Die Chance des „Haßpredigers“

Pierre Vogel hat sich verdient gemacht – er hat es auf die Todesliste des „Islamischen Staates“ geschafft. Die dürfte mittlerweile deutlich länger sein als die lange Schlange selbstmordbereiter Gürtelträger, so daß man hoffen darf, den Salafisten-Prediger noch eine Weile unter uns zu haben.

"The punishment for apostasy" © Dabiq

„The punishment for apostasy“ © Dabiq

En passant versorgte uns die Skandalnachricht mit der Information über die Existenz einer „Vogue“ der Islamisten, eines Glanzmagazins namens „Dabiq“. Dabiq ist eine Stadt in Syrien – dort soll nach islamischer Überlieferung der finale Kampf zwischen den Rechtgeleiteten und den Ungläubigen stattfinden, das islamische Armageddon.

Zwei Clicks von Google entfernt, kann man das Magazin als PDF herunterladen. Eine interessante, eine aufschlußreiche Lektüre – aufgrund des Bildmaterials FSK 18. Anhand des Artikels „Kill the imams of kufr in the west“ läßt sich die Denke der Endzeitkrieger plastisch darstellen.

Aber schon das Vorwort verrät das Betriebsgeheimnis. Es ist die Zweiwertigkeit, die strikte Teilung in Gut und Böse, in „ja, ja, nein, nein“, entweder-oder, ohne Zwischentöne, es ist das totale Sendungsbewußtsein, die verabsolutierte Prämisse Islam/Muslim. Das einmal verstanden, macht Sätze wie diesen ein klein bißchen weniger schockierend: “The death of a single Muslim, no matter his role in society, is more grave to the believer than the massacre of every kāfir on earth. – Der Tod eines Muslims, ganz gleich, welche Rolle er in der Gesellschaft einnimmt, ist für den Gläubigen schlimmer als das Massakrieren aller kāfir (Ungläubigen) auf der Welt.“ Kann man ruhig erst mal setzen lassen. …

Das ganze gepaart mit Endzeitvisionen und fertig ist der IS-Sauerteig: „Any disbeliever standing in the way of the Islamic State will be killed, without pity or remorse, until Muslims suffer no harm and governance is entirely for Allah.” Mehr ist es im Grunde nicht. Jeder Idiot kann das begreifen und auch, daß es dann gute Gründe gibt, auf der richtigen Seite zu stehen. „Unlike the slaves of Shaytān, who strike with all their mor­tal might yet fear their mortal fate, the slaves of ar-Rahmān are prepared to meet their Lord, hopeful of His acceptance. Those kuffār who presume their bombs and proxy soldiers will cause the Islamic State to stop should realize that the soldiers of the Khilāfah have surrendered themselves to Allah, the Cre­ator of all things and Master of the Universe. There is thus no possibility of their surrender to humans.”

Nun freilich gilt es zu definieren, was ein Ungläubiger ist und was nicht. Zentralbegriff in dieser Kausalkette ist die „Apostasie“, also das Verlassen oder Wechseln der Religion. Man nennt das „Ridda“ im Islam und der Abtrünnige ist ein „Murtad“ und ihn erwartet, laut Koran, „der Zorn Gottes“ und „eine gewaltige Strafe“ (16.106), „der Fluch Gottes und der Engel“ (3.86ff.), „Sie werden Insassen des Höllenfeuers sein und (ewig) darin weilen“ (2.217). Es gibt eine ganze Theologie darüber, was mit den Abtrünnigen zu geschehen hat; bis heute ist man sich flächendeckend – aber nicht einhellig – darüber einig, daß der Tod im Hier und Jetzt die beste Strafe sei und man kann sich dabei auf Hadithe und andere Quellen berufen. Das muß uns in diesem Kontext weniger beschäftigen, die Theologie des IS ist nämlich, wie gesagt, eineindeutig: Prämisse: „Contrary to popular misconception, riddah (apostasy) does not exclusively mean to go from calling oneself a Muslim to calling oneself a Jew, Christian, Hindu, Buddhist or otherwise. In reality, there are only two religions. There is the religion of Allah, which is Islam, and then the religion of anything else, which is kufr.” Konklusion: “So whatever is not Islam is not the religion according to Allah and it will never be accepted.”

Die einzige Differenz, die der namenlose IS-Theologe einführt, ist die zwischen „Heuchler“ und „Lügner“ (munāfiq) und  „Abtrünnigem“ (murtadd). „The person who calls himself a ‚Muslim‘ but unapologetically commits blatant kufr is not a munāfiq (hypocrite), as some mis­takenly claim. Rather, he is a murtadd (apostate). The difference between nifāq (hypocrisy) and riddah is that a munāfiq conceals his kufr and openly manifests Islam, quickly apologizing if ever his cover is blown. The murtadd, on the other hand, openly commits his kufr after ascribing to Islam.”

Besagter Artikel beginnt exakt mit diesem Statement: „Das Gesetz für eine Person, welche riddah (Apostasie) begeht, verlangt die Todesstrafe, es sei denn, er bereut, bevor er gefaßt wird.“ Das führt zu scheinbar absurden Situationen, zu einer uns heute fremden Logik, die freilich strukturell auch aus christlichen Kontexten – dem Luthertum etwa – vorzufinden sind: „It should then be no sur­prise that Amīrul-Mu’minīn (Führer der Gläubigen) Abū Bakr al-Baghdādī (hafidhahullāh – Allah beschütze ihn) declared that any of the apostates from the sahwāt or otherwise who repent to Allah and surrender themselves to the Islamic State will be guar­anteed amnesty, even if they had killed a million mu­jāhidīn. But those who are caught before they repent, then there is no amnesty for them and theirs shall be a painful – and fatal – punishment.” (sahwāt – bedeutet „erwachen“ und wird von Djihadisten abwertend für politische Gegner genutzt) – selbst eine Million getötete Mujaheddin sind vergeben und straffrei, sobald man bereut und sich dem Islam unterwirft.

Nun wird, typisch fundamentalistische textbasierte Ideologie, eine ganze Reihe an vom Propheten überlieferten Beispielen gegeben. Daß Mohammed in seiner Zeit Verräter und Apostaten töten ließ, mag zeitgeschichtlich erklärbar sein, der IS weidet sich jedoch an der oft als unislamisch bezeichneten Brutalität: „The news reached the Prophet, so he sent trackers to find them. After they were found, he ordered that their eyes be gouged out with iron nails, their hands and feet be cut off, and they be left atop the volcanic rock field begging for water, which they would not be given, until they died in that condition [al-Bukhārī and Muslim].” Usw., es folgen “other examples of Allah’s Messenger kill­ing apostates” und auch Abu Bakr und andere Kalifen standen dem nicht nach.

Wichtiger sind stets die Schlußfolgerungen, auch wenn es allmählich ermüdet: „so despite calling themselves ‚Muslims‘ and accepting most of the revelation from Allah to His Messenger, their blood became halāl and killing them became wājib (Pflicht, Notwendigkeit).“

Historisch allerdings, zum großen Bedauern der IS-Indoktrinateure, wurde die Sharia nach dem Untergang der großen Kalifate nicht mehr angewendet, denn „kufr crept into Muslim lands by way of Sūfī and Rāfidī (schiitische Lehre) infiltration“ und damit wurde die Strafe für Apostasie oft nicht mehr vollstreckt und erst dank des „Wiedererstarkens des Kalifats“ könne nun endlich wieder ordentlich Recht gesprochen werden. Interessant auch die Nennung der im Westen so gern bejubelten mystischen Sufi-Bewegung als Ursache und Feind.

Dann folgt eine letzte Argumentationsvolte, bevor man sich den „Murtaddin in the West“ widmet – der Rekurs auf die stolze Geschichte, die psychosoziale Ursache und die Einführung des eigentlichen transzendenten Gegners Shaitan, der Teufel: „Within decades, the im­poverished and malnourished few thousand herders, date palm farmers, and trading travelers – the greatest, most knowledgeable, and most pious generations of the Ummah – plowed through the Roman and Per­sian empires to become literal masters of lands and people from the Iberian Peninsula to the Himalayas. The driving force was not wealth; nor the establish­ment of personal or tribal power; it had nothing to do with the world that was to be conquered. Instead, it was the Ākhirah – the life yet lived – that pushed the Muslims to their limits in order to please their Lord, the Creator, the Master of the Universe; for the life of this world, even at the height of its splendor and pleasantries, will always be the believer’s prison.

While the Crusaders have been the most apparent adversary of the Muslims for the past thousand years, one must never forget the original enemy of Islam and its nation. Shaytān, through his cunning and experi­ence with kufr, has always tried to infiltrate the Um­mah.”

Schließlich beginnen die Mujaheddin-Denker den Theorie-Haufen zusammenzukehren, um ihr Feindbild aufzubauen: die Kreuzfahrer-Nationen haben sich mit Shaitan verbündet und fanden kein besseres Mittel, ihre Ziele zu erreichen, als die Umma mit Leugnern und Apostaten zu durchsetzen, um die wahren Muslime vom Glauben abzubringen, sie zu kuffar zu machen und das ist man schon, wenn man auch nur ein einziges Gebot Allahs mißachte. Diese Allianz zwischen Shaitan, Kreuzfahrern (westliche Länder) und Murtaddin schwäche in der Tat die Umma. Anstatt die riesige Migration von Muslimen in die Länder der „mushrik“ (falsche Gottesanbeter) zur Islamisierung, zum Djihad zu nutzen, haben sich viele Muslime verweichlicht, die Bequemlichkeiten des modernen Lebens angenommen und letztlich ihre Identität verändert und verloren. Deren Kinder nahmen dann die Irrlehren der Demokratie und des Liberalismus an und diese Irrlehren wiederum fanden eine neue Brutstätte bei „islamischen“ Gelehrten, die sie weiter verbreiten und damit großen Schaden anrichten. Eines ihrer verabscheuenswürdigen Mittel der Hirnwäsche sei z.B. ihre Eloquenz, ihre rhetorische Gabe, dabei hatte doch schon al-Bukhari gelehrt und einen Riegel vorgeschoben: „Verily from eloquence comes sorcery” – ein Widerspruch, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß Mohammed höchstselbst ein eloquenter Redner gewesen sein soll und der Koran als Gipfelpunkt auch der Rhetorik gilt.

Die Lösung für all diese Probleme liegt auf der Hand – die Überschrift des Artikels läßt keinen Zweifel.

Nun werden sie alle aufgezählt und ihre Untaten erwähnt: Hamza Yusuf z.B., der mit Juden und Christen zusammenarbeitete, wovor schon der Prophet gewarnt hatte, oder Suhaib Webb, Hisham Kabbani, Yasir Qadhi, Tawfique Chowdhury, Bilal Philips etc. Das sind nun alles keine Vorzeigedemokraten, weit entfernt. Darunter sind aus westlicher Sicht sehr bedenkliche Namen, sogenannte „Haßprediger“. Bilal Philips etwa wurde 2011 nach einem medienwirksamen Auftritt in Frankfurt und an der Seite Pierre Vogels des Landes verwiesen …

Apropos Pierre Vogel! Sein Name findet – entgegen des Eindrucks, den die Skandalmedien machen wollten – keine Erwähnung im Text. Nur ein Bild zeigt und erwähnt ihn. Vermutlich ist er eine zu kleine Nummer für den IS.

An seiner Stelle würde ich das als Chance begreifen.

"The apostates Bilal Philips and Pierre Vogel" © Dabiq

„The apostates Bilal Philips and Pierre Vogel“ © Dabiq

Zum Thema: Schutz dem Vogel, Pierre