Im falschen Film

Mit den Syrern wird das Perfekt geübt. Ich verteile eine lange Liste mit den wichtigsten Verben und deren Partizipien. Vier Seiten nur Verben. Khaled meint die Woche darauf, er könne sie alle, aber schon die erste Frage gerät zum Desaster. Das wurmt ihn und er verspricht mir, bis zur nächsten Woche alle zu beherrschen. „Alle? Wirklich alle?“, frage ich erstaunt. Er beharrt darauf. Ich kann es nicht glauben, wir machen Späße darüber, dann schlage ich ihm eine Wette vor. Angenommen, um welchen Preis? Er nennt eine Kinokarte. Wir schlagen ein.

Auf dem Heimweg bin ich es, der Hussain fragt, ob Wetten nicht haram seien. Er kommt ins Grübeln, weiß es nicht genau, meint aber, daß ich wohl recht habe. Soweit kenne ich meinen Koran schon.

Wieder vergeht eine Woche – nun will ich Khaled abfragen. Die Wette, schon vergessen? Er will keine Wette mehr, denn sie sei – haram. Hussain habe ihn darauf aufmerksam gemacht. Egal, ich teste trotzdem und Khaled hat tatsächlich fleißig gelernt; über ein paar Unsauberkeiten sehe ich gern hinweg. Also ins Kino, anyway. Welcher Film? Hollywood mit garantierten Brüsten und Gestöhne und/oder Ballereien will ich nicht. Bleibt nur „Heidi“. Warum eigentlich nicht? Die Sprache sollte simpel sein, die Geschichte ist zu verstehen und ein Blick in gute alte Vergangenheit kann ebenso wenig schaden wie die wunderbare Natur der Alpen.

Schon aus der Straßenbahn sehe ich sie am Kino stehen. Freudige Begrüßung und dann Hussain: „There is a problem.“ Er hat sein Gebet noch nicht verrichtet, hatte nicht daran gedacht, daß gerade jetzt das Mittagsgebet zu erledigen sei. Tausendmal sorry. „Dann mach dein Gebet jetzt – wir haben noch 12 Minuten.“ „Aber wo?“ „Woher soll ich das wissen? Geh ins Kino und frage, ob die einen Raum haben, gehe in einen Hauseingang oder auf der Toilette.“ Um Gottes Willen – das war Blasphemie. „Was ist mit dir, Khaled?“ „Kein Problem“ „Und du, Hussain?“ „Was soll ich tun?“ „Hussain, es ist dein Problem, nicht meines! Es wird doch wohl irgendeine Sure geben, in der Mohammed das Auslassen eines einzigen Gebetes gestattet!“ „Nein“ „Kann ich nicht glauben. Muslime leben und arbeiten hier, die können doch nicht alle mittags beten.“ „Doch“ „Auch mitten in einer Schlacht?“ „Ja, selbst mitten in einer Schlacht.“ Nun werde ich ungehalten. Immerhin schlage ich mir den Nachmittag um die Ohren, um den beiden eine Freude zu machen und nun das. Ich stelle Hussain vor die Wahl: „Hussain, du mußt dich entscheiden. In fünf Minuten beginnt der Film. Gehst du mit oder nicht?“ „I’m so sorry“, er zögert, kämpft, ringt, überlegt: „I better go.“ „Dann tschüß, komm Khaled“.

Ich bin ziemlich angefressen! Lächele trotzdem, als ich Khaled die Karte bezahle. Das Kino ist leer, wir sind die einzigen Gäste. Ich bitte Khaled, Hussain anzurufen und ihm zu sagen, daß er sein Gebet auch hier verrichten könne, doch Hussains Handy ist aus. Dann nimmt uns der Film gefangen. Alles, wie ich es erhofft hatte. Aber gerade als Heidi nach Frankfurt entführt wird, entschuldigt sich Khaled: nun müsse er beten. Die Situation ist skurril: Vorne pathetische Violinen und in der Reihe hinter mir kniet der Muslim und fleht zu seinem Gott. … Nach dem Film lädt Khaled mich zum Kaffee ein. Das gefällt mir gut – ein gesundes Gespür für Geben und Nehmen.

Auf dem Rückweg schaue ich noch einmal bei Hussain vorbei. Noch immer bin ich erregt. Richtige Wärme will an diesem Abend nicht zwischen uns aufkommen. Ich bitte ihn, mir eine Sure zu zeigen, die das Gebet unter allen Umständen verlangt. Viele gebe es. Es gebe keine größere Sünde für einen Muslim, als das Gebet zu unterlassen, noch dazu das zentrale Mittagsgebet. Selbst einen Menschen zu töten, sei nicht so gravierend. Dann zeigt er mir “The cow”, Sure 2.238 und 239.

“Guard Salâvâts (the light of benedictions coming from Allah, prayers) and the Requirement Prayer (continue it in uninterrupted manner). And stand up truly obedient to Allah (in reverence mixed with deep respect for a long time).
And if you fear (vital danger) then (perform your prayers) while on foot or riding. And when you are in safety, then remember Allah in the manner He has taught you what you did not know (how you will remember Allah)”

Aber verstehen könne man das ohnehin nur auf Arabisch.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s