Geburtsdeutsch und Wahldeutsch

Khaleds Heiratspläne gehen mir nicht aus dem Kopf. Als Geburtsdeutscher beginnt das Hirn sofort Zukunft zu entwerfen. Ich frage ihn, ob er auch standesamtlich heiraten wolle und er bejaht. Kann er das als syrischer Staatsbürger überhaupt?

Nun fange ich zu prophezeien an: Wenn ihr nach deutschem Recht verheiratet seid, dann ist deine Frau dir gleichgestellt. Das bedeutet, daß sie sich auch scheiden lassen kann, daß sie arbeiten gehen kann, daß sie alles tun und lassen kann, was auch du tun und lassen kannst. – Ist in Syrien auch so, bekomme ich als Antwort.

Und wenn ihr Kinder bekommt, dann werden die in eine deutsche Schule gehen, sie werden die deutsche Sprache quasi als Muttersprache sprechen, sie werden mit europäischen Werten aufwachsen, sie werden vielleicht sogar an deinem Glauben zweifeln. Vor allem wird es Konflikte in der Familie geben, denn sie werden Rechte beanspruchen, von denen du jetzt noch nicht mal weißt, daß es sie gibt. Deine Kinder werden dir manchmal fremd sein und du ihnen. Sie werden vermutlich keine Syrer sein und es vielleicht auch schwer haben, sich als Deutsche zu fühlen. Vielleicht wird ihnen Syrien, das dir so viel bedeutet, gar nichts mehr bedeuten, vielleicht werden sie es sogar verachten, vielleicht aber auch umso mehr lieben. Es wird auf jeden nicht einfach werden …

Khaled lacht die ganze Zeit, findet das eher lustig und wischt dann alles mit einer Handbewegung weg: „So Allah will.“

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Ein Gedanke zu “Geburtsdeutsch und Wahldeutsch

  1. „Inshallah.“ – was für eine grandiose, wundervolle Formel! 🙂
    Wir haben häufig ein recht verschobenes Bild von der kopfinternen Situation von Muslimen. Ich habe vor Ort in Arabien viel zu häufig mitbekommen, dass Muslime mit Aufweichungen von konservativen Positionen keine Probleme haben. Ausgerechnet Syrien zeichnete sich durch die dort vorhandene Vielfalt an muslimischen Bekenntnissen durch hohe Toleranz aus.
    Ich saß einmal vor vielen Jahren mit einem Kuwaiti auf einer Parkbank bei uns im Münsterland. Seine Töchter trugen, obschon erwachsen, weder Kopftücher, noch verzichteten sie jeden Morgen auf eine der vielen Make-Up-Schichten. Sie gingen tanzen, sie unterhielten Freundschaften zu „Männern“ und benahmen sich nicht anders als irgendwelche junge Frauen ihres Alters. Als ich ihn darauf ansprach, seufzte er und sagte:
    „Ja und? Natürlich bin ich praktizierender Muslim und natürlich mache ich mir Sorgen um meine Mädels. Aber wenn ich ihnen jetzt eine konservative Lebensart aufzwinge, verliere ich sie als Töchter und als Musliminnen. Sollen sie alles erleben – nur so können sie sich eines Tages frei für ihren Glauben entscheiden.“
    Gesagt – getan.
    Jahre später traf ich auf Papa und Töchter …. sie trugen Kopftuch und besuchten, so der stolze Papa, regelmäßig die Moschee. Nur so gehts! 😀

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