Köln in Plauen

Auch eine Woche nach den Kölner Ereignissen, haben meine syrischen Schüler noch keine Kenntnis davon. Medien nehmen sie nicht wahr, in der Schule scheint sie niemand darauf aufmerksam gemacht zu haben und untereinander wird nichts weitergereicht. Ergo muß ich mal wieder ran.

Erst als ich Khalid sich erheben lasse um ihm „am lebenden Objekt“ den mutmaßlichen Vorgang des hundertfachen hunderthändigen Begrapschens am ganzen Körper begreiflich zu machen, verstehen sie die wahre Dimension und die radikale Enthemmung. Sie sagen nichts. Hussain kann nur ein „bad, bad“ ausstoßen. In ihren Vorurteilen gegenüber den Maghrebinern fühlen sie sich bestätigt. Große Liebe herrscht wohl nicht zwischen Syrern und Marokkanern etc.

Ich frage sie, ob sie einen Zusammenhang zwischen Religion und Verhalten sehen? Hussain wird nun lebhaft und sagt, daß der große Fehler sei, das Fehlverhalten von bestimmten Menschen auf andere zu verallgemeinern und schlechte Menschen gibt es doch überall. Vollkommen d’accord. Und islamisch ist es definitiv nicht, weder das Trinken von Alkohol noch das Berühren von Frauen. Im Gegenteil, der Koran ist hier ziemlich deutlich und viele Muslime haben sogar ein Problem, einer Frau die Hand zu geben. … Also hat es doch mit dem Islam zu tun? Diesen Gedanken muß ich erklären:

Kann es sein, daß Männer, die ein Leben lang ihre Sexualität unterdrücken müssen, die kaum Kontakt zum anderen Geschlecht haben, die Frauen oft nur als verschleierte Familienmitglieder kennen lernen, die zudem patriarchalisch erzogen werden, enthemmt reagieren, wenn ihnen plötzlich weibliche Gestalten in kurzen Röcken, mit Dekolleté, parfümiert und geschminkt begegnen, daß diese Männer dann Probleme haben, ihr traditionelles Frauenbild aufrecht zu erhalten? Hussain kommt ins Grübeln, nachdem ich diesen Gedanken in mehreren Pirouetten dargelegt habe – und gibt mir recht … ein bißchen.

Dann erzählt Khalid von seiner gestrigen Begegnung mit vier Männern aus Marokko, Tunesien, Ägypten und Syrien. Sie fragten ihn an der Straßenecke nach einer Adresse. Ich verstehe nicht. … Einer Adresse „to fuck“. Man war auf der Suche nach „woman to fuck“, Prostituierte nehme ich an, oder eben „Schlampen“. Dafür sind sie aus irgendwelchen Dörfern extra angereist. Hussain versucht zu retten: Viele Immigranten sagen zwar, sie seien Muslime aber in Wirklichkeit wollen sie nur das westliche Leben abschöpfen: Alkohol, Party, Frauen, Geld … oder andersherum.

Ich weiß: Auch meine Syrer haben starke sexuelle Bedürfnisse. Es fällt ihnen schwer – ohne Frauen, das hatten wir schon vor Wochen besprochen. Aber sicher ist auch: Sie gehören nicht zu dieser Klasse verrohter Menschen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Köln in Plauen

    • Wir reden über alles – soweit die Sprache uns trägt. Das wird von beiden Seiten als äußerst hilfreich angesehen. Ich halte nichts von zu viel falsch verstandener Vorsicht (Gefühle verletzen o.ä.) Die Lage ist ernst, da braucht es keine Blümchen und Teddybären, sondern klare Worte und hohe Anforderungen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s