Wunder des Islams

Es scheint in volksmuslimischen Kreisen zwei Strategien zu geben, die Wahrheit des Korans und damit des Islams zu beweisen. Interessanterweise fehlen theologische Argumente. Gerade diese würde man erwarten. Stattdessen wird zum einen auf die linguistische und intellektuelle Vollkommenheit des Korans verwiesen – dazu später mehr –, viel öfter aber noch auf wissenschaftlich bewiesene Wunder. Demnach hätte Mohammed Einsicht in Zustände und Vorgänge gehabt, die er aus dem Wissen seiner Zeit heraus nicht gehabt haben konnte, denn erst die moderne Wissenschaft – von Embryologie und Anatomie über Botanik und Mikrobiologie bis hin zu Mathematik, Astronomie, Kosmologie und Relativitätstheorie – brachte diese ans Licht.

Immer wieder werde ich mit diesen Argumenten konfrontiert und regelrecht überrumpelt. Nur nach Textstudium der Quelle läßt sich dann eine Meinung bilden.

Mit meinem jugendlichen aber schon auffällig gebildetem syrischen Freund hat sich eine Art Ringkampf entwickelt. Ich gab ihm Richard Dawkins „The God Delusion“ zu lesen, nicht, weil ich das Buch besonders überzeugend fand, sondern aufgrund dessen Radikalität. Da ihm die englische Version zu kompliziert war, lud er sich eine arabische Übersetzung herunter, die – so stand als Warnung darunter – in einer ganzen Reihe islamischer Länder verboten ist und deren Besitz bestraft werden kann. Wäre das nicht schon ein starkes Argument: daß er das Buch hier ohne Bedenken lesen kann?

Die Lektüre geht schleppend voran. Stattdessen versorgt er mich immer wieder mit neuen Wundern. Letzte Woche war es Sure 6, Vers 125: „Und wen Allah leiten will, dem weitet Er seine Brust für den Islam, und wen Er irreführen will, dem macht Er die Brust knapp und eng, als wollte er den Himmel erklimmen. Also straft Allah die Ungläubigen.“ Darin meint man nun ableiten zu können, daß Mohammed das Dünnerwerden der Luft lange vor dem Wissen um die Schichten der Erdatmosphäre bekannt war. Dies zu widerlegen war recht leicht. Erstens ist es die Erfahrung eines jeden Menschen, der einen hohen Berg ersteigt – ihm geht der Sauerstoff aus, die Brust wird als „knapp und eng“ empfunden und auch in einer beduinischen Gegend wird es Menschen gegeben haben, die im Handelszentrum Mekka vom Himalaya etwa zu berichten hatten, und zweitens findet rein physikalisch gesehen der umgekehrte Prozeß statt: Je höher man steigt, je geringer also der Luftdruck wird, umso weniger Widerstand wird dem Lungengewebe entgegengesetzt und umso mehr weitet sich die Brust – wie sie sich umgekehrt verengt, wenn man tief ins Wasser taucht. Referenzquellen für derartige „Beweise“ sind meist irgendwelche Youtube-Clips. Das Netz ist voller Wunder des Korans …

Diesmal wurde meine Nachfrage mit Verweis auf Sure 21, Vers 31 abgeschmettert: „Sehen denn diejenigen, die ungläubig sind, nicht, daß die Himmel und die Erde eine zusammenhängende Masse waren? Da haben Wir sie getrennt und aus dem Wasser alles Lebendige gemacht. Wollen sie denn nicht glauben?“ Es ist sicher kein Zufall, daß in beiden Fällen die Frage des Glaubens aufgeworfen wird. Wenn daran schon laut Mohammed der Glaube hängt, inklusive Strafe bei Nichtakzeptanz, wie sehr müssen sich Muslime tatsächlich an die Wahrheit solcher Verse klammern? Hier jedenfalls wird – so das gerne genommene Argument – nichts Geringeres als der Urknall von Mohammed gedacht; und woher, wenn nicht durch eine direkte Strippe zu Gott, hätte er das wissen können. Auch diesmal stehen in allen europäischen Sprachen eine Menge an Video-Clips zur Verfügung:

Youtube: Urknall im Koran

„What do you think?“ – erwartungsvolle Augen schauen mich an. Was Hussain nicht ahnt, ist das Dilemma, in dem ich stecke. Uns wurde eingetrichtert, andere Religionen dürfe man nicht beleidigen, müsse man respektieren etc. Wie weit darf man also gehen? „Honestly, Hussain, don’t take it personally … I think it is utter nonsense“. Glaubst du wirklich, daß in diesen vagen Zeilen – “daß die Himmel und die Erde eine zusammenhängende Masse waren“ – die unendliche Komplexität des Urknalls, von dem wir zudem sehr wenig wissen, den wir uns auch gar nicht vorstellen können, denn es hieße das Unendliche denken, die Singularität, es hieße, alle unsere eingeborenen Vorstellungen von Raum und Zeit aufzugeben, und es bedeutet auch den metaphorischen Gehalt der Vokabel zu begreifen, nicht zuletzt die Idee zu verlassen, es handele sich um eine Explosion, die in einen leeren Raum hinein geschah, sondern das Undenkbare erfassen, daß die Explosion erst Raum und Zeit schuf …, glaubst du tatsächlich, daß all das in diesen mickrigen Zeilen stecken kann? Und überhaupt: Was hat der Urknall mit Himmel und Erde zu tun? – die waren noch dreizehnkommanochwas Milliarden Jahre entfernt. Und was bedeutet denn der Plural: „die Himmel“? Derartige Schöpfungs- und Trennungsmythen gibt es zudem in jeder Mythologie. Die Griechen nannten es Uranus und Gaia, die das Chaos gebar, die Ägypter glaubten an das Zusammenspiel von Urfinsternis, Unendlichkeit und Urgewässer, die Germanen stellten sich die Kluft der Klüfte vor, aus der die Erde emporwuchs, „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ sagt das erste Buch Mose (aus dem hat Mohammed seines vermutlich abgekupfert) usw. Mit ein bißchen Phantasie kann man in jedem den „Urknall“ sehen. Am klügsten macht es noch Buddha – der kümmert sich nicht um unbeantwortbare Fragen. Und „aus dem Wasser alles Lebendige gemacht“, das hatte Thales von Milet schon 1200 Jahre vor Mohammed so gesehen …

Nach dieser kalten Dusche gibt es drei Rückzugsstrategien – der Junge ist erst 20, das darf man nicht vergessen, und an sich wirklich begabt.

1. Ich muß darüber nachdenken.
2. Aber man muß daran glauben.
3. Die deutsche oder englische Übersetzung gibt nicht den wahren Sinn wieder.

Zwei und drei sind Totschlagargumente, aber wenn Punkt 1 umgesetzt wird, ist schon viel erreicht – und das gilt auch für mich!

Das eigentliche Paradox ist aber ein anderes: Leute, die felsenfest an Adam und Eva als erste Erdenbürger oder den tatsächlich stattgefundenen Ritt in den Himmel Mohammeds auf dem geflügelten und menschengesichtigen Wunderpferd Buraq glauben und damit basale wissenschaftliche Erkenntnisse der Evolution, der Paläontologie, der Archäologie, der Geschichte, der Logik und der Metaphorologie negieren und trotz millionenfacher Evidenz diese als „unbewiesen“ darstellen, stürzen sich begeistert auf hochkomplexe, meist jedoch aufs Populär- und Vulgärwissenschaftliche heruntergebrochene, wissenschaftliche Erkenntnisse, sobald diese mit irgendeinem Dreh als vom Koran oder den Hadithen, also durch Mohammeds Mund, bereits angekündigt gelten. Man mißachtet die Beweismethode als solches, verschließt sich weitgehend der Aufklärung durch Wissen und Vernunft, nutzt es aber als Mittel, wenn es in den Kram paßt.

Kein anderer als Richard Dawkins höchstpersönlich hat derartige Aporien mit venenösem Gelüst immer wieder vorgeführt.

Auch dafür gibt es den – Videobeweis:

hier und hier und hier und hier und hier und hier

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7 Gedanken zu “Wunder des Islams

  1. Leonore schreibt:

    „Der Urknall ist eine Singularität – die Frage nach dem Davor ist wohl nicht zu beantworten, weil damit alles Denkbare erst anfing.“

    Nun ja … das sind so die Paradoxien und Dogmen der Wissenschaftler, meine ich. Denn der Urknall KANN ja gar nicht das Erste gewesen sein, vor dem nichts denkbar ist! Es muß ja schon etwas gegeben haben, was „knallen“ konnte (irgendwelche Plasmen, die „zusammenstießen“, wird da gerne von Physikern geantwortet).

    Fragt man dann, woher diese Plasmen kamen, wird das seltsamerweise oft als „unfaire“ Frage empfunden… So nach dem Motto, man könne natürlich immer fragen, was davor war.

    Wenn aber doch für die wissenschaftliche „Anfangs“-Erklärung Materialien vonnöten sind, dann dürfte die Frage nach deren Herkunft (und ob die etwa von einem Schöpfer geschaffen worden sind, der etwas mit ihnen vorhatte, der sozusagen „einen Plan“ hatte) doch wohl zulässig sein.

    Zumal es sonst in der Welt eigentlich keine Singularitäten gibt, es also ganz natürlich ist, sich da ein paar Gedanken zusätzlich zu machen, wenn eine solche justamente am Anfang „der Welt“, also des Universums stattgefunden haben soll – aber nur halt eben rein zufällig. Weil so ein Zufall ja _viel wahrscheinlicher_ ist als ein Schöpfer. (Kennen Sie das Gedicht „Ein Butterbrotpapier im Wald“ von Christian Morgenstern? Mit diesem hat er die Zufallshypothese recht witzig verulkt.)

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    • All diese Fragen sind recht müßig im politischen Kontext. Ausgangspunkt war ja, ob Mohammed bzw. ob durch Mohammeds Mund im Koran der „Urknall“ schon ausgesprochen worden war. Die eigentlichen Theorien darüber spielen dabei kaum eine Rolle. Sollte „die Wissenschaft“ morgen eine andere Hypothese vorschlagen, dann könnte ich mir gut vorstellen, daß eifrige Muslime dazu eine Sure finden, die paßt. Schon deswegen sollten Gläubige vorsichtig sein, sich an wissenschaftliche Erkenntnisse zu binden.

      Morgenstern? Ein alter Bekannter: siehe: Schach ist Nonsens ist Schach

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      • Leonore schreibt:

        „All diese Fragen sind recht müßig im politischen Kontext.“

        Jaja, Sie haben natürlich recht. Und ich gebe auch gern zu, daß ich vom ganzen Dialog müdigkeitshalber lediglich Ihren Blogeintrag und Ihre zuunterst stehende Antwort gelesen, alles andere bloß überflogen habe. Und daß es lediglich ein paar Trigger (z.B. „Dawkins“, „daß mit dem Urknall alles Denkbare erst anfing“ und „Wer schuf denn den Schöpfer?“ – eine Frage, die Ihrer nicht recht würdig ist) waren, die mich zum Schreiben animiert haben – wodurch mir dann das eigentliche Thema ganz aus dem Blick geriet.

        Ich war länger nicht hier gewesen und hatte mich sozusagen einfach mal wieder „melden“ wollen.

        Aber egal – geschenkt! – Jetzt habe ich mich natürlich viel zu lange rund um den von Ihnen genannten Link …

        (Danke schön! Welch eine Freude! Ja, die pseudoliteraturwissenschaftlichen Anmerkungen Morgensterns – ähh, Verzeihung: des Privatgelehrten Dr. phil Jeremias Mueller sind oft noch witziger als die Gedichte selbst. – Übrigens bin ich glückliche Besitzerin einer wundervollen Übersetzung der „Galgenlieder“: „The Gallows Songs“ von Max Knight, ein genialer Übersetzer, der selbst die Herausforderung „Fisches Nachtgesang“ mit Bravour bewältigt hat!)

        … festgelesen und nach einigen weitere Klicks u.a. lächelnd zur Kenntnis genommen, daß es Leute gibt, die meinen publizieren zu sollen, daß sehr gute Schachspieler der Gefahr ausgesetzt seien, dem Größenwahn zu verfallen, weil sie nicht bedächten, daß es viele „weit [und das noch dazu „in wesentlichen Hinsichten“!] überlegene“ Formen der Intelligenz gebe, so zum Beispiel just diejenige, die der Profession eigen ist, der der Autor dieser tiefen Weisheit angehört…

        Aber noch beim Schmunzeln taucht in meinem Hinterkopf eine leise Warnung auf – wie sagte doch Elizabeth Bennet’s Vater so unvorsichtig: „Wozu sind wir auf der Welt, wenn nicht um über unsere Nächsten zu lachen und ihnen im Gegenzug Gelegenheit zum Spott zu geben?“ (aus dem Gedächtnis übersetzt).

        In diesem Sinne –
        ——————-
        seidwalk: Ja, das waren noch Zeiten, als man sich mit Nichtigkeiten wie Schach und Poesie auf leichte Art und Weise beschäftigen konnte.

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  2. Huch! Was habe ich da bloß ausgelöst? 😀
    Offenbar etwas äußerst Anregendes, wie angenehm! 😀

    Bitte verstehen Sie dies nicht als Spitzfindigkeit, aber eines möchte ich ihnen in der Beantwortung Ihrer ersten Frage deutlich machen: der Prophet drückt sich gar nicht aus. Denn das, was er ausdrückt, stammt nicht von ihm. Desweiteren erscheint mir die Frage deshalb als eine rein rhetorische, alldieweil sie nur mit einem generellen wie spezifischen Gedanken beantwortet werden kann: Sie werden mir sicherlich abnehmen, dass eine ganz ähnliche Anforderung schon vor langer Zeit an Muslime herangetragen worden ist. Schon seit Jahrhunderten geht die Klage, dass der Qur’an sich auch gefälligst klarer in Richtung ihres jeweiligen Wissensstandes hätte ausdrücken sollen. Zum Beispiel zu der Zeit, als die Erde definitiv noch eine Scheibe war. 😀

    Der Schwerpunkt des Qur’an liegt definitiv nicht in irgendwelchen wissenschaftlichen Bestätigungsversuchen. Er erschließt sich in seiner Komplexität nur dem, der ihn zur Gänze gelesen hat. Was auch den Grund meiner ganz generellen Verweigerung darstellt, einzelne Suren anzuführen, interpretieren oder auch aus ihnen zitieren zu sollen. Ich habe häufiger die Erfahrung gemacht, dass dies bereits unter Glaubensgeschwistern überhaupt nicht unproblematisch ist – und zwischen Muslimen und Nichtmuslimen daraus eine maximale Gefahr grundlegender Missverständnisse in sich birgt.

    Wenn ich mit arabischen Geschwistern spreche und mich detailliert über bestimmte oder allgemeine Glaubensfragen unterhalte, finde ich zum Teil dramatische Unterschiede zwischen den Auffassungen zu ganz konkreten Suren. Zu allem Überfluss rümpfen Araber auch noch die Nase ebenso über die Türken wie die Türken ihre über Araber.

    Aber soviel ist immerhin sicher: bisher hat in allen zurückliegenden Jahrhunderten noch immer eine ganze Schar von Menschen Hinweise im Qur’an auf das gefunden, was sich ihnen mit der Kenntnis ihrer Zeit gerade entwickelte. Eines habens viele Menschen leider gar nicht verstaenden: der Qur’an richtet sich deutlich gegen Wunder. Islam braucht auch keine; der Glaube verweist uns immer wieder auf unseren eigenen Geist, unsere eigene Beobachtungs- und Beurteilungsgabe. Es existieren überhaupt gar keine wirksamen Dinge, Fetische mithin oder auch nur Ideen, die irgendwie als Vermittler oder Katalysator zwischen dem eigenen Geiist und Allah stünden. Schon mal gar keine Menschen, mögen sie nun leben oder tot sein.
    Aber leider ist die Idee, sich in Not an ein Stückchen Fell klammern zu können, ein Stöckchen „heiligen“ Holzes in Händen zu halten oder ein Schlückchen „heiligen“ Wassers trinken zu können, nicht verführerisch tröstlich? Hier berühren wir das Bilderverbot, das uns sogar jedwede bildliche Darstellung Allahs verbietet. Wir dürfen uns noch nicht einmal ein Antlitz malen, das uns in Öl über dem Kamin so gut täte.

    Das ist das eigentlich wirklich Strenge und Anstrengende im Islam: der rest- wie gnadenlose Verzicht auf alles außer dem Qur’an, an dem man sich festhalten könnte. Allah wird deshalb auch als „Seil“ verstanden, an dem man sich selbst (!) aus dem Dunkel ziehen kann.
    Islam versteht Allah als den Ursprung alles Seienden und Er existiert, weil Er den Willen dazu hatte. Er wurde nicht geschaffen. Auch hier haben wir einen geradezu hammerharten Querverweis zur modernen Physik: Materie ist nicht zwangsläufig da – wenn sie fehlt, existiert Energie. Und diese wird in Materie umgewandelt. Für das menschliche Auge findet dies (natürlich) nicht statt – in der Realität jedoch durchaus. Wir müssen es glauben, wenn uns Physiker erklären, dass dem so sei. Wir können heute in mathematischen Modellen aufzeigen, welcher Materie- und welcher Energiemix zu dem Zeitpunkt, als sich der Urknall ereignete, vorlag. Aber letztlich reduzierte sich die Formel doch nur auf „Allah befahl, dass es sei. Also war es.“ 😀
    Ich hoffe, Sie können mir folgen.

    Den Urknall zur Singularität zu erklären, bringt nicht weiter – sondern nur nur näher zu Gott. Denn man würde sich unzulässig aus der Nachfrage stehlen wollen, woher denn das Seiende vorher wohl war, wenn vor dem Knall nichts war. Und woher stammt all das Seiende? Was oder wer hat den Ausschlag zu einer Veränderung gegeben, wenn das, was vorher war, ohne jeden Antrieb, ohne jede Bewegung gewesen sein soll. Kurz gesagt: zu behaupten, vor dem Urknall war irgendwie gaa nix, gilt nicht. 🙂

    Wie könnte ich einem Neolithiker wohl anhand des konkreten Urknall-Modells Allah erklären ? Und: muss ich das überhaupt? Oder kann ich auf die Ewigkeit meiner Worte vertrauen, es bei Hinweisen punktuell belassen im Wissen darum, dass die Menschen diese später einmal besser verstehen? Und er WIRD sie verstehen.

    Wer sich eine fundierte Meinung bilden will, wird keinen Weg um die eigene Lektüre des Qur’an herum finden. Ich kann dies nur empfehlen. 🙂

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    • Lassen wir es vorerst dabei bewenden, trotz der Anregungen. Die Ausgangslagen sind sehr unterschiedlich und die Vielfalt der angesprochenen Punkte droht ins Uferlose auszuweiten. Ihre Ansicht wird sicher einigen Lesern genug zu denken geben und die Fragen werden weiterhin eine Rolle spielen.

      Einigkeit herrscht zumindest beim Thema Wunder – wer im islamischen Kontext Wunder braucht, so schien mir immer, ist eigentlich schon ein Zweifler (was ich an sich richtig finde, wenn es die sinnvolle Form des Zweifels annimmt), denn Glauben heißt eben, keine Beweise zu benötigen, setzt den „Sprung in den Glauben“ (Kierkegaard) voraus. Umgekehrt ist es ein „Trick“ der Selbstimmunisierung … Daß Mohammed selbst nichts meint sondern nur Sprachrohr ist, gehört eben auch dazu – Ich glaube das jedenfalls nicht und bisher ist noch nichts passiert, was mich davon hätte überzeugen können.

      Und auch die Lektüre des Korans hat bei mir ganz andere Empfindungen geweckt. Darüber später mehr auf dieser Seite. Im Moment bin ich gerade dabei, ihn noch einmal zu lesen, von Anfang bis Ende. (Da scheint mir u.a. deutlich zu werden, daß Mohammed oder sein Stichwortgeber glaubte, auf einer flachen Erde, einer Scheibe, zu leben … ;-))

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  3. Man sitzt als Muslim durchaus des Häufigeren gewissermaßen zwischen Baum und Borke. 😉
    Es ist sicherlich nicht unbedingt immer alles in der behaupteten Form ganz ernst zu nehmen, was manche allzu wundergläubige Geschwister im Qur’an alles finden wollen.
    Was die Natur und Herkunft des Kosmos allerdings angeht, ist ein zusätzlicher Hinweis durchaus dazu angetan, einmal mehr nachzudenken: an mehreren Stellen erwähnt der Qur’an, dass sich der Himmel sozusagen insgesamt in Bewegung befindet – damit ist natürlich keinesfalls die terra-, noch die heliozentrische Sicht auf den Kosmos (nach Kepler etwa) gemeint. Der Qur’an hebt damit NICHT auf die vergleichsweise leicht zu beobachtende Bahn der Stern unseres eigenen Sonnensystems innerhalb unserer eigenen Galaxie ab, sondern auf die Bewegung des Kosmos insgesamt. Und da erlaubt sich schon die Frage, wie ein Mann, der nachweislich noch nicht einmal lesen und schreiben konnte auf die Idee gekommen sein sollte, dass es (seit einem Urknall) eine Bewegung der Galaxien INSGESAMT geben würde. Mit der Bahn der Planeten allein arbeitete die Seefahrt zur Zeit des Verehrten Propheten schon lange, sonst wäre keine Hochseefahrt je möglich gewesen und schon die Alten Ägypter wussten um die Bewegung und die Berechenbarkeit der Sterne. Wohlgemerkt: unserer Galaxie.
    Zudem liegt für mich der Gottesbeweis, im übrigen im Einklang mit führenden Gelehrten, eher in der Frage, was oder wer denn den Urknall ausgelöst, projektiert haben will oder soll. Fragt man Astrophysiker, was es denn VOR dem Urknall gegeben haben könnte, erhält man die sehr hilflose Antwort: „Na. Einen Urknall natürlich.“ und fragt man, was denn vor diesem war, bekommt man die ärgerlichere Antwort: „Na. Einen Urknall natürlich.“
    Viele (angeblichen) Experten und Wissenschaftler möchten den Islam vermittels ihrer Erkenntnisse gewissermaßen entwerten – dabei verstehen sie sehr wohl, dass ihnen eher das Gegenteil davon gelingt. Je vehementer man als (Natur-) Wissenschaftler Gott wegdiskutieren möchte, desto inbrünstiger betet man ihn her – denn man hält keine zweite oder dritte Ebene einer kritischen Nachfrage zum Thema aus.
    Nehmen wir Stephen Hawking etwa. Nachdem er zunächst mit der unsauberen Antwort: „Es gibt keinen Gott!“ herausgeplatzt war, ruderte er im detaillierteren Interview diesbezüglich schwer zurück und kam dann zu dem Schluss, dass „seiner Ansicht nach“ ein Gott „nicht unbedingt nötig gewesen war“, um den Kosmos und das Leben zu schöpfen. Man käme, schloss er, wohl in nicht alllzuferner Zukunft wohl auf (neue?) Ideen, mithilfe derer man künftig ohne einen Gott auskäme. Das klingt von einem, der weltweit als führender Experte in diesen Dingen betrachtet wird, doch wohl ziemlich hilflos, wenn er eigentlich Gott wegdiskutieren will, nicht wahr? 🙂
    Die „Ränder“ belastbaren Glaubens fasern immer und überall auf und geben den zuweilen bizarrsten Ideen Raum. Da werden schon mal Pferde, deren Fell ein Muster ähnlich dem arabischen Schriftzeichen für Allah aufweist, für sechsstellige Summen gehandelt. Aber dafür wechselte auch einmal eine Scheibe Toastbrot, deren Bräunung angeblich das Profil der Jungfrau Maria aufgewiesen haben soll, ebenfalls für etliche zehntausend Euro den Besitzer. Die ganz Nüchternen, Objektiven und Wissenschaftsbasierten glauben inbrünstig an „Chemtrails“ und missionieren ihre Umwelt damit schlimmer als der radikalste Muslim.
    Ich sehe den Menschen das solange nach, wie sie niemandem anderen damit einen Schaden zufügen. Denn soviel ist für mich auch wieder richtig: das Toastbrot buk nur aufgrund Allahs Willen ein Bild. Nun mag ich darüber rätseln, weshalb das geschehen sollte – ich bin aber sicher, dass das einen Sinn hat. Vielleicht rettete sich der Verkäufer mit dem Geld aus drohendem Bankrott oder er spendete es im Namen der Nächstenliebe. Vielleicht sollten ICH und viele andere über das Phänomen nachdenken und daraus etwas lernen. Allah hat mir wie jedem anderen auch neben dieser Scheibe Brot Hunderte, Tausende von Rätseln, Menschen, Tiere, Phänomene, Gedanken und Entdeckungen über meinen Weg geschickt und manchmal denke ich, dass allein dies der eigentliche Sinn hinter jedem dieser Dinge ist……

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    • Mit dieser Art Argumentation – ich beziehe mich auf Ihren ersten Teil – kann ich mittlerweile ja routiniert umgehen, da ich mit meinen syrischen Freunden schon ein Dutzend Wunder besprochen habe. Ich konnte nicht alle „widerlegen“, auch weil es oft nichts zu widerlegen gibt. Die erste Frage aber lautet immer: Was ist die Quelle? Wo steht das mit der Himmelsbewegung? Über welchen Vers sprechen wir hier? Wenn ich ihn kenne, kann ich selber nachdenken. Und woher wissen Sie, worauf der Koran in dieser Frage abhebt? Sagt Mohammed konkret etwas über „die Bewegung des Kosmos“ und nicht der Sterne …?

      So viel läßt sich aber schon heute sagen:
      1. Warum drückt sich Mohammed, wenn er denn das Wissen hatte, nicht eindeutig und wesentlich detaillierter aus? Warum brauchen wir erst einen „Einstein“, um das zu erfahren, wenn alles schon vor 1400 Jahren zugänglich war?
      2. Was sollten seine Landsleute, zu denen er ja sprach und die zu überzeugen sein Anliegen war, mit solchen Informationen anfangen, die doch weit jenseits ihres Horizonts gewesen sein müssen?
      3. Woher kommt überhaupt das neumodische Bedürfnis nach Wundern? Doch wohl daher, weil Mohammed eben keine „wirklichen Wunder“ (über Wasser laufen, Tote erwecken, Wasser in Wein verwandeln oder auch Meere spalten) getan hat. Das Hängen an Wundern vieler Muslime scheint mir ein gewisses Bedürfnis zu befriedigen und das ist keine gute Voraussetzung für die Wahrheit.
      4. Auch wenn in Zeiten der Hyperspezialisierung kaum noch jemand ein Wissenschaftsfeld überblicken kann, ist man sich nicht zu schade, die komplexesten Vorgänge als Beweise anzuführen.

      Der Urknall ist eine Singularität – die Frage nach dem Davor ist wohl nicht zu beantworten, weil damit alles Denkbare erst anfing. Wenn tatsächlich ein Physiker mit einem weiteren Urknall antworten sollte, was ich fast bezweifle, dann liegt er nur der Idee des Rhythmus, des Auf und Ab, des Werden und Vergehens auf, die in unserer Welt scheinbar regieren, aber über andere Welten nichts sagen. Sie zu stellen führt sofort in Aporien, die man gerne ins Religiöse wenden kann. Aber auch dagegen: Wer schuf denn den Schöpfer?

      In diesen Fragen ist jede menschliche Intelligenz viel zu klein, auch die eines Hawking. Wenn Extremwissenschaftler wie Einstein, Hawking, Heisenberg, Weizsäcker … „Gott“ sagen, dann meinen sie oft keinen personalen Gott, sondern bedienen sich einer Sprachgepflogenheit, eines Wortes, um das Ganze, das ganz Große, Kleine, Schnelle, Langsame irgendwie benennen zu können. Wittgenstein: „An einen Gott glauben, heißt sehen, daß es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist“.

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