75/40/10

„Gewissensfreiheit“! Wollte man zu dieser Zeit des Kulturkampfes dem Liberalismus seine alten Stichworte zu Gemüt führen, so konnte es doch nur in dieser Form geschehen: Jeder muß seine religiöse wie seine leibliche Notdurft verrichten können, ohne daß die Polizei ihre Nase hineinsteckt. (Karl Marx)

75/40/10 sind nicht die Maße eines fehlgewachsenen konischen Menschen, sondern markieren ein dreifaches Jubiläum. Es geht um einen der einflußreichsten Wissenschaftler unserer Zeit, einen der wenigen, die unser Weltbild tatsächlich unmittelbar verändern konnten.

Richard Dawkins wurde heute vor 75 Jahren in Nairobi geboren und auch wenn es vermutlich Millionen Menschen gibt, die diesen Tag verfluchen, oder verfluchten – würden sie seine Bücher kennen –: für mich ist es ein Feiertag und es sollte für alle einer sein, auch für die ihn Verfluchenden. Denn Dawkins ist der Hohepriester der Wahrheit, des Ringens um die Wahrheit!

Sein Erstling „The selfish Gene“ – das man besser mit „Das eigennützige Gen“ statt des mißverständlichen „Das egoistische Gen“ übersetzte – schlug wie eine Bombe ein und wirkt bis heute nach. Darin versucht er Paradoxa zahlreicher darwinistischer Fehlinterpretationen ebenso zu korrigieren wie er das seinerzeit neueste genetische Wissen verarbeitete. Bis dahin glaubte man – im Grunde genommen gegen Darwin, aber von ihm durch seine Titelwahl begünstigt – an eine artenzentrische oder individuenzentrische Motivation der natürlichen Auslese.

Dawkins  hingegen sieht das treibende Agens, die essentiale Kraft im „Gen“. Das Wort „Gen“ muß man in Anführungszeichen setzen, um die linguistische Notlage zu signalisieren, denn Worte sind gerade in den neuen Wissenschaften, wie Genetik und Quantenphysik, Hülsen, die den Sachverhalt oft eher abdecken als enthüllen. „Replikatoren“, so Dawkins, sei das treffendere Wort.

Dawkins nun meint: „daß wir und alle anderen Tiere Maschinen sind, die durch Gene geschaffen wurden“, daß wir, wie alles sich geschlechtlich fortpflanzendes Leben, Wegwerfbehälter, Transportmittel quasi-unsterblicher und willenloser Gene sind und daß diese Gene uns nur schaffen, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Der „survival of the fittest“ findet also nicht auf individueller oder spezieistischer Ebene statt, sondern auf genetischer und kulturell sogar erweitert, auf memetischer. Die Folgen sind eklatant! Zum Beispiel – um nur eines herauszugreifen – gäbe es damit keine „Krone der Schöpfung“ mehr oder anders gesagt, unendlich viele Kronen, da jedes bis zum jeweiligen Zeitpunkt überlebende Lebewesen – vom Bakterium über die Eiche bis hin zum Menschen – je eine Krone der „Schöpfung“ ist. Diese bewußte Überspitzung hat den Vorteil, die zahlreichen philosophischen und theologischen Implikationen unmittelbar greifbar zu machen.

Es war freilich vergebene Liebesmüh des Wissenschaftlers, darauf hinzuweisen, daß er „nicht für eine Ethik auf der Grundlage der Evolution“ eintrete, daß er vor einem „moral reading“ warnte und daß ihn die Problematik selbst dazu zwinge – wenn man denn mathematische Gleichungen und chemische Formeln vermeiden will – Anthropomorphismen zu wählen, ohne sie zu meinen: Es erging sich neben wissenschaftlicher Begeisterung ein Bombardement der Entrüstung auf ihn, vor allem aus religiösen Rohren. Immerhin hatten diese „Kritiker“ die wahre Bedeutung der Theorie durchaus erfaßt: Wenn das „egoistische“ Gen – das sich im Übrigen sehr oft durch überwältigenden Altruismus bis hin zur Selbstaufgabe seines Körpervehikels durchsetzen mag –, wenn dieses Gen also die Entstehung des Lebens erklären kann, wozu und warum dann noch Gott? Für den Wissenschaftler ist diese eine reine Frage der Wahrheit, der Evidenz; Motive spielen keine Rolle mehr, nur noch Effekte. Das klingt kälter, als es ist, und wer die Gedanken bis zum Ende durchdenkt, mag mehr Trost und ob seiner intrinsischen Schönheit des Arguments, auch mehr Wohlgefallen darin finden, als ein Glaube an einen Gott jemals leisten kann.

40 Jahre ist dieses Buch nun alt.

Es folgten eine ganze Reihe von Werken, alle lesenswert, in denen Dawkins seine These zu untermauern versuchte. „The Ancestor‘s Tale“ („Geschichten vom Ursprung des Lebens“) war für mich eine Offenbarung, weil es das Aha-Erlebnis, die Evolution „verstanden“ zu haben, brachte – selbstverständlich eine Selbsttäuschung: Vielleicht werden wir sie nie bis ins kleinste Detail verstehen können, denn es wimmelt von Überlagerungen und „cross overs“ und auch mir scheint, daß man bestimmte Anpassungsleistungen ohne eine ziehende oder stoßende transzendente Macht – die kein Gott sein muß, die auch ein Naturgesetz sein kann – kaum zu erklären vermag.

Diese Gott-Losigkeit durchzog sein ganzes Werk, aber erst in „The God Delusion“ – erneut sensationalistisch als „Gotteswahn“ übersetzt – zieht er die Summe daraus; ein Weltbestseller, der auch in Deutschland 300 000 Replikate verkaufte und enormes Aufsehen erweckte. Mit diesem Buch wurde Dawkins auch jenseits der scientific community wahrgenommen. In ihm versucht er die hohe Unwahrscheinlichkeit der Existenz einer divinen Macht, der „God hypothesis“ aufzuzeigen, die klassischen Gottesbeweise zu widerlegen, spürt er den Ursachen und Auswirkungen des Glaubens nach und versucht den Atheismus als eine intellektuell, moralisch und ästhetisch vollkommen befriedigende Daseinsweise zu propagieren, die zudem so etwas wie eine fast sichere Wahrheit für sich verbuchen kann. Er tut das voller Leidenschaft und gerade das brachte ihm viel Feindschaft ein. Sie wurde vielfach als atheistischer Fundamentalismus gelesen, als Austreiben des Teufels – wenn man so ironisch sein darf – mit Beelzebub. Rück- und Vorsicht gegenüber religiösen Positionen kann Dawkins nicht verstehen, denn Gottesglaube ist für ihn genauso kritisierbar und Kritik sollte niemanden verletzen, wie bei jeder anderen Lehre.

Darin verbirgt sich der springende Punkt des Mißverständnisses zahlreicher Kritiker. Er wäre ihnen aufgefallen, wenn sie bemerkt hätten, daß Dawkins die lange und breit ausgefächerte Geschichte des Atheismus gar nicht zu Kenntnis nimmt. Der Atheismus ist so alt wie der Theismus – allein im deutschsprachigen Bereich haben Fritz Mauthner und Hermann Ley vielbändige Geschichten verfaßt. Aber Dawkins scheint weder Lukrez, Seneca noch Pierre Bayle, La Mettrie oder Feuerbach, geschweige denn Marx und Lenin, gelesen zu haben. Und muß es auch nicht, denn er argumentiert von einem archimedischen Punkt aus, der es ihm gestattet, die ganze Welt aus den Angeln zu hebeln: die Evolution.

Daher sind die Kritiken an seiner theologie- und philosophiehistorischen Ignoranz zwar sachlich richtig, treffen ihn jedoch nicht. Wenn dann noch gründlicher deutscher Geist und angelsächsische Luzidität aufeinanderprallen, ist das Ergebnis vorprogrammiert. Beeindruckend brachte das eine Diskussion bei Kerner ans Licht, wo Dawkins sich drei Hardlinern gegenüber sah, u.a. einem messerscharfen Geist wie Bischof Huber, bei dem es einem kalt den Rücken runter läuft, wenn er über Liebe spricht oder die Bedeutung der Hölle im Christentum negiert.

Hölle hin oder her – die von mir betreuten Muslime haben eine Höllenangst vor ebenjener Hölle und aller natürlicher Zweifel wird immer wieder von dieser Angst besiegt. Dawkins‘ Buch – so mangelhaft es sein mag und so schwer sein Ton für europäische Ohren zu ertragen ist – leistet hier hervorragende Dienste als Fuß in der Tür. Der Klügste von ihnen hat es nun gelesen, in einer im arabischen Raum verbotenen Übersetzung, und wir werden es bald ausführlicher diskutieren.

Zehn Jahre ist es alt – kein Alter für ein ewiges Thema!

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