Die Wolken

Ein Märchen

Weit draußen über dem endlosen Meer wuchsen zwei Wolken heran. Sie wurden dick und fett und reichten fast von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Sie trieften vor Nässe. Wie zwei massige Schwämme sogen sie noch mehr Feuchte in ihren weißen Bauch, der schier unerträglich anschwoll, und waren schließlich so schwer, daß sie sich kaum noch über Wasser halten konnten. Endlich schwebten sie dem grünen Lande entgegen, dem hohen Gebirge, wo sie erleichtert ihre Last abzuwerfen gedachten. Dies war jener Teil der Erde, wo es reichlich regnete, wo die saftigen Matten grünten, wo die Kühe und Kälber auf den Weiden prächtig gediehen. Regengüsse gab es hier im Überfluß und mit ihm den Wohlstand. Sich hier abzuregnen war das Los der Wolken seit Menschengedenken. Die eine Wolke folgte dem Ruf des Geschicks, mit Donner und Blitz entleerte sie ihren prallen Wanst und ward mehr und mehr entlastet, mit jedem Regentropfen, den sie spendete. So ging sie ein in den großen Kreis der Natur und so ist es immer gewesen und wird wohl immer so sein.

Die andere Wolke jedoch mochte dies nicht leiden. Sich im Reichtum verschwenden, nur jenen zu spenden, die schon reichlich haben, welche Großtat könne das denn sein? Gab es denn nicht Gegenden, wo Vieh und Weide, wo Gewächs und alle Kreatur nach dem labenden Naß dürsteten? Dort litt und starb man unter dem gnadenlosen Regiment des glühenden Sonnenballs. Wer daselbst seinen Leben spendenden Saft ausschenken könnte, dem gebührten Ruhm und Ehre.

So stieg die Wolke in den Himmel und versagte sich jegliche Erleichterung. Wind und Wetter rissen an ihr, aber sie hielt beisammen und bald gelangte sie in einen warmen Strom, der sie gen Osten trieb. Sie meisterte das Gebirge und schaffte auch ein zweites noch. Unter ihr das Land wurde mager und karger, Wälder gab es schon seit langem nicht mehr zu sehen und nun verloren sich auch die grünen Wiesen. Verbrannt lag die Erde da, nur klappriges Vieh fristete hier ein kümmerliches Dasein. Und dann kam die große Wüste, wo es fast gar nichts mehr gab, nur Stein und Sand und wieder Sand. Aber auch hier lebten noch Menschen mit ihren Familien und Herden. Als sie die Wolke am Horizont sahen, liefen sie zusammen, schrien und jubelten und konnten ihr Glück nicht fassen, denn um diese Zeit des Jahres pflegte der Himmel blau und schwarz zu sein wie ein riesiges Loch – das Leben aber war eine schwere Last. Die Luft in diesen Gefilden war höllisch heiß und die Wolke war längst nicht mehr so mächtig wie einst. Ein Teil ihres Wassers war einfach verschwunden und doch: Hier draußen war sie wie ein Wunder und ein Wunder hatte sie zu vollbringen. Mit Getöse und Blitzschlag kündigte sie ihr Kommen prahlerisch an, steckte sogar eine Hütte in Brand und endlich, endlich entledigte sie sich ihrer ganzen nassen Last.

Allein, sie stand hoch am Himmel und der Weg zum Grunde ward lang. Vom Boden stieg ein heißer Atem auf, der die fallenden Tropfen sogleich in Dampf verwandelte. Die Wolke preßte, drückte und gab alles, doch war sie ausgelaugt von der langen Reise. Ein letztes Mal sandte sie ein kümmerliches Blitzchen hinunter, dann fiel sie erschöpft in sich zusammen.

Kein netzender Tropfen erreichte an diesem Tage den knochigen Boden, die Leidenden zu erquicken. Das Wasser verdampfte in der Luft und nur ein hübscher Regenbogen am abendlichen Himmel zeigte sich den Dürstenden.

Die freilich konnten sich dessen nicht erfreuen und fluchten dem himmlischen Spott.

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