Silvester in Damaskus

Tolle Silvesterbilder von Sydney, Hongkong, Dubai bis Rio. Damaskus fehlt im Hochglanz. Wie es dort zuging, schildert Muhannad. Seine Familie mußte Darayya fliehen und lebt nun bei den Großeltern in der Nähe der Universität, im Herzen der Stadt.

Als er seine Familie am Telefon erreicht, hört er Schreien und Schüsse. Unten auf der Straße stehen Assads Soldaten und machen Feuerwerk auf Syrisch. Kalaschnikow in die Höhe und Salve nach Salve in die Luft schießen – oder eben in die anstehenden Häuser. Die Kinder schreien vor Panik. Verstecken sich. Klammern sich an die Mutter. „Müssen wir sterben? Müssen wir sterben?“ Sie beruhigt und vertröstet aufs Paradies. Dort kämen sie alle hin. Aber die Kleine will nicht ohne ihren Papa ins Paradies. Auf dem Pflaster regnet es Maschinen-gewehrkugeln. Zwei Menschen werden, so berichtet Muhannad, von herunterfallenden Projektilen getötet. Nachts will die jüngste Tochter nicht allein im Bett schlafen. Die Mutter legt sich zu ihr, sie umklammern sich fest.

Die drei Syrer sehen meine ungläubige Miene und beginnen nun zu erzählen. Alles sei Willkür in Syrien. Einmal wurde Muhannad von einer Patrouille gestoppt. Sein Gesicht, seine Art, vielleicht auch eine flapsige Antwort, etwas gefiel dem Soldaten nicht. Der wird aggressiv. Läßt aus seinem Magazin zwei Patronen in den Kofferraum fallen und spielt nun empört – „Was ist das, wo hast du das her?“ Jetzt eine falsche Reaktion und sein Leben könnte verwirkt sein. Er lächelt und schmeichelt, gibt sich untertänig und gehorsam und hat Glück. Der Soldat nimmt die Patronen zurück, munitioniert sie wieder auf und winkt ihn angeekelt weiter.

Niemand sei vor den Soldaten sicher. Viele seien Söldner, noch nicht mal Anhänger Assads, sondern täten es fürs Geld und das Gefühl der Stärke und den Kick in einem sinnlos gewordenen Leben und wegen der Frauen, die sie für Geld bekämen. Vor allem aber ist es die Macht, die einem die Knarre und die Angst in den Augen der Menschen verleiht. Niemand kümmert sich um einen Toten mehr oder weniger. Der Soldat hätte Muhannad am Straßenrand abknallen können und keiner hätte sich gewundert, oder er hätte ihn einsperren können oder Geld erpressen oder mißhandeln können … ganz nach Willkür. Einzig die Frauen seien verhältnismäßig sicher. Seine Familie ist nun in Gottes Hand, sagt er – ich kann nichts tun, nur hoffen.

Über die Feiertage kam sein positiver Bescheid, er ist nun als Flüchtling anerkannt. Nur ein kurzes Lächeln hat er dafür übrig, denn er weiß, daß es trotzdem noch lange dauern wird, bis die Familie nachziehen kann. Zuerst muß sie zum „Interview“ nach Beirut im Libanon, in die Deutsche Botschaft. Mit dem Taxi für jeweils 100 Dollar auf unsicheren Straßen. Aber die Wartelisten sind lang und er glaubt nicht, das in diesem Jahr zu erleben.