Hitler, Holocaust, Historie

Abd ar Rahman sitzt am Tisch, wieder ein Neuer. Seinen Namen lasse ich mir erklären: Diener des Gnädigen, Erbarmenden. Ihm fehlt die in Deutschland obligatorische Ausrichtung der Zähne, was ihn zu einem Charakter macht. 22 Jahre ist er alt und hat schon ein abgeschlossenes Studium der Angewandten Chemie hinter sich. Arbeiten will er nicht, sondern ein weiteres Studium ist sein Ziel in Deutschland. Ob das ginge, fragt er mich – manchmal komme ich mir vor wie der Doktor in der weißen Schürze, der über Leben oder Tod entscheidet.

Nachdem die Idee der EU in Grundzügen erklärt ist, wollen wir nun deutsche Geschichte besprechen. Von hinten nach vorn. Muhannad hat noch ein paar Bilder vom Mauerfall im Kopf, weiß sie aber nicht einzuordnen. Um die Spaltung Deutschlands zu begreifen, müsse man in der Geschichte nach Ursachen suchen. Der geschichtliche Gedanke scheint ihnen wenig vertraut. Wir brauchen lange um den Unterschied zwischen Geschichte als Kollektivsingular und den Geschichten als Narrationen verständlich zu machen. Auch Begriffe wie „Kommunismus“, „Sozialismus“, „Faschismus“, „Nationalsozialismus“, „Nazi“ etc. müssen mühsam erklärt werden und es bleibt vage, ob sie inhaltlich tatsächlich gedeckt sind. Dann geht es zum Zweiten Weltkrieg und zum Dritten Reich. Sie erkennen Hitler und fragen mich: War er gut oder schlecht? Die Frage gebe ich zurück. Was wißt ihr über Hitler? Er war ein starker Mann, strong, und das war gut. Davon sind sie sichtlich beeindruckt. Aber er hat viele Menschen getötet – schlecht.

In allergröbsten Zügen erkläre ich den Holocaust. Wenn das Wort „Jude“ fällt, „yahood“, huschen die Blicke immer wieder hin und her, gibt es ein verschmitztes, schwer zu deutendes Lächeln. Das ihnen freilich vergeht, als die Dimension, die Zahl, die perfide Idee der Gaskammern – „why showers?“ –, die Öfen, die ganze Organisation, die Tötungsmaschinerie aufgeht. Die Hitlerfrage muß ich nun nicht mehr stellen. Aber die Judenfrage. Daß es Israel – ein Nachbarland Syriens – gibt, hängt auch mit der deutschen, eure also mit unserer Geschichte zusammen.

Die Juden also. Das Land gehört den Palästinensern, daran lassen sie keinen Zweifel. „Wenn du was über die Juden wissen willst, mußt du die Palästinenser fragen. Wir haben keine Probleme mit ihnen, den Juden. In Syrien leben auch welche und es geht ihnen am besten von allen.“ – „Sind sie geschützt, sicher?“ – „Na klar, geschützt und sicher. Die Juden werden doch überall geschützt.“

Dann erzählt Khaled von seinem Vater, der 17 Jahre lang in Israel gearbeitet habe und 110 Jahre alt geworden sein soll. Themawechsel. Mit 85 zeugte er ihn, seinen jüngsten Sohn mit seiner zweiten Frau, die ein Menschenalter jünger war. So endet der inhaltsschwere Abend mit Gelächter und ein paar halbschlüpfrigen Männerwitzen. Kulturelle Unterschiede sucht man in dieser Frage vergebens.

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