Kippende Stimmung

Es geht nun schon seit Wochen so. Die syrischen Asylsuchenden sehen müde und gealtert aus, lachen immer weniger, werden mürrisch und wortkarg. Die Ursachen dafür sind so komplex wie die Auswirkungen.

Muhannad ist aus Sachsen ins Ruhrgebiet gezogen, wo er Freunde hat und im näherliegenden Holland entfernte Verwandte.

Mohammed leidet unter psychischen Problemen, sein Tinnitus läßt ihm keine Ruhe. Den ganzen Tag liegt er im Bett und kann sich auf das Summgeräusch konzentrieren. Er hat einen Reisepaß beantragt. Sobald er ihn bekommt, wird er zurück in die Türkei gehen, um hoffentlich seine Eheprobleme zu klären. Alles ist jetzt besser als Deutschland, fast alles.

Salim hat nun begonnen, Deutsch zu lernen. Jeden Tag fünf Wörter – da er das deutsche Alphabet nicht beherrscht, notiert er sich die arabische Umschrift. Allen ist klar, daß er Jahre benötigen wird, um auch nur das Grundlegendste zu beherrschen. Frau und Kinder sind noch in Dresden; sie hat in drei Wochen mehr gelernt als er in sechs Monaten. Immer wieder fragt er mich nach einer Arbeit. Nun wollte auch er wissen, ob es nicht in Berlin oder im Westen besser sei.

Auch Khaled lacht nur noch selten. Er ist fleißig, hat es sich aber leichter vorgestellt mit der Sprache. Nach Muhannads Fortgang ist er allein in der Wohnung. Ab und zu besucht ihn eine sehr heruntergekommene alte Frau, Alkoholikerin, und schlaucht Zigaretten. Auf die Frage, ob er den Schritt nach Europa bereue, nickte er betroffen.

Einzig Hussain macht große Fortschritte. Mit ihm kann ich mich oft schon auf Deutsch unterhalten. Jeden Tag erledigt er neben der Schule die Hausaufgaben, die ich ihm gebe. Aber auch er vermißt seine Familie, und Mohammed und Salim, die Wohnungsgenossen, sind ihm keine Hilfe, sie können seine Neugier und seinen Lernwillen nicht befriedigen.

Ich frage ihn, was sie sich denn vorgestellt hatten? Haben sie denn wirklich geglaubt, es sei ein Zuckerschlecken, in ein vollkommen anderes Land zu kommen? Besonders Salim und Mohammed. Beide lebten mit ihren Familien in der Türkei, in Konya, hatten Arbeit, waren sicher. Die Arbeit war schwer, zehn Stunden am Tag und für wenig Geld, aber sie hatten zu tun, konnten ihre Familien ernähren, lebten in einer Gesellschaft, die der ihren ähnlich ist, waren zudem unter tausenden Syrern. Warum also alles aufgeben?

Es war Merkels Ruf! Es waren die Versprechungen, es war die große Euphorie, die Hysterie, die plötzlich entstanden war: Deutschland, das verheißene Land. Und dann, sagt Hussain, denken viele Menschen in Syrien anders: Sie denken nicht vorausschauend, sind impulsiv, geben ihren Affekten nach, sie planen nicht. Gott wird es schon irgendwie richten.

Der neue Politikkurs in Deutschland leistet ein Übriges. Plötzlich will man sie nicht mehr? Plötzlich dürfen die Familien nicht mehr kommen? Sie verstehen das große Ganze, wenn ich es ihnen erkläre, aber gleich danach fragen sie wieder nach dem Persönlichen. Ein Wahnsinn!

Wie bei hunderttausenden anderen Menschen wurde ihre Lebensbahn gewaltsam umgeleitet. Zuerst der Krieg und dann die offenen Pforten ins Paradies, das keines ist, der laute Ruf aus dem Westen. Den einzig passenden Schlüssel, die erste von vielen Türen zu öffnen, den Sprachschlüssel, finden nur wenige – und ich kann beim Suchen nur ein wenig helfen.

Wer schon einmal durch einen kilometerlangen Autotunnel gefahren ist und sich in der Mitte einen schweren Auffahrunfall vorgestellt hat, weiß vielleicht, wie sie sich fühlen: Vorne dunkel, hinten dunkel, in der Mitte Hölle, und keine Ahnung, welcher Weg ins Freie der kürzere ist.

——————————————————————–

Bitte entschuldigen Sie eventuelle Werbeeinblendungen
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s