But those who are caught before they repent, then there is no amnesty for them and theirs shall be a painful – and fatal – punishment.” (sahwāt – bedeutet „erwachen“ und wird von Djihadisten abwertend für politische Gegner genutzt) – selbst eine Million getötete Mujaheddin sind vergeben und straffrei, sobald man bereut und sich dem Islam unterwirft.

Nun wird, typisch fundamentalistische textbasierte Ideologie, eine ganze Reihe an vom Propheten überlieferten Beispielen gegeben. Daß Mohammed in seiner Zeit Verräter und Apostaten töten ließ, mag zeitgeschichtlich erklärbar sein, der IS weidet sich jedoch an der oft als unislamisch bezeichneten Brutalität: „The news reached the Prophet, so he sent trackers to find them. After they were found, he ordered that their eyes be gouged out with iron nails, their hands and feet be cut off, and they be left atop the volcanic rock field begging for water, which they would not be given, until they died in that condition [al-Bukhārī and Muslim].” Usw., es folgen “other examples of Allah’s Messenger kill­ing apostates” und auch Abu Bakr und andere Kalifen standen dem nicht nach.

Wichtiger sind stets die Schlußfolgerungen, auch wenn es allmählich ermüdet: „so despite calling themselves ‚Muslims‘ and accepting most of the revelation from Allah to His Messenger, their blood became halāl and killing them became wājib (Pflicht, Notwendigkeit).“

Historisch allerdings, zum großen Bedauern der IS-Indoktrinateure, wurde die Sharia nach dem Untergang der großen Kalifate nicht mehr angewendet, denn „kufr crept into Muslim lands by way of Sūfī and Rāfidī (schiitische Lehre) infiltration“ und damit wurde die Strafe für Apostasie oft nicht mehr vollstreckt und erst dank des „Wiedererstarkens des Kalifats“ könne nun endlich wieder ordentlich Recht gesprochen werden. Interessant auch die Nennung der im Westen so gern bejubelten mystischen Sufi-Bewegung als Ursache und Feind.

Dann folgt eine letzte Argumentationsvolte, bevor man sich den „Murtaddin in the West“ widmet – der Rekurs auf die stolze Geschichte, die psychosoziale Ursache und die Einführung des eigentlichen transzendenten Gegners Shaitan, der Teufel: „Within decades, the im­poverished and malnourished few thousand herders, date palm farmers, and trading travelers – the greatest, most knowledgeable, and most pious generations of the Ummah – plowed through the Roman and Per­sian empires to become literal masters of lands and people from the Iberian Peninsula to the Himalayas. The driving force was not wealth; nor the establish­ment of personal or tribal power; it had nothing to do with the world that was to be conquered. Instead, it was the Ākhirah – the life yet lived – that pushed the Muslims to their limits in order to please their Lord, the Creator, the Master of the Universe; for the life of this world, even at the height of its splendor and pleasantries, will always be the believer’s prison.

While the Crusaders have been the most apparent adversary of the Muslims for the past thousand years, one must never forget the original enemy of Islam and its nation. Shaytān, through his cunning and experi­ence with kufr, has always tried to infiltrate the Um­mah.”

Schließlich beginnen die Mujaheddin-Denker den Theorie-Haufen zusammenzukehren, um ihr Feindbild aufzubauen: die Kreuzfahrer-Nationen haben sich mit Shaitan verbündet und fanden kein besseres Mittel, ihre Ziele zu erreichen, als die Umma mit Leugnern und Apostaten zu durchsetzen, um die wahren Muslime vom Glauben abzubringen, sie zu kuffar zu machen und das ist man schon, wenn man auch nur ein einziges Gebot Allahs mißachte. Diese Allianz zwischen Shaitan, Kreuzfahrern (westliche Länder) und Murtaddin schwäche in der Tat die Umma. Anstatt die riesige Migration von Muslimen in die Länder der „mushrik“ (falsche Gottesanbeter) zur Islamisierung, zum Djihad zu nutzen, haben sich viele Muslime verweichlicht, die Bequemlichkeiten des modernen Lebens angenommen und letztlich ihre Identität verändert und verloren. Deren Kinder nahmen dann die Irrlehren der Demokratie und des Liberalismus an und diese Irrlehren wiederum fanden eine neue Brutstätte bei „islamischen“ Gelehrten, die sie weiter verbreiten und damit großen Schaden anrichten. Eines ihrer verabscheuenswürdigen Mittel der Hirnwäsche sei z.B. ihre Eloquenz, ihre rhetorische Gabe, dabei hatte doch schon al-Bukhari gelehrt und einen Riegel vorgeschoben: „Verily from eloquence comes sorcery” – ein Widerspruch, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß Mohammed höchstselbst ein eloquenter Redner gewesen sein soll und der Koran als Gipfelpunkt auch der Rhetorik gilt.

Die Lösung für all diese Probleme liegt auf der Hand – die Überschrift des Artikels läßt keinen Zweifel.

Nun werden sie alle aufgezählt und ihre Untaten erwähnt: Hamza Yusuf z.B., der mit Juden und Christen zusammenarbeitete, wovor schon der Prophet gewarnt hatte, oder Suhaib Webb, Hisham Kabbani, Yasir Qadhi, Tawfique Chowdhury, Bilal Philips etc. Das sind nun alles keine Vorzeigedemokraten, weit entfernt. Darunter sind aus westlicher Sicht sehr bedenkliche Namen, sogenannte „Haßprediger“. Bilal Philips etwa wurde 2011 nach einem medienwirksamen Auftritt in Frankfurt und an der Seite Pierre Vogels des Landes verwiesen …

Apropos Pierre Vogel! Sein Name findet – entgegen des Eindrucks, den die Skandalmedien machen wollten – keine Erwähnung im Text. Nur ein Bild zeigt und erwähnt ihn. Vermutlich ist er eine zu kleine Nummer für den IS.

An seiner Stelle würde ich das als Chance begreifen.

"The apostates Bilal Philips and Pierre Vogel" © Dabiq

„The apostates Bilal Philips and Pierre Vogel“ © Dabiq

Zum Thema: Schutz dem Vogel, Pierre

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10 Gedanken zu “Die Chance des „Haßpredigers“

  1. Leonore schreibt:

    @Peregrinateur

    Gegen die etwas unfreundlichen, vor allem aber ungerechtfertigten Unterstellungen im vorletzten Abschnitt Ihrer Zuschrift möchte ich Hamad Abdel-Samad gern in Schutz nehmen.

    Aus Ihrem Kommentar wird ersichtlich, daß Sie sich noch nicht mit dem Thema „Islam“ beschäftigt haben. Hier ist nun nicht der Platz, daran zu arbeiten.

    Ich greife deshalb einfach Ihre Frage „Was davon findet man denn nun bei den Islamisten oder gar den Dschihadisten wieder?“ auf und überlasse es Abdel-Samad, Ihnen zu antworten. Sie brauchen nicht mehr zu tun als zuzuhören:

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    • Pérégrinateur schreibt:

      @Leonore

      Also ich habe nur knapp eine Viertelstunde des Gesprächs ertragen, woran auch diese „Narrativ“-Schleuder von Gesprächspartner nicht gerade eben unschuldig war. (Im Falle ebenso großer „Diskurs“-Seligkeit wäre meine Aufmerksamkeit übrigens noch erheblich viel früher geschwunden …)

      Wodurch sieht Abdel-Samad nach den eigenen Worten die „faschistischen“ Züge des Dschihadismus belegt?

      1. Einteilung der Welt in Gut und Böse
      2. Streben nach Weltherrschaft
      3. Antisemitismus
      4. Glauben an die eigene Auserwähltheit
      5. Betrachten der Nichtgläubigen und Gegner als Untermenschen

      Sind diese Eigenschaften denn nun für den Faschismus kennzeichnend und unterscheiden sie ihn umgekehrt von anderen Ideologien?

      Zu 1.: Sind denn wirklich alle Faschismen so manichäisch gewesen? Franco etwa schickte seine Blaue Division durchaus gegen den allbösen Abendlandsfeind im Osten, hütete sich aber davor, Händel mit den Westmächten anzuzetteln, und meines Wissens gab es auch kein Schüren einer ideologischen Konfrontation zu ihnen.
      Zu 2.: Strebte Mussolini wirklich die Weltherrschaft an oder doch nur ein romnostalgisches Mare-Nostrum-Reich so etwa ums Mittelmeer herum. Hatte er denn etwa Ambitionen auf Südamerika und Ostasien?
      Zu 3.: Der italienische Faschismus war antisemitisch auch erst in einer Spätphase, als Italien von Deutschland machtpolitisch völlig abhängig geworden war. Das war also kein essentielles Element der ideologische Suppe.
      Zu 4.: Der Glaube an die eigene Auserwähltheit, der kommt nun in der Tat so nur noch beim Faschismus vor, nicht wahr?
      Zu 5.: Die „Anderen“ als Untermenschen zu betrachten war zugegebenermaßen ebenfalls ein exklusives Merkmal des Faschismus. Wenn ein zivilisationsverbreitender Kipling „the white man’s burden“ im Munde führte und mit einem „but we have got the Gatling gun“ triumphierte, war das ja nur menschheitlich bzw. technisch gemeint, nicht wahr?

      Ich hoffe, damit meinen Kritikpunkt – dass den Islamismus als einen Faschismus zu fassen zu versuchen analytisch wertlos ist – damit nochmals verdeutlicht zu haben. Um ein Phänomen zu fassen, sollte man seinen Merkmalsvektor exakt bestimmen. Wenn man dann nur teilweise Übereinstimmung mit dem eines anderen Phänomens findet, sollte man nicht schlankweg unter dieses subsumieren. Analyse und daraus vielleicht gezogene Konsequenzen sollte nicht auf einem nur halb haftendem Etikett basieren, worauf man dann per falschem Analogieschluss weiterfolgert. Zumal die verschiedenen Faschismen untereinander durchaus auch noch gewaltige Unterschiede aufwiesen. In Italien etwa setzte der Große Faschistische Rat, als der Krieg schlecht lief, den Duce schlichtweg ab, während Hitlers Regiment bis zum Ende fortbestand. Womit wir bei einem anderen Aspekte wären, der bei diesem Vergleich unterbeleuchtet bleibt: der je verschiedene Grad an Führerkult.

      Ein wesentlicher Unterschied, der bei Identifikation oder Subsumtion auch ganz ausfällt, ist zum Beispiel der Litteralismus der Islamisten. Alle faschistischen Regime in Europa in den 30er und 40er Jahren waren zu sehr pragmatischen Entscheidungen fähig, während die Aussichten des Dschihadismus sehr darunter kranken dürften, dass die ja durchaus sehr opferbereiten Anhänger stur gegen die Wand der Umstände rennen. Womit zum Beispiel Al Qaida im Westirak die lokalen Stämme gegen sich aufgebracht hatte. Das Grundgesetz erfolgreichen Machterwerbs und ebensolcher Machtbehauptung ist eben stets ein gehöriges Maß an Pragmatismus und Opportunismus. Das zu sehen, sind diese litteralistischen Der-Islam-ist-die-Lösung-Phantasten aber zu blöde, und gleichzeitig haben sie keine so herausgehobenen Führergestalten, dass diese den letztbegründeten ideologischen Tanker drehen könnten.

      Besser, als seine Schlussfolgerungen auf eine hinkende Subsumtion zu stützen, ist es jedenfalls, ohne propagandistisches Schlagwort wie „faschistisch“ die oben angemahnten wirklichen Merkmale für Schlüsse heranzuziehen.

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      • Leonore schreibt:

        @Pérégrinateur

        Mir scheint, Sie haben Ihr Verdikt aus Ihrem ersten Post durch Ihre längere Erwiderung selbst widerlegt. Sie schrieben:

        „Was davon findet man denn nun bei den Islamisten oder gar den Dschihadisten wieder? Im Grunde doch nur, dass sie sehr militant sind, also – für die beati possedentes von Wohlstand und Hegemonie, sie ihre Stellung nicht verlieren wollen – böse.“

        Nun zählen Sie immerhin mehrere Punkte auf:

        1.. Einteilung der Welt in Gut und Böse
        2. Streben nach Weltherrschaft
        3. Antisemitismus
        4. Glauben an die eigene Auserwähltheit
        5. Betrachten der Nichtgläubigen und Gegner als Untermenschen

        „Untermenschen“ empfinde ich übrigens fast schon als Euphemismus, wenn es einerseits um die „Vernichtung von Volksschädlngen“ oder „Klassenfeinden“ geht und auf der anderen Seite von sozusagen allerhöchster Stelle zu hören ist, daß diejenigen Christen und Juden, die den Islam nicht annehmen wollen, „schlimmer als das Vieh“ wären, und daß Atheisten und Angehörige anderer Religionen nicht einmal die Möglichkeit, als gedemütigte Dhimmis weiterzuleben, eingeräumt bekommen.

        Bei Ihrer Aufzählung fehlen noch das „Führerprinzip“ und der Totalitarismus, denn alle Bereiche des Lebens werden von der Ideologie durchdrungen (gerade sehr gut am Beispiel von „Gender Mainstreaming“ zu sehen). Der „Führer“ im Islam ist letzte Instanz für Weltliches und Religiöses – bei Beidem wird das alltägliche Verhalten bis ins Detail geregelt und vorgeschrieben.

        Da jede totalitäre Ideologie, ob Nationalsozialismus oder Kommunismus eine Art Pseudoreligion ist, kann ich Abdel-Samad verstehen, daß sich ihm die Parallelen aufdrängen. Daß er das Bedürfnis hat, darüber zu schreiben, ebenfalls: Schließlich muß er einerseits unter Polizeischutz leben, andererseits erleben, daß der Islam von allen möglichen Leuten als „friedliche Religion“ bezeichnet wird. (Nein – ich habe NICHT behauptet, daß alle Muslime gewalttätig wären! Aber sie sind nicht deshalb friedlich, weil ihre Religion sie dazu auffordern würde.)

        Als Ex-Kanzler Gerhard Schröder im Zusammenhang mit dem Minarettverbot in der Schweiz schrieb: „Der Islam ist keine totalitäre Ideologie, sondern eine friedliche Religion“, ermöglichte die FAZ der türkischstämmigen Soziologin Necla Kelek, darauf mit einem Artikel zu antworten, in dem sie u.a. schrieb: „Ich verstehe nichts von Gasleitungen, darum schreibe ich nicht darüber.“ :

        http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-recht-auf-minarette-gerhard-schroeders-fauler-friede-1895745.html

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      • Pérégrinateur schreibt:

        @Leonore, 22.05.2016 21:09 Uhr

        Mir ging es ums meiner Ansicht nach falsche Etikett „faschistisch“. Dass der Islamismus eine äußert unangenehme Weltanschauung ist, wollte ich gar nicht in Abrede stellen. Durch Durchgehen der aufgeführten Punkte hoffte ich gezeigt zu haben, dass einige gar nicht bei den Faschismen anzutreffen waren und dass einige – die Antworten zu den Punkten 4 und 5 waren ironisch – eine weite Verbreitung besitzen: Wie anders denn als Welthegemoniestreben sollte man denn etwa die Bestrebungen unserer derzeitigen „Weltordnungsmacht“ ansehen? Den Auserwähltheitsglauben finden Sie auch bei unseren unverbrüchlichen Freunden und das Untermenschendenken im europäischen Kolonialismus.

        Führerkult sehe ich umgekehrt vergleichsweise wenig am Islamismus. Natürlich werden diese Gruppen autoritär geführt, aber der neue Kalif der Isis klebt eben nicht als großflächiges Bild an jedem öffentlichen Gebäude und das Fußvolk wechselt doch ersichtlich die Loyalität sehr leicht, sobald andere Gruppierungen mehr Erfolg haben. Grund ist wohl, dass die Anführer nur eine abgeleitete Autorität besitzen, die sich durch den Erfolg beweisen muss. „Der Islam ist die Lösung“ – und eben nicht der jeweilige Chef. Der einzige unfragliche Führer ist im Grund nur Mohammed, der aber tot ist. Gut für die ideologische Verklärung, aber schlecht für die tägliche Führung.

        Wenn Abdel-Samad die Friedlichkeit des Islams in Abrede stellt, hat er auch meines Erachtens alles Recht der Welt dazu und außerdem noch gute Gründe. Wenn er unpassende Begriffe anwendet, hat er auch alles Recht der Welt dazu, trifft es aber nicht. Die Polemik in Frau Keleks Worten über Schröder kann ich durchaus genießen. Nach dem ersten Lacher fällt mir dann aber auf, dass einem russischen Gaslobbyisten Lobbyismus für konkurrierende arabische Gasinteressen zu unterstellen etwas unplausibel ist. Oder haben Sie etwa in jüngster Zeit Anzeichen bemerkt, dass er den Patron wechseln wollte?

        Scharfe Worte sehr gerne – aber sie sollten genau treffen.

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      • Leonore schreibt:

        @Péregrinateur (5:38 h)

        Na, ich danke bestens für Ihren freundlichen Hinweis auf die Ironie …

        Auf die bin ich gar nicht erst eingegangen, weil es mir – mit Verlaub – zu albern war. Natürlich kann man dies und das auch hier und dort feststellen, aber inwiefern ist das eine Widerlegung der These, daß es sich hier um Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Faschismus handelt?

        Daß das Führerprinzip durchaus vorhanden ist (in Mohammed, der selbstredend für immer und ewig DAS Vorbild ist, an dem man sich in Reden und Handeln zu orientieren hat, dem man nachfolgen und möglichst ähnlich werden muß, „sofern man sich Hoffnung auf das Paradies macht“ (S.33,21) – das ist die Bedeutung von „Sunna/ der Weg/ Tradition“), war Ihnen ja dann auch noch eingefallen, wenn sie auch seine Bedeutung offenbar unterschätzen. Daß Mohammed tot ist, spielt doch überhaupt keine Rolle. Im Denken und Fühlen und Handeln der Menschen ist er lebendig. Die Hadithen werden schon kleinen Kindern erzählt und sind wesentlich präsenter als die – nur nach dem Klang in Hocharabisch – auswendig gesungenen Verse des Korans. Sämtliche Fatawa werden so beantwortet, daß sein Vorbild zu Rate gezogen wird – selbst für Fragen wie, ob man sich die Finger nach dem Essen ablecken soll oder nicht (stöbern Sie mal im Fatawa-Archiv des Islaminstituts der evangelischen Allianz! Da hab ich auch das erwähnte Gutachten gefunden – hab es mir nur nicht gespeichert und jetzt keine Zeit zum Suchen. Viel wichtiger für das Zusammenleben sind ja auch folgende:

        Wo kriegt man die Sklavinnen her, mit denen Sex außerhalb der Ehe erlaubt ist?

        http://www.islaminstitut.de/Anzeigen-von-Fatawa.43+M5384a573195.0.html

        Wann fängt der Dschihad endlich an? (Nicht, solange die anderen stärker sind)

        http://www.islaminstitut.de/Anzeigen-von-Fatawa.43+M5b09982cde0.0.html

        Das Verhalten gegenüber Ungläubigen:

        „(…)
        Der Islam hat uns verboten, uns ähnlich wie die Ungläubigen zu kleiden oder ähnlich wie sie zu essen und zu trinken. Denn wir sind die Überlegenen und die Ungläubigen sind die Unterlegenen. Der Überlegene ahmt nicht den Unterlegenen nach. Allahs Prophet, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, hat denjenigen, der die Ungläubigen nachahmt, die Hölle versprochen: ‚Wer ein Volk nachahmt, wird einer von ihnen.‘ Diese [Aussage Muhammads] wurde von Abu Dawud (3412) überliefert. Al-Albani stufte diese Überlieferung als authentisch ein [also als hadith sahih]. Die Überlieferung kann (unter Sahih Abu Dawud. 3401) aufgefunden werden.

        Unser Prophet [Muhammad] hat uns befohlen, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, wenn wir in der Lage sind, sie in ihren Ländern zu erobern und sie vor die Wahl zu stellen, bevor wir ihre Länder erobern: 1. Zum Islam überzutreten. In diesem Fall werden sie [die Ungläubigen] wie wir betrachtet, sie haben unsere Pflichten und Rechte; 2. Tribut [an Muslime] im erniedrigten Zustand zu zahlen; 3. Sich für den Krieg [gegen uns Muslime] zu entscheiden. In diesem Fall werden uns [im Falle unseres Sieges] ihr Eigentum, ihre Frauen, Kinder und Ländereien gehören. Sie gelten den Muslimen als Kriegsbeute.
        Quelle: http://www.islam-qa.com/ar/ref/13759

        http://www.islaminstitut.de/Anzeigen-von-Fatawa.43+M5cd9e64504c.0.html

        Ich möchte daran erinnern, daß ich Ihre – von mir als unfreundlich und unfair empfundenen – Angriffe gegen Abdel-Samad („Denunziationsvokabel“ etc.) zum Anlaß genommen hatte, auf Ihren Post zu reagieren. Daß Sie geschrieben hatten:

        Für „Parteimilizen“ und „Schützengraben“ braucht man nur andere Wörter einzusetzen – (was glauben Sie denn, wie sich Mohammed durchgesetzt hat? Lesen Sie doch mal die Sira von Mohammed, wie mittels Meuchlemorden an Kritikern (vor allem „Spöttern“!) und dem Kopfabschneiden vieler hundert wehrloser Gefangener Kritik zum Verstummen, Menschen durch schiere Angst (aber natürlich nicht durch Zwang …) zum Konvertieren gebracht wurden, wie in den folgenden Jahrhunderten die eroberten Völker durch ein sukzessive durchgesetztes Dhimmisystem ausgebeutet, entrechtet, unterdrückt und durch Pogrome dezimiert wurden).

        Zu Ihrer Kritik an Frau Kelek:

        „Die Polemik in Frau Keleks Worten über Schröder kann ich durchaus genießen. Nach dem ersten Lacher fällt mir dann aber auf, dass einem russischen Gaslobbyisten Lobbyismus für konkurrierende arabische Gasinteressen zu unterstellen etwas unplausibel ist. Oder haben Sie etwa in jüngster Zeit Anzeichen bemerkt, dass er den Patron wechseln wollte?“

        Auch hier ist Ihre Argumentation nur scheinbar logisch. Schröder ist keineswegs NUR der Gaslobbyist – er ist immer noch auch SPD-Ex-Kanzler und hat sich als dieser auch im Wahlkampf gezeigt, um seinen Genossen beizuspringen.Diese Intention stand wohl auch hinter seiner erwähnten Einlassung.

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  2. Kurt Droffe schreibt:

    Das Ganze erinnert vor allem an eine der beiden „großen“ totalitären (gibt es andere?) Ideologien des 20. Jahrhunderts, den Kommunismus: Der für sicher gehaltene Besitz der reinen Lehre, die Zwecke, die jedes Mittel heiligen, die Abwesenheit, ja das brutale Verfolgen jeglicher Selbstkritik und jedes „Abweichlertums“ gerade unter den prinzipiellen Anhängern, und eben natürlich die Zuschreibung aller Mißerfolge nicht etwa der eigenen Unzulänglichkeit, sondern dem Wirken übler Machenschaften des Bösen, in beiden Fällen gerne der USA und der Verräter in den eigenen Reihen (ein wunderbares Beispiel: http://kurt-gossweiler.de/). Auch diese ganze Auslandspropaganda erinnert an die Unterstützung der kommunistischen Bruderparteien im Ausland, und die „Umma“ ist letztlich auch eine Erscheinungsform der „Internationale“. Ich bin da kein Experte, denke aber, daß es „Islamismus“ in dieser Form ohne die Vorbilder der anderen beiden totalitären Ideologien nicht geben würde (wobei der Vergleich mit dem Nationalsozialismus nicht so einfach anzustellen wäre). Zumindest sind solcherart Totalitarismen ohne den Bezug auf die moderne Staatlichkeit nicht zu denken, weil nur der Staat eben diesen totalen Zugriff auf Mensch und Ressourcen ermöglicht.
    Und jetzt kann man lange darüber nachdenken, was dieser „mindset“ für die Physiognomie und Überlebensfähigkeit solcher Staatswesen bedeutet.

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    • Interessanter Gedanke – da ist ganz sicher „was dran“. Aber es gibt auch wesentliche Differenzen, die man nicht unterschlagen darf.

      Der Kommunismus etwa basiert auf einer fast vollständig durchgearbeiteten Theorie – zumindest was die Ökonomie und die Erkenntnistheorie betrifft -, deren innerer Motor die Dialektik war und die nach den Gründervätern deswegen nie und nimmer hätte verkrusten dürfen. Daß sie ihre eigene Orthodoxie geschaffen hatten, war ihnen wohl nicht bewußt, wie man sich selbst meist ohnehin aus der Rechnung nimmt.

      Den Koran – als ein einziges Buch – damit zu vergleichen, ist schlichtweg unmöglich. Man kann ihn intellektuell überhaupt nur als Offenbarung entschuldigen – bei Gott ist bekanntlich nichts unmöglich.

      Zudem kennt die Geschichte des Islams eine ganze Reihe an Islamismen und „dunklen Zeitaltern“; genau genommen überwiegt diese sogar und wurde nur von einzelnen hellen Perioden, die man uns heute gerne als Leitbild präsentiert, unterbrochen.

      Was Sie beobachten, ist, so finde ich, weniger die Gegenüberstellung eines Ersten mit einem Zweiten, sondern weißt auf den Bezug zu einem Dritten hin, in dem sich auch die genannten Strömungen treffen: ein vermutlich anthropologisch begründbarer Hang zur Verabsolutierung sobald „man“ das Sagen hat. Und die Möglichkeit der institutionellen Verfestigung.

      Die demokratische Grundidee ist es, genau diese „menschlichen Schwächen“ institutionell zu beherrschen, was bis zu einem gewissen Maße möglich schien – nun holt uns die Realität aber ein: Auch im demokratischen Unterstrom setzt sich die Machtverabsolutierung im Großen wie im Kleinen durch und die Demokratie erweist sich als zu träge, um auf die akuten Menschheitsprobleme adäquat reagieren zu können. Sie krankt, sie wird anfällig und ihre Feinde haben dafür ein gutes Gespür: Je kränklicher sie wird, umso stärker werden die Attacken von innen und außen werden.

      Darüber kann man auch mal nachdenken, was das für die Überlebensfähigkeit bedeutet.

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    • Leonore schreibt:

      @Kurt Droffe

      „Ich bin da kein Experte, denke aber, daß es „Islamismus“ in dieser Form ohne die Vorbilder der anderen beiden totalitären Ideologien nicht geben würde (wobei der Vergleich mit dem Nationalsozialismus nicht so einfach anzustellen wäre)“

      Hamad Abdel-Samad, der sich eher als links einordnet, hat ein Buch „Der islamische Faschismus“ geschrieben, in dem er die Parallelen zwischen diesem und dem Islam aufzeigt. Dieses Buch des von mir – schon deshalb, weil er sich von Buch zu Buch kontinuierlich weiter bildet und entwickelt – sehr geschätzten Autors hatte ich zunächst NICHT gekauft. Der Titel schien mir zu polemisch, ich mochte es einfach nicht haben.

      Dann hörte ich ihn in einem Vortrag auf Youtube genau darüber sprechen, und siehe da: Von der unterstellten Polemik/Hetze war gar nichts vorhanden! (Daß sowas mal mir passieren würde – wo ich doch sonst eher zu den Opfern von Unterstellungen gehöre und von Anfang an hätte mißtrauisch gegenüber den eigenen Vorurteilen sein sollen!) …

      Natürlich habe ich mir dann auch dieses (wie alle seine anderen) Bücher gekauft – und sie kurz darauf mal alle bei einem „Live“-Vortrag von ihm mit seiner – übrigens ausgesprochen schönen – Signatur versehen lassen.

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      • Was freilich nicht ausschließt, daß der Titel unglücklich gewählt war. Argumentativ ist der „Islamische Faschismus“ sein schwächstes Buch, aus dessen Mißverständnissen er wohl auch gelernt hat. Wie gesagt, diese Direktvergleiche funktionieren nicht – nichts ist wie etwas anderes, aber beides kann einem Dritten, Abstrakten gleichen. So meinte es Abdel-Samad wohl auch, nur ist der Faschismus-Begriff zu stark belegt für ein Drittes.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Den historischen Faschismus zeichnen bestimmte Züge aus, die man am Islamismus schon erst mal finden sollte, ehe man intellektuell redlich zu solchen Identifikationen wie „Islamofaschismus“ kommen kann. Den Faschismus zeichnete aus, dass er sich dank Parteimilizen an die Macht boxte, die von enttäuschten Weltkriegsteilnehmern gespeist wurden, welche die in den Schützengräben gelernten rabiaten „Lösungsmethoden“ auf die Innenpolitik anzuwenden gesonnen waren. Er entwickelte immer einen einen Führerkult. Er verstand und verhielt sich als antikommunistische und antiproletarische Bürgerkriegsarmee.

        Was davon findet man denn nun bei den Islamisten oder gar den Dschihadisten wieder? Im Grunde doch nur, dass sie sehr militant sind, also – für die beati possedentes von Wohlstand und Hegemonie, sie ihre Stellung nicht verlieren wollen – böse.

        Jeder Bindestrich-Faschismus ist deshalb nüchtern betrachtet nur eine Denunziationsvokabel, gierig aufgeschnappt von jenen, deren politische Gewissheiten ihrem fühlenden Bauchgekröse erwachsen und die nur noch eine Brücken-Assoziation zu einem etablierten Schlagwort für „das Böse“ hin brauchen. Analytisch ohne jeden Wert. Aber was tut man nicht alles, wenn man draufhauen will und die Hand schon mit einem bestimmten Hammer vertraut ist?

        Und jetzt noch das schlagende Argument für die Schlichtesten im Geiste: Hat man je einen unrasierten Faschisten gesehen? — Sind denn die Dschihadisten dann nicht eher Islamomarxisten?

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