Katastrophendidaktik – Brüssel 1

Man versteht den Terrorismus nur, wenn man ihn als eine Form der Erforschung der Umwelt unter dem Blickwinkel der Zerstörbarkeit auffaßt. (Peter Sloterdijk: „Luftbeben“)

Am 13. November letzten Jahres saß ich die ganze Nacht vor dem Bildschirm und saugte geschockt jede neue Zahl und jedes neue Bild auf. Mir schien der 13.11. der 11.9. Europas zu sein – trotz London, Madrid, Paris und Oslo, trotz der schon lange eingeübten Bilder. Wie schwarzer Rauch lag der Verdacht in der Luft, daß Paris II unmittelbar mit der sogenannten Flüchtlingskrise im Zusammenhang stehen könnte.

Heute Morgen schalte ich den Computer ein, nehme die Explosionen zur Kenntnis, lese im Überblick die ersten eingeschliffenen Sprachspiele – der deutschen Regierung fällt keine bessere Vokabel als „widerwärtig“ ein; muß ich nicht lesen – und schalte ab, um in drei, vier Stunden das Ergebnis der Zählung einzuholen. Es begann, wie in Paris, mit einigen Verletzten, dann einem Toten und ich bin auf alles gefaßt, auch auf dreistellige Zahlen.

Stattdessen greife ich mir einen alten luziden präapokalyptischen Sloterdijk-Text: „Wieviel Katastrophe braucht der Mensch?“. Vor 30 Jahren wurde er in einer Zeitschrift veröffentlicht, drei Jahre später dann in leicht veränderter Form in „Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik“ aufgenommen. Darin versuchte Sloterdijk einer historischen Singularität – die längst keine mehr ist, was den Text noch bedrückender macht – Herr zu werden: Tschernobyl. Ist die Menschheit lernfähig? Und welche psychosozialen Vorgänge bestimmen unseren Umgang mit Katastrophen, die aus der Moderne nicht mehr wegzudenken, die konstitutiv in ihr verankert sind?

Der moderne Mensch befindet sich, so schreibt Sloterdijk, in einem permanenten Panikmodus: „Panik wird die Seinsweise des restlos in die Zeit geschleuderten Bewußtseins.“ Kein Wunder, denn: „Das Katastrophale ist eine Kategorie geworden, die heute nicht mehr zur Vision, sondern zur Wahrnehmung gehört“.

2015 ist, wie 1986, ein „Lehrjahr der Katastrophendidaktik“. Die archetypischen Bilder endloser Menschenschlangen mit vornehmlich jungen Männern und bedeckten, kindertragenden Frauen erweckten ebenso Panikzustände wie die Anschläge von Paris. Einige versuchten ihre Angst in rituellen Gesängen, rhythmischen Beifallsbekundungen und magischen Formeln (Say it loud, say it clear …) auf zugigen Bahnhöfen herunterzuwürgen und trugen sowohl dazu bei, das Katastrophische zu vermehren als auch zu verdrängen.

Eine der Ängste, die sich früh Ausdruck verschafften, war die vor dem Terror, denn simpelste Logik ließ schließen, daß unter den bärtigen Männern auch jene sein werden, die man bis vor kurzem nur mit schwarzer Flagge und einseitiger Rhetorik vom anderen kulturellen Ende der Welt her kannte. Arabisch hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Zweitsprache in deutschen Haushalten etabliert – „Allahu Akbar“ ist schon ironischer Street-Slang und dürfte bald in Duden und Oxford Dictionary Aufnahme finden.

Tschernobyl ging wenige Jahre das Unglück von Harrisburg voraus. Gebannt starrte die Welt aus sicherer Entfernung auf die Reaktorgebäude, in denen sich gerade eine partielle Kernschmelze abspielte, und wartete auf die Explosion. „Im Blick auf die mögliche Explosion des Reaktors war mit einem Mal die Zeit des Noch-Zeit-Habens vorüber, über der Erde schwebte ein fataler Schimmer, der Welt ging ihre Zeit aus.“ Nun war das Ende des unvollendeten „Projektes der Moderne“ offensichtlich. Aber die Bilder enthielten, neben der „autodidaktischen Dimension“ auch eine „heterodidaktische“, die ein seltsames psychosoziales Phänomen erklärbar machte: es war ein Schlag gegen „die Anderen, die verfluchten Optimisten in den Medien, die unbelehrbaren Nuklearagenten“ und die heimliche Freude am: „Das geschieht euch recht!“. Es wird nicht wenige geben, die heute an den Bildschirmen kleben und wütend ähnliche Sätze vor sich hersagen und gen Berlin channeln werden.

Harrisburg hat Tschernobyl nicht verhindert und Tschernobyl nicht Fukushima … „Zugleich haben die mächtigsten Gruppen der Gesellschaft unternehmerisch, politisch, vital und ideologisch, so viel in fatale Praktiken investiert, daß Unfälle noch so großen Formats von vornherein das Recht abgesprochen wird, prinzipielle Zweifel an den Verfahren auszulösen. Es gibt massenhaft irreversibel geprägte Mentalitäten, die gewissermaßen katastrophenfest sind, und die im Bunker ihrer Überzeugung jeder Erschütterung gewachsen bleiben. An solchen Strukturen prallt die apokalyptische Evidenz ab, letztlich sind Bewußtseine härter als Tatsachen.“ Heute scheinen die geistig Eingemauerten in architektonisch interessanten Glashäusern zu sitzen.

Sloterdijk fragt sich nun, ob es eine „Pädagogisierung der Katastrophe“ geben könne, ob die Menschheit also in der Lage sein kann, aus Katastrophen zu lernen oder anders: „Wann ist die Katastrophe im didaktischen Sinn schlimm genug?“. Die Antwort ist wenig ermutigend. Weder gibt es ein „quantitatives Maß“ – „Menschliche Bewußtseine besitzen auf vielfache Weise die Fähigkeit, gegen katastrophische Evidenz immun zu sein“ –, noch läßt sich in Zeiten des „Gott ist tot“, aus ihnen ein handlungsleitender „göttlicher Wink“ ableiten. Vor allem aber gibt es „die Menschheit“ nicht. „Die Menschheit ist a priori lernbehindert, weil sie eben kein Subjekt ist“, sie hat keine „intellektuelle Kohärenz“, keine „lernfähige Reflexivität“, sie hat letztlich „keinen Leib“, an dem sie das Lernen aus schmerzlicher Erfahrung exerzieren könnte. In diesem Moment liegen vermutlich dutzende Menschen blutend und jammernd auf den Fliesen und sind mit ihrem Schmerz allein.

Aber auch die Katastrophe ist subjektlos, „die Katastrophe als Ereignis hat nicht die gleiche Grammatik wie die Katastrophe als Handlung“ und an diesen „Übertragungsproblemen“ wird alle Politik scheitern.

Eines freilich konnte vor 30 Jahren noch kaum jemand ahnen. Dem Panikmodus hat sich ein natürlicher Bruder zugesellt: Der Lethargiemodus. Wir betreten eine Zeit, in der die geschichtliche Akzeleration die mnemonische Leistungsgrenze überschreitet. Bald wird es Gespräche wie diese geben: „Wann war noch mal Paris VII? Vor Berlin III oder nach Brüssel V?“ Wann und nicht wo! Paris VII wird nicht mehr das siebente Arrondissement meinen, sondern den siebenten Anschlag 100 plus und so kreuz und quer über Europa.

Doch gerade in dieser zwangsläufigen Gewöhnung liegt auch eine Hoffnung, denn je weniger Interesse wir zeigen, desto unsinniger werden die Terrorattacken, die das Medium, the weapons of mass distraction, brauchen, um ihr Ziel – die Panik – zu erreichen. Es liegt freilich auch eine Gefahr darin: Je weniger Panik erzeugt wird, desto größer muß das „Event“ werden, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken und Angst zu schüren. Sollten die lebensverachtenden Islamisten je Zugang zu weapons of mass destruction erhalten, so darf man gespannt bleiben. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses dürfte zudem steigen, wenn mit the weapon of mass migration weiterhin gezündelt wird.

22.März, 13.11 Uhr – kurzer Blick auf die Zahl: 26 hier, 28 dort, nach oben offen.

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