Großes Theater

Das örtliche Theater gibt „Nathan der Weise“. Man hätte darauf wetten können. Und es offeriert Freikarten für Asylbewerber. Eine Kombination, die man sich nicht entgehen lassen darf.

Erfahrungen machen klug – und manchmal wohl auch weise. Diesmal jedenfalls frage ich, ob Vorstellungszeiten und Gebetszeiten kompatibel sind für meine muslimischen Schützlinge. Sie sind es nicht. Hmm. Was tun? Nun, wenn das Theater freien Eintritt gewährt, so sollte es auch Gebetsräume zur Verfügung stellen, nicht wahr?

Der erste Anruf an der Rezeption wirkt wie eine Komödie. Die Person am anderen Ende verstummt plötzlich, verfällt dann in Schnappatmung, man spürt regelrecht, wie jemand um Fassung ringt, um dann mit zittriger Stimme vorzuschlagen: „Ich werde mich kümmern“. Der emotionale Einschlag war nicht zu verkennen, es genügen nur ein paar Andeutungen – „Ich verstehe die Situation … auch ich bin kritisch“ –, um den Redefluß der erregten Dame in Gang zu bringen: Wo solle das nur enden? Nichts gegen Flüchtlinge, aber … Wie solle das denn weitergehen etc.

Ich frage nach: „Spricht man im Theater denn nicht darüber? Immerhin werden die Neuankömmlinge gezielt beworben.“ – Ach nein, niemand spricht. Alles unter vorgehaltener Hand. Die Stimmung ist schlecht. Die eine Gruppe befürwortet, die andere lehnt ab, dazwischen gibt es nichts und sagen dürfe man ja sowieso nichts …

Tags darauf bekomme ich einen Anruf. Man werde da was organisieren. Müßten auch Gebetsteppiche gestellt werden? Ich antworte: Es muß gar nichts. Ich wollte lediglich wissen, ob es in der Pause einen ruhigen Raum gäbe, in dem meine beiden syrischen Freunde beten könnten. Fünf Minuten und alles ist vorbei.

So geht es ein paar Mal hin und her, die Anfrage scheint die Runde im ganzen Theater gemacht zu haben, es war ein kleineres Erdbeben. Vielleicht ist einigen auch erst bewußt geworden, daß es mit Freikarten eben nicht getan ist.

Davon zeugt drei Wochen später noch die Themeneinführung ins Stück. Eine Theaterangestellte versucht sich darin, die zahlreichen Verwicklungen des Stückes und die Regieentscheidungen zu erklären. Hussain und Khaled stehen bescheiden am Rand und versuchen ein paar Worte aufzuschnappen. Die Dame geht zum Moralisieren über, als wüßten wir nicht alle, warum der Intendant gerade dieses Stück ins Repertoire aufgenommen hatte. Und dann fällt der Satz: „ … wir müssen lernen, tolerant zu sein. Und uns auch an andere Gepflogenheiten gewöhnen. So haben wir auch heute zwei Muslime unter uns, die in der Pause beten wollen.“ Dabei schaut sie uns an und Khaled, der das Wort „beten“ versteht – wir hatten es mehrfach in allen Zeitformen konjugiert; er kann es jetzt im Schlaf (das Konjugieren) – sagt laut „ja“.

Nicht Selbstbewußtsein, sondern peinlich berührte Schüchternheit hatte ihn dazu veranlaßt. Kann man denn hier nicht einfach mal beten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen?

Fortsetzung: Die Lessing-Legende

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.