Nachhilfe für Gauland?

Drei islamophile Argumente begegnen einem immer wieder, wenn es um den Zusammenprall der Kulturen, der „abendländisch-christlichen“ mit der islamischen geht. Es werden die Kreuzzüge als Paradebeispiel einer europäischen Schuld erwähnt, man verweist auf das Idyll eines friedlichen Zusammenlebens el-Andalus und die Bedeutung der islamischen Philosophie für das europäische Geistesleben. Keines der Beispiele hält in seiner Verabsolutierung einer genaueren Prüfung stand: die historische Bedeutung der Kreuzzüge wird extrem überzeichnet und der Kontext in der Regel verzerrt, das Multikulti-Idyll Andalusien ist wesenhaft Mythos und war weit weniger islamisch kulturell geprägt als meist unterstellt – die Rolle der islamischen Philosophie soll in aller Kürze hier behandelt werden.

Gerade feiert der „Focus“ – seiner journalistischen Pflicht der objektiven Berichterstattung folgend – die Demontage des AfD-Funktionärs Alexander Gauland: eine „Lehrstunde zum ‚christlichen Abendland‘“ sei ihm bei Maybrit Illner erteilt worden, in einer Sendung, die eigentlich die Parallelgesellschaften thematisieren sollte, die jedoch einmal mehr zum AfD-Prügeln wurde.

GaulandGauland ließ vernehmen: „Wenn der Islam zu Deutschland gehören würde, dann müßte man anders darüber reden. Aber sie brauchen ja nur in irgendein Museum gehen und sich die Bilder des Abendlandes angucken, da stellen Sie fest, daß der Islam eben keine Spuren in diesem Lande hinterlassen hat als Tradition.“ Woraufhin der Soziologe Leggewie mit dem Bilderverbot im Islam konterte. Ein unbemerktes Eigentor, denn die Frage im Hintergrund lautet doch: Weshalb kennt der Islam überhaupt ein Bilderverbot und verschwände nicht die gesamte westliche bilderbasierte Kultur, würde das Bilderverbot akzeptiert werden?

Ein noch größeres Eigentor schoß allerdings Sineb El Masrar. Im O-Ton „Focus“:

Auftritt El Masrar: Die Publizistin mit marokkanischen Wurzeln erteilt dem 75-Jährigen Nachhilfe: „Bezogen auf das kulturelle Erbe, was ja anscheinend sehr viele umtreibt: Hier in Europa ist man sehr  stolz auf die Aufklärung. Und ohne einen islamischen Gelehrten aus dem schönen Andalusien im 12. Jahrhundert, Ibn Rushd, der zum Teil auch in Marokko gelebt hat, wäre diese Aufklärung in der Form gar nicht möglich gewesen. Weil er tatsächlich der Brückengeber war, der die griechischen Philosophen übersetzt und somit erst Europa möglich und zugänglich gemacht hat.“

Zugegeben, Ibn Rushd lebte zeitweise in Marrakesch (heute Marokko), alles andere an dieser Aussage ist fragwürdig bis falsch. Sie kann daher als schöne Blaupause dienen.

Ibn Rushd war ein bedeutender Denker, keine Frage, aber zu behaupten, daß die Aufklärung ohne ihn nicht möglich gewesen wäre, ist katastrophal übertrieben. Die Aufklärung war ein multikausaler und notwendiger Prozeß, der sich über viele Jahrhunderte entwickelte und aus vielen Quellen speiste, nicht zuletzt aus dem Christentum. Aus diesem wuchsen Humanismus, Renaissance und Reformation hervor und diese stellten in der Tat eine Neubewertung der antiken griechischen Philosophie (Platon, Neuplatonismus und Aristoteles) dar. Deren Schriften waren im „Mittelalter“ weitgehend in Vergessenheit geraten. Europa mußte sich seine Urquellen erst wieder erschließen und tat das auf sehr vielfältige Weise. Eine davon war der Zugriff auf die islamische Philosophie, deren herausragende Vertreter die klassischen Schriften am Leben erhielten. Al-Kindi, Al-Farabi, Al-Ghazzali, Ibn Sina und Ibn Rushd haben sich durchaus große Verdienste erworben, die ersten beiden auch durch Übersetzungen, die sie z.T. nicht selber leisteten, sondern christliche Mönche damit beauftragten. Ibn Rushd – hier irrt Frau El Masrar komplett – ist durch Übersetzungen überhaupt nicht aufgefallen: er beherrschte das Griechische nämlich gar nicht!

Neben den arabischen spielen aber auch syrische und hebräische Übersetzungen eine große Rolle und eine ganze Reihe an Texten war schlicht und einfach auch im altgriechischen Original erhalten worden. Nicht zu vergessen die jüdisch-christliche Übersetzungsarbeit (Schule von Toledo), die Übertragungen ins Hebräische und Lateinische vornahm. Es sollte deutlich geworden sein, daß die arabischen Übertragungen der griechischen Klassiker bedeutend, aber nicht einzigartig waren und daß der Prozeß der Aufklärung auch ohne sie wohl stattgefunden hätte.

Besagter Ibn Rushd ist als feiner Denker und ausgiebiger Kommentator aristotelischer Schriften bekannt geworden. Immerhin war sein Denken so frei und „unislamisch“, daß man seine Bücher noch zu Lebzeiten verbrannte und er verbannt wurde. Fragt man heutige Muslime, dann kennen sie ihn kaum und falls doch, als Arzt und Wissenschaftler – ein Schicksal, das er mit Ibn Sina teilt. Seine kritischen philosophischen Gedanken sind noch immer häretisch, sie leben, im kleinen akademischen Winkel, fast nur in Europa fort.

Der größte Fehler, den dieses Argument jedoch beinhaltet, ist ein logischer, ist die Verwechslung von Botschaft und Boten, von Primärem und Sekundärem, von Fundament und Haus. Ohne es zu verstehen, nutzt Frau El Masrar sogar das treffende Bild: „Brückengeber“. So ist es: Ibn Rushd ist der, nein ein Brückenbauer – selbstverständlich ohne sich dessen bewußt zu sein -, vielleicht auch eine Brücke oder ein Dammbrecher, aber Aristoteles, die griechische Klassik, ist der Fluß! Ohne ihn keine Brücke aber ohne Brücke noch immer Fluß! Selbst die beeindruckende arabische Philosophie hätte es ohne Platon und Aristoteles nicht gegeben, denn das koranische Denken tendiert apriori und aus sich selbst heraus zur Stagnation. Nicht die europäische Philosophie hängt von der arabischen ab, auch wenn sie von ihr beeinflußt wurde, sondern die arabische von der europäischen.

Das Wesentliche ist und bleibt die griechische Philosophie, die abendländisch-griechische Philosophie, oder, wie Heidegger sagte: „Der gegenwärtige planetarisch-interstellare Weltzustand ist in seinem unverlierbaren Wesensanfang durch und durch europäisch-abendländisch-griechisch.“  (Erläuterung zu Hölderlins Dichtung. S. 177)


Ibn Rushd als Schüler - Ausschnitt aus: Raffaels "Die Schule von Athen" © gemeinfrei

Ibn Rushd als Schüler – Ausschnitt aus Raffaels „Die Schule von Athen“ © gemeinfrei

Gänzlich spurlos ist der Islam dennoch nicht an europäischen „Museen“ vorbeigegangen. Auf Raffaels Monumentalfresko „Die Schule von Athen“ kann man auch Ibn Rushd sehen, mit Turban, am linken Rand und nicht zufällig in die Aufzeichnungen des Pythagoras vertieft – als Schüler Athens! Im Zentrum des Bildes stehen Platon und Aristoteles, vor ihnen Leere und asymmetrisch Diogenes von Sinope. Mehr dazu hier: Was ist Kynismus?

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