Syrien verstehen

Früher hätte so ein Buch „Geschichte und Gesellschaft Syriens“ oder „Syrien. Religion und Politik“ oder so ähnlich geheißen. Heute muß es den Totalitätsanspruch stellen und auch wenn das werbewirksam ist, hat man damit doch das Scheitern schon eingebaut. Trotzdem ist Gerhard Schweizers 500-Seiten-Werk derzeit der Renner, wohl auch in Ermangelung brauchbarer Alternativen.

Syrien verstehen

Syrien wirklich zu verstehen, kann nie sein Anspruch gewesen sein. Stattdessen reist er durch das Land, vornehmlich mit touristischem und journalistischem Blick, und wirft Schlaglichter auf einzelne Problemzonen historischer, sozialer, vor allem aber religiöser Art. Ans Licht tritt ein Land, das gar keines ist, dem es mithin wesentlich am nationalen Kitt ermangelt, auch heute noch. Die Religionszugehörigkeit ist das Primat und dann sind es regionale oder familiäre und tribale Orientierungen, die Identitäten schaffen. Es ist eine schier undurchdringliche Gemengelage an Auffassungen und meistens Dogmen.

Muslime, Christen und Juden treten auf. Erstere sind in Sunnis und Schiiten gespalten, unter letzteren haben wir die Siebener- und Zwölfer-Schiiten, die Alawiten, Ismailiten und unter letzteren die Drusen und Nizariten … und so verzweigen sich alle Gruppierungen in Unter- und Untergruppierungen, so auch bei den Christen (Maroniten, Syrisch-Orthodox, Armenisch-Orthodox, Griechisch-Orthodox, Nestorianer, diverse katholische Konfessionen, Protestanten …) und das alles wird überlagert von ethnischen und tribalen und politischen und sozialen und individuellen Interessen … und fast alle glauben, die anderen sähen alles falsch. Man addiere dazu die Interessen der jeweils in sich selbst inkonsistenten Nachbarländer Iran, Türkei, Jordanien, Libanon, Israel plus die Interessen der Saudis und des Irak, die wiederum Milizen und Armeen mit schnell wechselnden Loyalitäten wie Hizbollah, Hamas, die Freie Syrische Armee, Al-Nusra, IS etc. bekämpfen oder unterstützen, plus die historischen Verwicklungen durch die Kolonisation der Franzosen und Engländer plus die globalen Interessen von EU, Rußland und Amerika plus die wirtschaftlichen Interessen der Multis … und man ahnt, was es heißt, Syrien zu befrieden.

Dabei reichen die Wurzeln oft weit in die Antike zurück. Syrien liegt am Grunde der halben Weltgeschichte. Es ist ein an tiefen Erinnerungen und Wunden überreiches Land. Es zu erfassen, ist unmöglich und muß Simplicissimi wie Bush und Trump maßlos überfordern. Andererseits gewinnt man schnell den Eindruck, daß vielleicht nur noch eine starke Faust Ordnung schaffen kann, nun, nachdem die Büchse der Pandora geöffnet wurde. Auch die politische Leistung des Assad-Clans nötigt Respekt ab, bei aller Abscheu vor den Mitteln. Aber auch Syrien hatte eine – wenn auch kurze – Blütezeit unter Assad Senior und Junior.

Schweizer nutzt einen kleinen Trick, wenn es darum geht, die politische Korrektheit nicht zu verletzen. Dann legt er einheimischen Gesprächspartnern das explosive Material in den Mund. Vielleicht trägt auch dieses Stilmittel dazu bei, daß die Lektüre seltsam zwiegespalten ist. Auch bekam ich aufgrund des Stils und der veralteten Daten mehr und mehr das Gefühl, ein antiquiertes Buch zu lesen, und kam leider erst nach einiger Zeit darauf, die bibliographischen Daten zu prüfen, und siehe da: das Buch ist 1998 unter dem Titel „Syrien. Religion und Politik im Nahen Osten“ erschienen und wurde lediglich durch ein schnell zusammengezimmertes Abschlußkapitel, in dem auch die Flüchtlingskrise erwähnt wird, ergänzt.

Verstehen wir Syrien nach der Lektüre? Wir verstehen zumindest eines: Syrien ist nicht zu verstehen –nur mehr oder weniger –, nicht aus dieser Perspektive.

Quelle: Gerhard Schweizer: Syrien verstehen. Stuttgart 2015