Das Christophorus-Syndrom

„Den Kopf in den Sand stecken“ ist ein altes geflügeltes Wort. Es beschrieb den Zustand der Realitätsverweigerung anhand eines dem Strauß irrtümlich zugeschriebenen Verhaltens. Viel häufiger freilich tritt dieses Verhalten beim Menschen auf, gerade Kinder weigern sich oft instinktiv, die drohende Gefahr zu sehen.

Heute hat das Wort ganz andere Dringlichkeit erlangt, denn die mediale Versorgung mit Problemen, Gefahren und Katastrophen stellt uns permanent vor die Frage: Was wollen wir noch wahrnehmen? Was sollen wir noch als unser Problem annehmen? Der Mensch des Mittelalters sah die unmittelbare Gefahr und konnte sich auch nur dieser stellen oder verweigern. Der eskalierende Streit mit dem Nachbarn, vielleicht die sich ankündigende Dürre oder die Nachrichten der Pest, eines anrückenden Heeres, die drohende Armut … In größeren Zeiten und Räumen zu denken, war ihm unmöglich. Die Bedeutung des Erdbebens von Lissabon liegt genau hier: wenn auch für heutige Verhältnisse stark verzögert, so trug ganz Europa zum ersten Mal fremdes Leid auf eigenen Schultern.

Heute ist unser Blick weltumspannend – selbst die Erde haben wir von außen gesehen, so häufig, daß der Anblick kaum noch Emotionen hervorruft. Kein Land ist uns mehr fremd, kaum ein Volk und dessen Sitten. Alles kann man wissen und sehen, vor Ort oder als Film. Auch in die Tiefen der Zeiten reicht unser Fernrohr. Wir wissen, was die Ägypter aßen und wie die Römer es trieben, wer will, kann die Geister von Angkor Wat heraufbeschwören oder nach dem Kalender der Maya leben. Der Tsunami wird uns nicht nur live ins Haus gespült, sondern wir selbst haben tausende touristische Opfer zu beklagen. All das läßt sich in einem Wort zusammenfassen: Komplexität, besser: Hyperkomplexität.

Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als mit Komplexitätsreduktion, mit Simplifizierungen zu reagieren. Wo, muß man sich z.B. fragen, beginnt ein Problem ein Problem zu werden? Syrien etwa. Syrien als Problem erreicht uns unmittelbar in Form von hunderttausenden Flüchtlingen und wird uns, nach Familienzuzug noch lange beschäftigen. Dieses Problem wird nun angegangen – wir helfen, nehmen auf, „integrieren“. Aber Syrien bleibt ein hyperkomplexes Problem. Also „müssen wir die Ursachen bekämpfen“. Wir bomben, andere bomben, bomben diejenigen, die seit eh und je bomben. Komplexitätsmaximierung.

Nehmen wir an, Assad ist das Problem – eine schreckliche Vereinfachung. Also muß er weg? Aber warum ist er überhaupt da? Wir müssen weiter zurückgehen mit unserem Fragen. Und genau an dieser Stelle wird die Unmöglichkeit evident – denn wo beginnt das Problem? Beim Kriegseintritt Rußlands oder des Westens? Beim Arabischen Frühling? Beim Jom-Kippur-Krieg? Beim Sechs-Tage-Krieg? Also bei der Gründung Israels? Beim Holocaust? Beim Sykes-Picot-Abkommen und den willkürlichen Grenzziehungen? Oder sollen wir die Folgen des Kolonialismus aufheben? Oder die Industrialisierung des Westens, die Aufklärung … das Christentum? All das und vieles mehr wurde von verschiedenen Parteien als „letzte Ursache“ ausgemacht – die jeweilige Lösung könne nur in der Klärung der darin schlummernden Konflikte liegen.

Die Europäer im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen – ihr wißt, warum – leiden unter einem Christophorus-Syndrom. Christophorus, ein mächtiger Riese, trug nach der Legende Reisende über einen Fluß. Eines Tages bat ihn ein junger Knabe um diesen Dienst. Mit jedem Schritt wurde dieser schwerer und schwerer und der Titan drohte jämmerlich zu ertrinken. „Kind, du bist so schwer, als hätte ich die Last der ganzen Welt zu tragen“, stöhnte er. Das „Kind“ war Jesus, der Heiland, der tatsächlich die Last der ganzen Welt in sich trug.

Jämmerlich droht er zu ersaufen – nur sein Glaube rettet ihn. Wer aber ist für die Beinahe-Katastrophe verantwortlich? Christophorus selbst, weil er den Fährmann ersetzt, das Jesus-Kind mit all seiner Last oder gar der ewige Fluß? Verschiedene Sprachen geben hier verschiedene Lösungen – die deutsche Antwort ist freilich nicht schwer zu erraten.

Man muß jedoch ein Heiliger sein, um solche Aufgabe bewältigen zu können.

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