KatharTisch

Wir werden eingeladen. Wir, das sind meine drei syrischen Schützlinge und ich. Die Einladung kommt von einer philanthropisch gesinnten Dame, die gern ihr schlechtes Gewissen spazieren führt. Ich bin kein Freund solcher Veranstaltungen – sie erinnern mich an einen Zoo oder ans Theater – aber artig, wie man erzogen ist, wird die Invitation weitergereicht und auch angenommen. Und da Khaleds Freund Mohammed zu Besuch ist, kommt der auch noch mit. Dieser Mohammed ist nicht mit dem an Tinnitus leidenden Mohammed zu verwechseln: nicht nur in England, Wales und Brüssel und andernorts in Europa ist Mohammed der häufigste Jungenname bei Neugeborenen, sondern auch unter den Asylbewerbern ist der erzmohammedanische Name – in verschiedenen Schreibweisen – der Renner.

Ort der Handlung: eine große Stadtvilla.

Dramatis personæ: vier Syrer, vier Deutsche (drei Frauen, ein Mann)

Bühnenbild: Hohes Zimmer, langer schwerer Eichentisch, Kandelaber. Wurst-, Lachs- und Käseteller, verschiedene Kuchen, Desserts, Snacks, Kaviar (Ersatz). Die Gäste setzen sich auf hochlehnige thronartige Stühle.

Begrüßung. Schweigen. Die gastgebende Hausherrin beschäftigt sich fast eine Stunde lang mit Küchenarbeit und „Was möchtest du oder du oder du haben…?“ Ich verweigere bewußt, die Rolle des Talkmasters zu geben. Eine ältere deutsche Dame spricht kein Englisch, von den Syrern ist einer dieser Sprache halbwegs mächtig … Das Gespräch stockt. Eine jüngere Frau mag das Schweigen und Geräusper nicht ertragen und beginnt zu sprechen, fragt die Syrer nach Herkunft, Dauer des Aufenthaltes und dergleichen. Dann geht es – typisch deutsch – sofort ans Eingemachte. Was es bedeute, deutsch zu sein, die Rolle der Religion, die europäischen Werte.

Der Riß, der durch die deutsche Gesellschaft geht, spaltet auch diese Runde. Schnell geraten die ältere und die jüngere Dame aneinander. Nun geht es um die „fremdenfeindlichen“ Demonstrationen in der Stadt: Rassistischer Wahn oder demokratische Rückeroberung der Straße? Die Syrer verstehen nichts, sehen nur den Konflikt.

Nun kommt auch die von schillerschem Ideal beseelte Hausherrin dazu: Seid umschlungen, Millionen. Wir essen einen bulgarischen Quarkkuchen, den es wohl auch in Syrien gibt, über den man ein paar Minuten plauschen kann – es gibt ihn süß oder mit Pfeffer. Sie hält eine Eloge auf den Islam, den sie zwar nicht kenne, aber sie wisse, wie ähnlich sich die Buchreligionen seien und wie tragisch doch all diese Konflikte. Dann nimmt sie den Kopf zwischen die Hände und schüttelt resigniert ihr Haupt. Eine typische Bewegung, wie sich herausstellt. Sie fragt nun die Syrer und jedes Mal, wenn einer das Wort „Krieg“ erwähnt, schießen ihr fast die Tränen in die Augen: Kopfschütteln. So viel Leid … Und wir sind schuld … Und alles könnte doch so schön sein …

Dann will Muhannad höflich sein und erzählt: Auch bei uns in Syrien ist es so. Wir sitzen einfach zusammen, just like that. Wenn ich mit meiner Familie etwa zu meiner Mutter gehe, dann gehe ich einfach und man wird überall herzlich empfangen, auch bei Freunden, ohne Anmeldung und all das. Und man kann bleiben, solange man will oder die Klamotten eines anderen anziehen oder übernachten und erzählen und lachen ohne Ende, einfach nur erzählen … Ich verstehe dieses „auch“ nicht recht. Im Gegenteil: Warum geht das dort, und warum bei uns nicht auch so?

Katharsis …