Die Unzertrennlichen

Ein wahres Märchen

Es war einmal ein König, der liebte Vögel über alles. Und da er reich war und über große Macht verfügte, ließ er sich Vögel aus aller Herren Länder bringen. Überall in seinem Palast zwitscherte und flatterte es, kein Raum, kein Winkel in seinem Schloß mit tausend Zimmern blieb ungenutzt; Käfige, Vogelbauer und Volieren sah man allerorten. Nur ein großer Zwinger blieb leer und dieser stand inmitten des weitläufigen Hofes. Dieser Käfig war für den schönsten Vogel der Welt bestimmt, doch gerade dieser fehlte dem König in seiner einmaligen Sammlung.

„Welches ist der schönste aller Vögel?“, fragte der Monarch den Führer der Meute. Männer mit roten Bärten, blauen Augen und dicken Fellmützen schauten sich verwundert an. Sie brachten den schillernden Eisvogel ihrer Schneeheimat und wurden königlich dafür entlohnt, aber den schönsten Vogel der Welt, den hatten sie nicht. Doch brachten sie Kunde, von einem Land, weiter im Norden, über die hohen Berge, durch die dichten Wälder, wo der schönste Vogel der Welt zu finden sei. Weiß wie der Schnee seien seine Krallen.

„Welches ist der schönste aller Vögel?“, fragte der Monarch den Führer der Karawane. Männer mit braun gebrannten Gesichtern, langen weißen Talaren und hohen Turbanen schauten sich verwundert an. Sie brachten seltene Falken ihrer Wüstenheimat und wurden königlich dafür entlohnt, aber den schönsten Vogel der Welt, den hatten sie nicht. Doch brachten sie Kunde, von einem Land weiter im Süden, über die hohen Berge, durch die dichten Wälder, wo der schönste Vogel der Welt zu finden sei. Golden wie der Wüstensand sei sein gekrümmter Schnabel.

„Welches ist der schönste aller Vögel?“, fragte der Monarch den Führer der Schar. Männer mit dunklen Augen, verwegenen Bärten und karierten Beinkleidern schauten sich verwundert an. Sie brachten die zierlichste Seeschwalbe ihrer Inselheimat und wurden königlich dafür entlohnt, aber den schönsten Vogel der Welt, den hatten sie nicht. Doch brachten sie Kunde, von einem Land weiter im Westen, über die hohen Berge, über das weite Meer, wo der schönste Vogel der Welt zu finden sei. Bunt wie der Regenbogen sei sein Gefieder.

„Welches ist der schönste aller Vögel?“, fragte der Monarch den Führer der Horde. Männer mit tiefschwarzem Haar, engen Augen und weiten Hosen schauten sich verwundert an. Sie brachten den langbeinigen Flamingo ihrer Seenlandschaft und wurden königlich dafür entlohnt, aber den schönsten Vogel der Welt, den hatten sie nicht. Doch brachten sie Kunde, von einem Land weiter im Osten, über die hohen Berge, durch die endlosen Steppen und über das weite Meer, wo der schönste Vogel der Welt zu finden sei. Zwei Köpfe und vier Beine habe er.

Ungeduldig trommelte der König mit den Fingern auf seinen Thron. „Ich will ihn haben, den schönsten Vogel der Welt, mit schneeweißen Krallen, mit güldenem Schnabel, gefiedert wie ein Regenbogen und, und mit zwei Köpfen. Schafft ihn mir! Reist bis ans Ende der Welt, scheut weder Mühe noch Kosten, sucht in allen vier Himmelsrichtungen, kein Gebirg, kein Wald, kein Meer, weder Steppe noch Eiswüste sollen euch aufhalten, aber kehrt erst dann zurück, wenn ihr den schönsten, den wundersamsten aller Vögel gefunden habt!“

Es vergingen der Jahre viele. Der König wurde alt und grau, gebeugt saß er schon auf seinem Throne. Doch ging kein Tag vorüber, an dem er nicht auf den hohen Zinnen stand und Ausschau hielt, ob die Reisenden nicht endlich kämen. Fast hatte er seine Hoffnung aufgegeben, als die Meute der Männer aus dem Norden erschien. Von Eis und Schnee waren ihre Kleider zerschlissen und verblichen, erschöpft standen sie vor dem Herrscher. „Habt ihr ihn, den schönsten Vogel der Welt?“, fragte der König gespannt. Weit seien sie gewandert, berichteten die Männer, über hohe Gebirge, durch dichte Wälder bis in die unendliche Eiswüste, wo kein Baum mehr wächst und keine Blume blüht. Dort lebt ein prachtvoller Vogel, schöner als sie je einen gesehen hatten. Weiß wie der weißeste Schnee sind seine Krallen, den haben sie gebracht, den majestätischen Schneeadler. Die Hofleute und Lakaien zischelten und raunten anerkennend, als sie den herrlichen Vogel erblickten. Noch nie hatten sie ein edleres Tier geschaut. Mit Freude sah der Monarch auf den stolzen Aar, doch dann sagte er: „Aber sein Gefieder hat nicht die Farben des Regenbogens, sein Schnabel ist nicht gülden und zwei Köpfe hat er auch nicht“, und sank enttäuscht in seinen Thron zurück.

Wieder wartete der König eine lange Zeit, als die Karawane der Männer aus dem Süden erschien. Von Sonne und Sandsturm waren ihre Kleider zerschlissen und verblichen, erschöpft standen sie vor dem Herrscher. „Habt ihr ihn, den schönsten Vogel der Welt?“, fragte der König ungeduldig. Weit seien sie gereist, berichteten die Männer, über hohe Gebirge, durch die unendliche Sandwüste, wo kein Baum mehr wächst und keine Blume blüht, durch undurchdringliche Wälder bis sie zu jener zauberhaften Insel kamen, auf der noch kein Mensch zuvor seinen Fuß gesetzt hatte. Dort lebt ein riesenhafter Vogel, größer als sie je einen gesehen hatten. Gülden wie der Wüstensand ist sein Schnabel, den haben sie gebracht, den gigantischen Moa. Die Hofleute und Lakaien applaudierten vor Entzücken, als sie den gewaltigen Vogel erblickten. Noch nie hatten sie ein größeres Tier gesehen. Mit Freude sah der Monarch auf den dreimannshohen Vogel, doch dann sagte er: „Aber sein Gefieder hat nicht die Farben des Regenbogens, seine Krallen sind nicht weiß und zwei Köpfe hat er auch nicht“, und sank enttäuscht in seinen Thron zurück.

Erneut wartete der König eine lange Zeit, als die Schar der Männer aus dem Westen erschien. Von Wasser und Meereswind waren ihre Kleider zerschlissen und verblichen, erschöpft standen sie vor dem Herrscher. „Habt ihr ihn, den schönsten Vogel der Welt?“, fragte der König barsch. Weit seien sie gefahren, berichteten die Männer, über hohe Gebirge, durch dichte Wälder, über das unendliche Meer, wo kein Baum wächst und keine Blume blüht, bis sie an jene feenhafte Küste kamen, wo die Menschen noch ohne Kleider liefen wie im Paradies. Dort lebt ein glitzernder Vogel, kleiner als sie je einen gesehen hatten. Bunt wie der Regenbogen ist sein Gefieder, den haben sie gebracht, den brummenden Kolibri. Die Hofleute und Lakaien schrien vor Begeisterung, als sie das prächtige Vöglein erblickten. Noch nie hatten sie ein farbigeres Tier gesehen. Mit Freude sah der Monarch auf den daumengroßen Vogel, doch dann sagte er: „Aber sein Schnabel ist nicht gülden, seine Krallen sind nicht weiß und zwei Köpfe hat er auch nicht“, und sank enttäuscht in seinen Thron zurück.

Und noch einmal wartete der König eine lange Zeit, das Haar ging ihm aus und zum Gehen brauchte er einen Stock, als endlich die Horde der Männer aus dem Osten erschien. Von Tartarenschwertern und Berggewittern waren ihre Kleider zerschlissen und verblichen, erschöpft standen sie vor dem Herrscher. „Habt ihr ihn, den schönsten Vogel der Welt?“, fragte der König wütend. Weit seien sie gezogen, berichteten die Männer, durch dichte Wälder, durch die unendliche Steppe, wo kein Baum wächst und keine Blume blüht, über das höchste Gebirge, und schließlich über das weite Meer, bis sie zu jenen berauschenden Inseln kamen, wo die Menschen noch glücklich waren und den Tag lang sangen und tanzten. Dort lebt ein Vogel, von dem die Bewohner sagen, er sei der freieste Vogel der Welt. Bunter als sie je einen gesehen hatten, sei er, mit güldenem Schnabel, mit weißen Krallen und mit zwei Köpfen, den haben sie gebracht, den Unzertrennlichen. „Welch ein seltsamer Name“, sagte der König erstaunt. Die Hofleute und Lakaien fielen in Ohnmacht, als sie das Wesen erblickten. Noch nie hatten sie ein schöneres Tier gesehen. Mit Freude sah der Monarch auf den Vogel, dann sagte er: „Sein Gefieder ist bunt wie der Regenbogen, sein Schnabel ist gülden, seine Krallen sind weiß und zwei Köpfe hat er auch“, und sank glücklich in seinen Thron zurück.

Nun konnte der große Zwinger inmitten des Hofes geöffnet werden. Man richtete ihn ein, ganz nach den Berichten der Reisenden, man gab ihm die besten Gaben bei, weder Mühe noch Kosten wurden gescheut, um dem Vogel ein neues Heim zu schaffen. Dann ließ man ihn fliegen.

Aber ach, ein Unglück geschah! Kaum hatte der wundersame Vogel seinen engen Bauer verlassen, um in den großen Käfig aufzusteigen, da teilte sich sein Leib; die eine Hälfte flog nach Links, die andere nach Rechts und beide setzten sich auf einen Ast und blickten sehnsuchtsvoll nach draußen. Jetzt erst begriff man. Nicht ein Vogel, sondern zwei waren die Unzertrennlichen. Wie ein zärtliches Paar hockten sie allezeit so eng beisammen, daß man sie für ein einziges Tier halten konnte, mit zwei Köpfen. Nun aber hatten sie sich getrennt.

Tag und Nacht saß der alte Mann am Käfig und schaute nach seinen Vögeln. Einmal nur wollte er sie vereint sehen, als die Unzertrennlichen. Doch so sehnsüchtig er es sich auch wünschte, die beiden Vögel fanden nicht mehr zusammen. Fraß der eine, dann schlief der andere, und flog dieser seine Kreise, dann duckte jener sich im Gebüsch. Getrennt aber waren sie nur halb so schön und bald glichen sie dem Sperling. Aller Glanz und alle Pracht hatte sie verlassen. Der alte König aber sah ihnen zu und grübelte. Der Gram hatte ihn endgültig geknickt. Als er auf dem Sterbebett lag und seinen letzten Hauch tat, da meinte man ihn flüstern zu hören: „Der freieste Vogel der Welt, so frei, daß er sich ein Leben lang an einen anderen bindet.“

Bald waren die Vögel im Königreich vergessen. Ein neuer König saß auf dem Thron und zeigte wenig Verlangen nach den Tieren. Eines Tages, des Gezwitschers und Gezirpes müde, befahl er, die Käfige, Bauer und Volieren zu öffnen. In alle vier Himmelsrichtungen flogen die Vögel davon, unter ihnen die beiden Unzertrennlichen.

Ein Ziegenhirt weiter im Osten, so sagt man, wollte bald darauf einen wunderlich schillernden Vogel im Gebirge gesehen haben, mit güldenen Schnäbeln, schneeweißen Krallen, einem Gefieder, bunt wie der Regenbogen und sogar mit zwei Köpfen.

Aber wer glaubt schon einem Ziegenhirt?

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