Der Abgrund

Heute habe ich in den Abgrund geschaut.

An der Straßenbahn steht ein junger Mann, kahl rasiert, tätowiert, Ziegenbart, Bomberjacke. Hände wie Baggerschaufeln, schwielig, verstaubte Arbeitshose, Schmiege in der Seitentasche – Handwerker, Frühaufsteher, Steuerzahler, müde nach der Arbeit

Steht da an der Haltestelle und kramt in seinem Rucksack, als gegenüber zwei Asylbewerber vorüber gehen. Arabisch und überlaut, als gebe es niemanden sonst auf der Welt. Gestikulierend.

Der junge Mann schaut kurz auf, fixiert die beiden wie wild. Die Halsschlagadern schwellen an. Die Hände ballen sich zur Faust. Stiert und stiert und sagt kein Wort. Roter Kopf. Schüttelt fast unmerklich das Haupt. Schaut sich um, sucht Augenkontakt mit mir. Schauder.

Mann, hatte der eine Wut, Mann, war der unter Druck!

Die Bahn fährt ein. Drinnen sitzen friedlich mehrere Gruppen Asylbewerber. Die Türen schließen sich, mühsam kreischend kämpft sich die Bahn den Berg hinan.