Die Schweinefleischfaschisten

Spiegel: Frikadellenkrieg: Dänische Stadt verordnet Schweinefleisch

SZ: Dänische Stadt zwingt Schulkantinen, Schweinefleisch anzubieten

Ich liebe Dänemark! In keinem anderen europäischen Land dürften „velfærd, sammenhængskraft og værdifællesskab“, also Wohlstand, Zusammenhalt und Wertegemeinschaft so ausgeprägt sein wie bei unserem kleinen nordischen Nachbarn. Es hat eine überragende Literatur und wenn es auch als Land der Denker nicht mit Deutschland mithalten kann, als Land der Dichter steckt es uns locker in die Tasche. Die Menschen sind ruhig und bescheiden, freundlich und hilfreich, die Natur ist grandios unspektakulär und auch die Städte haben ihren traditionellen Charme oft beibehalten. Gründe genug, in dieses Land vernarrt zu sein – das Essen gehört nicht dazu.

Nicht, weil es übel wäre – da hat England mehr zu bieten –, sondern schlicht und einfach seiner Beschränktheit wegen. Blendet man die Fischseite der dänischen Tafel aus, dann bleibt eigentlich nur – Schweinefleisch. Schweinefleisch in allen Variationen: flæskesteg, frikadeller, bøffer, kødrand, biksemad, rød pølse, leverpostej und wieder flæskesteg. Dazu Kartoffeln, Möhren (guderod) oder Rotkraut (rødkål) und brun sos (braune Soße), fertig ist der Mittagstisch.

Dänemark hat gelernt, demütig zu sein. Einst ein Riesenreich, wurde es in immer neuen Kriegen zusammengeschrumpft. Schweden verloren, Norwegen verloren, Island verloren, dann durch Bismarck Schleswig und Holstein. Das hat am Selbstbewußtsein der Dänen genagt, aber sie auch eng zusammenrücken lassen. Sie sind wie eine große Familie, die nationale Identität, die danskhed (Dänischheit) ist stark ausgeprägt, falsches Verhalten gilt nicht als schlecht, sondern als udansk (undänisch), statt Wälder aus Bäumen sieht man Wälder aus Dannebrog flag (Nationalflagge) … Die letzte große Demütigung fügten ihnen einmal mehr die Deutschen zu: fünf qualvoll lange Jahre war es von der Wehrmacht besetzt. Nur wenige konnten daraus Nutzen ziehen und das waren neben einigen Baufirmen vor allem die Schweinezüchter. Das fremde Heer mußte ernährt werden, die Nachfrage aus dem Süden war enorm … Später hat man sich auch für das Schweinefleisch geschämt. Hans Kirk hat die Geschichte der Kollaboration in zwei Romanen beschrieben.

Kirk gehört zur großen Phalanx der genialen dänischen Autoren – bei ihnen allen kann man die dänische Kultur kennen lernen: Pontoppidan, Andersen-Nexø, Jakob Knudsen, Johan Skjoldborg, Knuth Becker usw. Man wird ein einfaches, ein armes Land kennenlernen, das vornehmlich agrarisch geprägt ist. Aber auch an ihm ging der Wandel nicht vorbei: Hans Kirks „Tagelöhner“ und „Die neuen Zeiten“ legen Zeugnis davon ab. Oder man schaut „Matador“.

Schweinefleisch also, Schweinefleisch ist Nationalgericht, Schweinefleisch ist heilig. Nimm den Franzosen die Froschschenkel, dann essen sie eben Gänseleberpastete, nimm ihnen die Gänseleberpastete, dann schlürfen sie Austern, nimm ihnen die Austern, so finden sie Trüffel und endlos weiter. Nimm den Dänen das Schweinefleisch – und plötzlich sieht der Teller traurig leer aus: Möhren, Kartoffeln und brun sos.

Dummerweise mochte Mohammed ausgerechnet kein Schweinefleisch. Kein Mensch weiß warum, wahrscheinlich hat er es von den Juden abgeschrieben. Egal: daß Dänen und Mohammedaner beste Freunde werden, steht unter keinem guten Michelin-Stern. Und obwohl die meisten Muslime vermutlich gar nicht wissen, wo Dänemark liegt oder daß es überhaupt existiert, waren vor zehn Jahren Millionen äußerst erregt und erbost auf dieses kleine friedliche Land und wollten es am empfindlichsten Punkt treffen: den landwirtschaftlichen Produkten. Auch von diesem Schock hat sich das Land noch längst nicht erholt.

Und nun kommen also diese Muslime, all diese Fremden, gänzlich undänischen Menschen, leben meist in Hochhausgettos an den Stadträndern, zeigen oft auch kein allzugroßes Verlangen, rundherum Dänen zu werden, bauen Moscheen, haben Probleme mit der Sprache, laufen in weiten Kleidern herum … und mäkeln auch noch am dänischen Essen, sprich am Schweinefleisch. Das kann auch dem tolerantesten Dänen – und davon gibt es circa fünf Millionen – auf den Magen schlagen. Und hätte die halbhysterische deutsche Presse ein klein wenig über den Affront nachgedacht, der in diese Richtung geht, dann wären die Urteile über den Affront in die andere Richtung vielleicht weniger hysterisch ausgefallen. Natürlich ist es verkehrt, vollkommen verkehrt, Menschen dazu zwingen zu wollen, Schweinefleisch zu essen. Das ist weder juristisch oder moralisch und auch nicht erzieherisch zu rechtfertigen. Und das hat auch niemand verlangt, soweit ich sehe. Aber zu sagen, daß wir Dänen unsere Traditionen haben, und sind sie auch einfach und eindimensional, und daß wir diese Tradition bewahren und überhaupt aufhören wollen mit vorauseilendem Gehorsam und permanenter Rücksicht, das erscheint mir vollkommen legitim.

Kaum ein anderes Land hat für seine Migranten mehr getan als Dänemark – es mag dennoch zu wenig sein …–, die Schelte der letzten Wochen und Monate verdient es nicht.