Zur Sloterdijk-Debatte II

Fortsetzung von: Zur Sloterdijk-Debatte I

Sloterdijk-Münkler-Sloterdijk

Wie hätte Sloterdijk reagieren können? Vielleicht gar nicht! Wer ihn allerdings kennt, der weiß, daß er auf bösartige Fehlinterpretationen – nur so kann er es empfinden – und geistige Unterbietungen oft allergisch reagiert. Legendär sein Auftritt bei Gertrud Höhler und „den drittklassigen Figuren“.

Sloterdijk: Primitive Reflexe

Liest man nun Sloterdijks Apologie in eigener Sache – „Primitive Reflexe“ –, so fällt bei aller Schärfe der versöhnende Grundton gerade gegenüber Münkler auf. Es ist ein Aufruf an die Intelligenz, sich von der rasanten sprachlichen und denkerischen Nivellierung der letzten Monate, von der „Aufheizung des Debattenklimas in unserem Land“, die „auf eine Tendenz zur Entkulturalisierung hindeutet“, nicht mitreißen zu lassen. Daran ändert auch das scharfe Vokabular nichts. Im Gegenteil, wenn sich ein Teil der Akteure erneut reflexartig an Begrifflichkeiten ereifert, so wird die These des Pawlowschen Reflexes nur noch unterstrichen.

Sloterdijk beginnt seinen zugegeben zu langen Antwort-Essay mit ebenjener Konjektural-Geschichte und auch wenn Münkler hier noch nicht genannt wird, so ist dies ein an ihn gerichteter offener Brief. Münkler beendete seinen Sermon bekanntlich mit einem konjekturalen Horrorszenario. Wenn Sloterdijk nun von einem „Einknicken vor der Faktizität“ schreibt und auf die Dominanz des Tatsächlichen in der Geschichts- und Politikwissenschaft hinweist, die sich insbesondere in der zahlreichen Literatur zum Ersten Weltkrieg aussprach, dann meint er selbstverständlich, durch die Blume, Münkler, der einen wesentlichen Beitrag dazu leistete. Gleichzeitig zielt der Vorwurf auch auf Merkels angenommene Phantasielosigkeit. Im Gegensatz zu Münkler bleibt Sloterdijk aber unpersönlich – man muß die Zusammenhänge schon kennen, um sie als kleine zynische Boshaftigkeiten genießen zu können.

Entgegen seiner ausgeprägten Frankophilie erweist sich Sloterdijk als wahrer ironischer Gentleman der Diskussion: hart in der Sache, weich gegen Personen – kein Zufall, wenn er an dieser Stelle Shakespeare zitiert. Sicher, es fallen die Worte „Beißwut“, „Abweichungshaß“ und „Denunziationsbereitschaft“, auch ist die Assoziation zum Speichelfluß des Pawlowschen Hundes keine angenehme, aber man muß sich den Schuh schon selber anziehen, um beleidigt sein zu können. Aber auch in diesem Zusammenhang werden die fluiden Entgrenzungen verbalisiert, um den Weg zur Tagesordnung zurückzufinden.

Die Zentralaussage ist diese: „Das bewundernswerte Hemmungssystem ‚Hochkultur‘ überlebt aber nur, indem es Einbrüche aus dem Barbarischen, das heißt aus der Sphäre der Primär-Reflexe, früh genug in Schach hält.“ Nur so ist die „Nuance“ zu retten, die „Nuancenvernichtung“, der „Nuancen-Mord“ zu vermeiden. Wer diesen Ruf des bedeutendsten Nuancisten der Neuzeit nicht mehr hören kann, jedoch die Voraussetzungen besitzt, befindet sich bereits im hyperventilierenden Bereich. Dazu gehören Precht, Nassehi, Schami und einige noch kleinere Lichter, die aufgrund von Werkunkenntnis noch nicht mal in der Lage sind, die Sloterdijkschen Sprachspiele zu durchschauen, und trotzdem – oder deswegen – privilegierten Zugang zu Massenmedien haben.

Im zweiten Teil seiner Verteidigungsrede gegen schlechten Leumund wendet sich Sloterdijk direkt an Münkler – ganz zweifelsohne ein Versuch der Versöhnung, „da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist“ (d.i.: Precht: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“). Ihn, Münkler, nimmt er auch vom Vorwurf des „pawlowschen Stichwort-Mechanismus“ aus.

„Es trifft zu, daß Safranski und ich gegen die ‚Flutung‘ Deutschlands mit unkontrollierbaren Flüchtlingswellen Bedenken ausgedrückt haben. Aus meiner Sicht bringen unsere Einlassungen eine linkskonservative Sorge um den gefährdeten sozialen Zusammenhalt auf den Begriff.“ Die Aussage scheint die Annahme zu bestätigen, daß Sloterdijk und Safranski in dieser Frage sich im Gespräch befinden und eine gemeinsame Position teilen. Verschiedentlich wurde in letzter Zeit auch diskutiert, wo sich Sloterdijk politisch verortet – nun wissen wir es: linkskonservativ. Und schließlich begründet er seine Sorgen mit dem „gefährdeten sozialen Zusammenhalt“ – eine von vielen problematischen und besorgniserregenden Entwicklungen. Den Disput mit Münkler kreist er wie folgt ein (erneut ein diplomatisches Gesprächsangebot):

„Tatsächlich entwickelt sich unser Dissens aus gegensätzlichen Beantwortungen der Frage, ob die Merkel-Politik angesichts der Flüchtlingswelle seit dem letzten Sommer mehr ist als eine hilflose Reaktion auf Unerwartbares. Safranski und ich haben, unabhängig voneinander, der Volksmeinung recht gegeben, die in breitester Mehrheit dem Eindruck zustimmt, es habe sich bei der Merkelschen Willkommens-Propaganda um eine Improvisation in letzter Minute gehandelt, die aus einer Verlegenheit eine überlegte Maßnahme machen wollte.“ Auch an befriedenden Zugeständnissen und Konkretisierungen fehlt es nicht: „Es mag sogar sein, daß Angela Merkels erste Reaktion situativ richtig war, weil sie die plötzliche Wiederverhäßlichung Deutschlands aufhielt. Sie ist es inzwischen gewiß nicht mehr. Daß die Kanzlerin sich mit der Gegensteuerung zu viel Zeit ließ, ist als objektiver Fehler zu notieren. Doch selbst Otto von Bismarck bemerkte seinerzeit, seine als souverän wahrgenommene europäische Gleichgewichtspolitik sei nicht mehr als ‚ein System von Aushilfen‘ gewesen.“ – die Bismarck-Referenz wird noch eine Rolle spielen. Auch die prinzipielle und objektive Überforderung des modernen Politikers – ein Dauerthema Sloterdijks – wird mindernd angeführt: „Daß Politik sich mehr und mehr zum Fatalitätsmanagement wandelt, liegt in der Natur multifaktorieller Prozesse. Das Spiel mit dem Zufall wird seinerseits immer zufälliger. Die Kunst, den Zufall zu zähmen, erweist sich als schwerer erlernbar denn je.“

Schließlich kommt das direkte Gesprächsangebot, wenn auch erst in fünf Jahren, denn dann dürften die ersten irreversiblen Folgen der jetzigen Politik manifest sein. „Ich würde Herrn Münkler dann erneut die Frage stellen, wie er seine erstaunliche Wandlung vom gelehrten Imperium-Versteher – eine Position, die man in Grenzen mitvollziehen kann – zum Kavaliers-Politologen rechtfertigt, als welcher er jetzt Frau Merkels unbeirrbar konfusem Handeln ein grand design unterstellt. Offenbar verkennt er mit Absicht, in welchem Ausmaß politische Direktiven heute auf autohypnotischen Mechanismen beruhen. Die Unmöglichkeit, den rechten Weg zu erkennen, wird mehr und mehr mit Selbstsuggestionen kompensiert. Im Reich der Autohypnose möchte man gern glauben, daß nicht nur Träume, sondern auch magische Formeln wahr werden.“ – Wir schaffen das!

Auch die Geschichte zeigt, so Sloterdijk, das „Strategen-Scheitern“: „Waren nicht auf der weltpolitischen Bühne seit Jahrzehnten die stolzen Konfliktberater und Strategien-Schmiede regelmäßig die Blamierten, vom Vietnamkrieg bis zu den irakischen und syrischen Debakeln? War nicht die ‚strategische Rationalität‘, vor allem in der münklerisch gedeuteten imperialen Außenpolitik der USA, das Einfallstor der fatalsten Fehlleistungen? Diente ‚Strategie‘ nicht stets als Ausrede für zukunftsblinden Interventionismus, beginnend mit der Destabilisierung unwillkommener Regime, endend mit der Überlassung ruinierter Staaten an Chaos, Terror und nie beendbaren Bürgerkrieg? Diese Art von Strategie-Versteherei auf der Basis von forscher Imperiophilie möge uns weiterhin erspart bleiben.“

Damit wird die Diskussion – so es eine werden sollte – auf das strategische Feld überführt, verbunden mit einem letzten Gesprächsangebot: „Sind unsere Sorgen nicht zu real, als dass sie auf die Ebene von Gezänk zwischen Krisen-Interpreten gezogen werden dürften? Es kann nicht wahr sein, dass ausgerechnet unter Intellektuellen die unbedingten Reflexe gegenüber den bedingten die Oberhand gewinnen.“

Leider wird es sich als wahr erweisen – vielleicht hätte Sloterdijk den Vorwurf der „okkassionellen Ungezogenheiten“ und die Titulierung als „Kavaliers-Politologe“, deren funny side wohl nur ein Nichtgetroffener und Nichtereiferter sehen kann, vermeiden sollen. Wenn es nicht zum gleichberechtigten Gespräch kommt, so liegt es freilich nicht an diesen Nebensächlichkeiten, sondern auch durch die hohe Sphäre der deutschen Intelligenz geht jene tiefe, tiefe und junge Spaltung, die durch alle anderen Sphären, von Familien und Freunden bis hin zu Parteien, geht.

Sloterdijk-Münkler-Sloterdijk-Münkler

Münkler: Weiß er, was er will?

In seiner Erwiderung macht Münkler von Beginn an deutlich, das Gesprächsangebot abzulehnen, und zwar mit einem Unwissenden! Sloterdijk verstehe nichts von Politik, wolle auch nichts davon verstehen, zitiere falsch, verstecke sich hinter der Volksmeinung, produziere weiterhin „ein von strategischer Unbedarftheit geprägtes Dahergerede“, sein Essay sei „als Dokument eines verkorksten Denkens zu lesen“, er simuliere durch Metaphern Gedankenschwere, es ermangele ihm an begrifflicher und denkerischer Schärfe, ja schließlich sei dieser „Typus des öffentlichen Intellektuellen“ überflüssig und redundant geworden und Sloterdijks Überlegungen seien als „Abdankungserklärung“ zu verstehen.

Man könnte es bei diesem Kommunikationsabbruch bewenden lassen, wenn Münklers Versuche, Recht zu behalten nicht symptomatisch für die ideologisch orientierte geistige Situation in unserer Zeit wären, die zwangsläufig zur „intentionalen Fehllektüre“ (Sloterdijk) führen muß, weil die Akteure nur noch sehen können, was sie sehen wollen.

Münklers bewußte – intellektuell wäre er ja in der Lage – Leseschwäche beweist sich ganz eklatant im Versuch, die Sloterdijksche Argumentation zu rekapitulieren. So unterstellt er dem Philosophen, die „Schließung der deutschen Grenzen nach ungarischem Vorbild das Wort geredet und eine entschiedene Rückkehr zum Nationalstaat gefordert“ zu haben und auf einen Plan zu setzen, der „die Wiederherstellung des Nationalstaates, mit dem dessen Integration in die EU rückgängig gemacht werden soll“. Davon war nirgendwo die Rede und nur mit bösem Willen kann man den offenen Äußerungen Sloterdijks einen derart geschlossenen Sinn zuordnen und selbst wenn es so gewesen wäre, so scheint Münkler es nicht für notwendig zu erachten, die Negativität beider Unterstellungen beweisen zu müssen: „Orban“ und „Nationalität“ fungieren in diesen Kreisen schon als indiskutable Diffamierungen, wie „Hitler“ und „Nationalsozialismus“. Das ist Konsens.

Bis ins historische Detail geht die willentliche Fehllektüre. Besserwisserisch belehrt er Sloterdijk, der die Formel des „Systems von Aushilfen“ „fälschlicherweise“ Bismarck zuschreibe, stattdessen stamme sie jedoch von Moltke d.Ä. Das ist zwar korrekt – Moltke prägte die Formel –, jedoch war es – wie Sloterdijk akkurat zitiert („Doch selbst Otto von Bismarck bemerkte seinerzeit, seine als souverän wahrgenommene europäische Gleichgewichtspolitik sei nicht mehr als ‚ein System von Aushilfen‘ gewesen.“) – Bismarck, der die Formel 1887 im Zusammenhang mit dem Neutralitätsabkommen mit Rußland nutzte. Der Historiker Münkler muß das gewußt haben, achtet den rhetorischen Sieg, die Blamage des Gegners, jedoch höher als die Wahrheit.

Nachdem Münkler seine Position noch einmal wiederholt und der Kanzlerin dabei unterstellt, „der gestaltende Akteur der Entwicklung gewesen“ zu sein, widmet er sich der Demontage Sloterdijks, den er als Typus eines antiquierten und Luxusdenkens bezeichnet, einen Luxus, den man sich nun nicht mehr leisten könne. Genüßlich stürzt er sich auf Sloterdijks Äußerung: „Safranski und ich haben, unabhängig voneinander, der Volksmeinung recht gegeben, die in breitester Mehrheit dem Eindruck zustimmt, es habe sich bei der Merkelschen Willkommens-Propaganda um eine Improvisation in letzter Minute gehandelt, die aus einer Verlegenheit eine überlegte Maßnahme machen wollte.“, und deutet diese als ein unwürdiges „Verstecken“ und „Hinterherlaufen“ hinter der „Volksmeinung“, als eine Preisgabe des „Spielraums der politischen Meinung“. Dabei hatte Sloterdijk die „Volksmeinung“ nicht als Beweis, sondern als Fügung angeführt. Münkler erscheint hier als arroganter Intellektueller, der es für wichtiger hält, sich von der „Volksmeinung“ zu distanzieren, unabhängig davon, ob diese berechtigt ist oder nicht und im Übrigen ein interessantes degradierendes Verständnis von „Volk“ offenbart. Sloterdijk den Vorwurf des Hinterherlaufens zu machen, ist an Absurdität nicht zu überbieten: Seit Nietzsche gibt es keinen deutschen Denker, der sich weniger scheute, die öffentliche Meinung zu brüskieren – die Sloterdijk-Debatten sind selbst redliches Zeugnis.

Nun glaubt Münkler, die Position Sloterdijks genügend geschwächt zu haben und geht zum Kill über: er will Sloterdijk erledigen und verfaßt eine „Abdankungserklärung“. In Sloterdijks Essay sieht er das Dokument „eines verkorksten Denkens“ und die „Abdankungserklärung eines Typus öffentlicher Intellektualität“, der sich keiner „klaren und präzisen Begrifflichkeit“ bedient habe, „sondern mit dunklen Metaphern Gedankenschwere simuliert“ – und reaktiviert damit das bescheidene Argumentationsarsenal der Analytischen Philosophie gegen alle „Metaphysik“. Er mag bei diesem Enthronungsversuch an Habermas gedacht haben, dessen Denken Sloterdijk einst für obsolet erklärte, aber ich kann mir nicht helfen: Es ist eine peinliche Überhebung.

„Hätte Sloterdijk mit präzisen Begriffen gearbeitet, so hätte er auch begriffen, daß es die im Begriff der Souveränität annoncierte Handlungsmächtigkeit des klassischen Territorialstaates nicht mehr gibt. Und wenn er das begriffen hätte, wäre er in die jüngste Debatte nicht mit dem Souveränitätsbegriff hereingestolpert, sondern wäre von der in der Rechts- wie Politikwissenschaft konstatierten Zersplitterung von Souveränität ausgegangen.“ Münkler trifft hier – mit der Zersplitterung der Souveränität – zweifellos etwas Richtiges, hätte er jedoch Sloterdijk aufmerksam oder überhaupt gelesen, dann wäre ihm womöglich in den Sinn gekommen, daß der kritisierte „Tanz der Metaphern“ und die „Sprachbilder“, die sich in den Begriffen der „starkwandigen Container-Gesellschaften“ und den „postmodernen dünnwandigen Membran-Gesellschaften“ fast klassisch aussprechen, ebenjene sprachliche Bewältigung der zersplitterten Souveränität zu sehen ist. Sloterdijk war einer der ersten, der die Verflüssigung der Zustände beschrieben hat und er reagierte darauf auch sprachlich. Das kann jemand, der glaubt, unscharfe Konstellationen mit „präzisen Begriffen“ beschreiben zu können, möglicherweise nicht verstehen.

Man sieht, die beiden Positionen sind weniger weit voneinander entfernt, als Münkler glauben machen will. Die Art und Weise des Disputs läßt leider nicht darauf hoffen, daß es in existentieller Notlage zu einem notwendigen Austausch kommen wird.

Wenn man sich bewußt und gezielt der besten Köpfe des Landes entledigt, um nicht im moralisierenden Politstümpern gestört zu werden, dann darf man wenig Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang setzen.

Fortsetzung: Zur Sloterdijk-Debatte III

Quellen:

Sloterdijk: Primitive Reflexe

Münkler: Weiß er, was er will?

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