Fürchtet euch nicht

Medien, diverse Weihnachtsansprachen, zweit- und drittrangige Systemträger, Kirchenrepräsentanten, „Stars“ und Nachrichtensprecherinnen … sie alle bilden eine Phalanx der Eintracht, sie alle ermahnen uns im Angesicht des nationalen Notstands: Habt keine Angst. Sie wenden sich damit gegen ein primäres menschliches Empfinden in der Konfrontation mit dem Fremden. Daß sie ohne Autorität sprechen, versteht sich von selbst, denn die historische Vergleichslosigkeit bietet keinen Grund zur Zuversicht. Man muß schon sehr weit in der Geschichte zurückgehen, um grob analoge Entwicklungen heranziehen zu können, und ob diese positiv oder negativ zu bewerten sind, hängt von der Perspektive ab. Vergleicht man etwa die islamische Expansion des 7. und 8. Jahrhunderts mit der rasanten Ausbreitung der muslimischen Kommunen der letzten dreißig Jahre in ganz Mittel- und Nordeuropa, dann mag das einem Imam oder Mullah Wonneschauer über den Rücken jagen, ein „besorgter Bürger“ dagegen kann das ganz anders empfinden, auch wenn es heute und bislang meist ohne Schwert und Tauhid-Bekenntnis stattfindet. Die relative Gewaltlosigkeit der Besitznahme ist ihre stärkste Waffe.

Aber auch logisch sind die Appelle zur Nichtangst problematisch. Sie haben jene paradoxe Form, die Paul Watzlawick in seinen Werken immer wieder als „geistige Akrobatik“ thematisierte und die nicht Lösung, sondern Teil eines Problems sind. Das sind „Forderungen nach einem Verhalten, das sich seinem Wesen nach nur spontan ergeben kann, dessen Spontaneität (und damit die Möglichkeit seines Eintretens) aber eben durch sein Gefordertwerden unmöglich gemacht wird.“ (Lösungen: 86) Sie sind also nicht nur sinnlos, sondern regelrecht kontraproduktiv.

Funktionieren können sie nur, wenn die auffordernde Instanz eine transzendente ist. „Non abbiate paura! – aprite, anzi spalancate le porte a Christo“ – mit diesen Worten erlangte Johannes Paul II. 1978 Aufsehen, aber er konnte sich auf die höchste Instanz berufen, auf den Engel des Herrn, der nach Lukas 2.10 sprach: „Fürchtet euch nicht!“

Wenn die Mutter ihr Kind ermahnt, keine Angst zu haben, dann tritt sie als diese Transzendenz auf und nicht primär die Worte beruhigen das Kind, sondern das Dasein der Mutter, ihre Ruhe, ihr geistiges und körperliches Versprechen, das Kind nie zu verlassen.

Daher ist es vielleicht kein Zufall, wenn Angel A der Bundesrepublik gern die Staatsmama, die Mutti gibt – der Staat, ihr einziges Kind. In den letzten Wochen waren wir Zeugen erschütternder Szenen an Gläubigkeit. Immer wenn Mutti sagte „Wir schaffen das“ – ihre Übersetzung von „Fürchtet euch nicht“ – dann hing die journalistische Jünger*innenschar wie gebannt an ihren Lippen und Brüsten und verkündete die Frohe Botschaft: Volk, sei stille – Mutti sagt, wir schaffen das, also schaffen wir das, Mutti hat einen Plan, also klappt das irgendwie, Mutti ist bei euch alle Tage.

Was aber, wenn der Gott nur ein Popanz ist?

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