Schutz dem Vogel, Pierre

Haßprediger Pierre Vogel auf ISIS-Todesliste“ – solcherart, in vielerlei Varianten, lauteten die Schlagzeilen der Medienriesen. Wer sich auch nur ein wenig mit Islam und Islamismus in Deutschland beschäftigt, kommt an dem lustigen jungen Mann mit rotem Bart und weißem Kaftan nicht vorbei. Ein Lächeln hat er stets parat und mich zumindest bringen seine Videobotschaften auch immer wieder zum Lachen. Der komplexen Wahrheit näher dürfte der Slogan des BR kommen: „Sozialarbeiter, Salafist, Hetzer – Pierre Vogel gilt als gemäßigter salafistischer Prediger. Seine Anhängerschaft will er auf den Pfad der Tugend führen – ein gottgefälliges Leben ohne Drogen und Disko. Aber dabei bleibt es nicht immer. Vogel-Zöglinge militarisieren sich.“

Mir scheint, Vogel ist tatsächlich sanfter geworden. Je mehr er sich in seine bemerkenswert gelehrte arabisch-islamische Welt vergräbt, umso weniger scheint die alte Boxer-Mentalität hervor. Tatsächlich  aber hat er ein Problem: Manche seiner Schüler wollen mehr. Gerade erst machte der Fall der 15-jährigen Polizistenattentäterin aus Hannover die Runde. Eine Tat, die Vogel verurteilte, aber das „belastende“ Videomaterial, das ihn vor sechs Jahren stolz die junge übereifrige und lernwillige Safia S. präsentieren läßt, ist nun mal da. Vogel erntet nicht zum ersten Mal die bitteren Früchte der Radikalisierung. Wie ein Zauberlehrling, der das Wort vergessen hat, kann er die Geister, die er rief, nicht mehr bewältigen: sie stürzen rechts und links an ihm vorbei in die heilige Schlacht. Dem Staatsschutz ist er zu extrem, er steht unter Beobachtung.

Seit ein paar Tagen hat der Salafist ein zweites Problem. Einigen ist er nicht radikal genug. Nicht irgend jemand mäkelt da, sondern ein Gegner, den man nicht gern hat: der IS. In seiner letzten Ausgabe der Hochglanzzeitschrift „Dabiq“ wird er – so schreiben es die Medien – auf eine Todesliste von „abtrünnigen Imamen“ gesetzt. Kritische Äußerungen zu jüngsten Terrorattacken dürften eine Rolle gespielt haben.

Häme ist fehl am Platze: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“ … Manch ein Leser mag in einem ersten Impuls gedacht haben: Sollen sie sich doch gegenseitig abschlachten. Das wäre fatal.

Tatsächlich sollte man weiterdenken. Angenommen, die Drohung wäre real, hätte Pierre Vogel dann nicht ein Anrecht auf Polizeischutz? Nicht nur auf Über-, sondern auch auf Bewachung? So wie ein Böhmermann etwa oder ein Abdel-Samad?

Er hätte nicht nur ein Recht darauf, es wäre auch die Pflicht des Rechtsstaates für ihn einzustehen. Die Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Ideologie kann nur besiegt werden, wenn man die Kette unterbricht.

Und manchmal, und manchmal, wenn auch selten, gibt es Wunder und Zeichen. So zum Beispiel geschehen mit Ahmed Akkari, einst leitender Imam in Aarhus und Hauptverantwortlicher für die Exzesse der Mohammed-Krise. Trotz des immensen Schadens, den auch sein Handeln angerichtet hatte, begegnete ihm die dänische Gesellschaft im Großen und im Kleinen weiterhin mit Offenheit und Toleranz. Und irgendwann – das wird später Thema eines Artikels sein – irgendwann mußte Akkari die Stärke der „Schwäche“ begreifen, irgendwann erweichte sich sein Herz und er bat um Vergebung, löste sich vom radikalen Islam, begann offen darüber zu reden und aufzuklären und wirkt seither auf der demokratischen Seite – freilich noch immer, wenn auch aus anderen Gründen, unter dem Schutz des Staates.

Aber selbst, wenn es solche Bekehrungen nicht geben sollte, so verpflichten uns unsere Werte dazu, innerhalb unserer Gesellschaft, auch und gerade unsere Feinde in angemessenem Umfang und gegen äußere Bedrohungen, zu schützen. Nur das kann die Überlegenheit des demokratischen Wertesets beweisen.

Lesen Sie zum Thema: Die Chance des „Haßpredigers“

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