Konditionierungen – Heidegger

Weimarer Impressionen

„Nietzsche ist der erste Denker, der im Hinblick auf die zum ersten Male heraufkommende Weltgeschichte die entscheidende Frage stellt und sie in ihrer metaphysischen Tragweite durchdenkt. Die Frage lautet: Ist der Mensch als Mensch in seinem bisherigen Wesen für die Übernahme der Erdherrschaft vorbereitet?“
Martin Heidegger

Höhepunkt unseres Besuches, der diesmal Nietzsche gewidmet war (Goethe, Schiller und Steiner sind bereits „abgearbeitete“ Fälle), ist der Besuch des Nietzsche-Archives gewesen. Ein großartiger Bau, ein ähnlich mystischer Ort wie das Nietzsche-Haus in Naumburg. Wenn man Glück hat und ein wenig allein ist, dann kann es passieren, daß der genius loci zu einem spricht. In diesem Falle ist es eher der Geist van de Veldes, denn Nietzsche dämmerte seine letzten drei Lebensjahre wohl nur noch vor sich hin. Das Eingangsportal und das Bibliothekszimmer sind eine Augenweide. Da stimmt einfach alles. Henry van de Velde hatte die Innenausstattung übernommen, auf Anraten Harry Graf Kesslers, der Elisabeth Förster-Nietzsche davon überzeugen konnte, das von ihr mit allerlei kunterbuntem Nippes zugestellte Haus dem Obermieter würdig und stilvoll zu gestalten. Aber das ist eine andere Geschichte …

Van de Velde zieht jedenfalls auch holländisches und flämisches Publikum an. Ein solches Paar stolzierte selbstsicher durch die Ausstellungsräume, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hin und wieder die Brille aus der Jack-Wolfskin-Innentasche zückend, immer dann, wenn das Gesicht einer Persönlichkeit unbekannt war: Spengler, Burckhardt, Rietschel, Kessler … alle unbekannt. Aber da: ein bekanntes Gesicht! Heidegger! Sofort beginnt der Herr zu dozieren und zwar ein einziges Wort: Nationalsozialismus!

Da war sie wieder, die tief verinnerlichte Konditionierung. Blaues Licht = Speichelfluß, Heidegger = Hitler. Losgetreten von der Primärgröße Lukács, gern aufgenommen von Habermas und Frankfurtern, vertieft von Farias, Faye und zahllosen anderen Tertiärgrößen, verbreitet von skandalisierenden und in der Regel wenig differenzierenden Medien und endgültig ins allgemeine Bewußtsein gehämmert mit der großen PR-Maschine nach dem Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ – ein hundertbändiges, noch längst nicht ausgeschöpftes Werk, auch eine bahnbrechende Nietzsche-Interpretation, auf ein einziges Wort zusammengestampft.

Dagegen hilft nur eines: Heidegger lesen! Von mir aus auch gerne mit dem Willen, die faschistischen Denkfiguren in der Philosophie aufzufinden. Hauptsache lesen! Und wer dann mit Vollmacht die alte Rechnung sich noch aufzumachen wagt, dem höre ich gerne zu.

Der Mord an Khaled B.

Mehrere Male habe ich versucht, meine beiden eritreischen Sprachgruppen mit dem Mord des eritreischen Asylsuchenden Khaled B. zu konfrontieren. Zur Erinnerung:

Am 13. Januar 2015, einem Montag, einem Pegida-Tag, wurde ein eritreischer Mann vermißt, tags darauf die Leiche gefunden. Äußere Gewalteinwirkung soll nicht sichtbar gewesen sein, weshalb eine Obduktion angeordnet wurde. Diese wiederum brachte tödliche Stichwunden zum Vorschein, woraufhin in einem Mordfall ermittelt wurde.

Sofort und lange bevor polizeiliche Erkenntnisse kund wurden, schrillten in den dafür bekannten Medien die Alarmglocken, man sah die Pegida-Saat aufgehen, eine fremdenfeindliche Tat mußte es sein, man stellte einen Zusammenhang zu den Demonstrationen her. Grünen-Politiker Beck vermutete eine polizeiliche Verschwörung und stellte Strafanzeige gegen die Polizei, linke und grüne Politiker*innen twitterten und facebookten, Antifa-Demonstrationen fanden statt, auf denen „Rassismus tötet“ skandiert und brutale Straßenschlachten mit der Polizei geführt wurden. Selbst die internationale Presse berichtete, internationale Menschenrechtsorganisation appellierten an die deutsche Politik gegen Extremismus vorzugehen …

Zwei Wochen darauf wurde der Täter ermittelt: Es war der ebenfalls eritreische Asylsuchende Hassan S., der in Gegenwehr gehandelt haben will, der am 6.11. aber dennoch zu fünf Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt wurde.

Quelle BR

Quelle: br.de

Auf einem der Photos der „spontanen Mahnwache“ vom 14.1., die sich zu einer „Spontandemo“ entwickelte, erkannte ich einen meiner Schüler – Mohammed – wieder. Im Zusammenhang mit der Meldung über den Prozeß, befragte ich ihn dazu. Ja, er sei deswegen nach Dresden gereist – wie viele andere. Ob er wisse, wer der Täter sei? Nein, er verstehe nicht recht.

Und das ist der Tenor aller dieser Versuche. Es gab sehr große Aufmerksamkeit, wenn ich den Fall besprach. Einige schienen die involvierten Personen auch gekannt zu haben. Daß der Täter jedoch ein Landsmann gewesen sein soll, schien ihnen nur schwer verständlich zu sein. Die Reaktionen waren ausweichend, fast schamhaft. Es ist mir nicht gelungen, konkrete Aussagen zu erlangen. Immer wieder versteckte man sich hinter dem rettenden „nicht verstehen“.

Nun versuchte ich ihnen zu erklären, daß es sich nicht um die Tat eines Rechtsextremen gehandelt habe. Aber auch hier stieß ich auf Verständnis-schwierigkeiten. Was ein Rechtsextremer, ein Skinhead, ein Neonazi sei, konnten oder wollten sie nicht verstehen. Trotzdem gab es sehr aufgeregte Diskussionen auf Tigrinya.

Schließlich entschied ich, den Zeitungsartikel über den Prozeß der besten Schülerin zu geben, mit der Aufgabe, ihn zu übersetzen und die anderen beim nächsten Mal zu informieren. Auf die Frage, ob sie die Übersetzung geschafft hätte, antwortete die junge Frau positiv, fing aber erneut an, um den heißen Brei herumzureden, so als sei es ein Sakrileg oder überschreite die Schamgrenze, zu sagen: Einer von „uns“ war es. Die Namen von Täter und Opfer weisen auf muslimische Männer hin – die Gruppen bestehen zu 70% aus Christen. Vielleicht ist das eine Hürde? Oder ist es wirklich die Angst vor Gewalttaten oder spricht man einfach nicht darüber …?

In solchen Momenten bleiben mir diese Menschen fremd.

Staunlosigkeit

Frage an die Syrer:

Was stellt man sich in Syrien unter Deutschland vor?

Deutschland ist Technik, Autos, Fußball.

Was war das Verwunderlichste in Deutschland?

Die sauberen Straßen. Die wohlerzogenen und zahlreichen Hunde. Die Kreuzungen.

————————————————————-

Man kommt ins Land der Träume – wie sieht man es? Reist man nach Marrakesch, so staunt man über die Medina und den abendlichen Markt, nimmt den morgendlichen Ruf des Muezzins verwundert wahr, das bunte Treiben, die exotischen Düfte, ist von der Weite des Himmels, der sternenklaren Nacht, von der Freundlichkeit der Menschen oder auch von ihrer Hartnäckigkeit überrascht, kurz, steht einer anderen Welt mit offenen Sinnen gegenüber.

Meinen syrischen und eritreischen Deutschschülern stellte ich diese Frage: Was hat euch in Deutschland am meisten überrascht, was war das Unerwartete, wo kamt ihr ins Staunen?

Die Frage nach dem Unerwarteten verstehen die Eritreer nicht und ich weiß nicht, ob es ein nur sprachliches Problem ist. Gibt es diesen abstrakten Begriff auf Tigrinya vielleicht nicht, sind sie noch zu jung, sind ihre Englisch- und Deutschkenntnisse zu gering? Ich gebe nach einem Dutzend Versuche, das Konzept irgendwie verständlich zu machen, auf.

Die Syrer hingegen sind gebildete, lebenserfahrene Menschen, sie sprechen ein recht gutes Englisch. Auch sie verstehen anfangs nicht recht, denken lange darüber nach, um dann nichts Mystisches, Abstraktes, sondern die sauberen Straßen und die wohlerzogenen Hunde zu erwähnen. Nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, nicht Friede oder die vergleichsweise Stille, die Distanziertheit der Menschen, wie man erwartet hätte, nicht die grüne Natur, noch nicht mal das Wetter, auch nicht die Technik oder die Ordnung an sich oder die Gottlosigkeit, Buntheit, Nacktheit, Obszönität, Beliebigkeit … nein, die Straßen und die Hunde. Nichts Abstraktes oder Transzendentes, stattdessen Tatsachen, Taktiles, Tatsächliches, schlicht und einfach Nebensächliches. Man kann es mit den Eindrücken eines Sportfreundes verdeutlichen, der nach drei Monaten Argentinien als prägendstes Erlebnis die Größe und Zartheit der Steaks mitbrachte. Bei ihm, dem Sportfreund, ist es Oberflächlichkeit, bei den Orientalen kann ich daran nicht glauben, denn gerade Sattheit dürfte man ja nicht vermuten.

Vielleicht liegt der Schlüssel in einer Bemerkung Gerhard Nebels, dem es im Alter nicht mehr gelang, sich Land und Landschaft der Gegenden, die er bereiste, zu erschließen. Bis dahin hatte er großartige Reisebücher über Afrika und Griechenland geschrieben, zahlreiche Artikel im „Merian“, voller Staunen vor dem Ungeheuren der jeweiligen Fremdheit. Ausgerechnet bei seiner späten Reise nach Ägypten, die er zudem mit Erhart Kästner, einem anderen Beobachtungsmeister, unternahm, verstummt ihm der innere Klangkörper, der die feinen Vibrationen des fremden Außen bislang so sicher und genau aufgenommen hatte.

Zum einen macht er die zunehmend touristisch aufgearbeitete Landschaft verantwortlich – diesen Blick wird man auch heutigen Jugendlichen unterstellen dürfen, zum anderen das hohe Alter. Vor allem aber – und das könnte auch die seltsame Staunlosigkeit der Syrer erklären –, vor allem aber war Nebel inzwischen Christ, Glaubender geworden: „Es war also zuletzt und eigentlich der Glaube, der mir die Reiselust vergällte“, und sein philosophischer Interpret ergänzte: „Das mythische Sein könne nicht mehr in der Intensität wirken, da jetzt Christus den Grund seiner Existenz bilde. Damit sind, so könnte man sagen, die Sinne gebunden. Die Wirklichkeit muß nicht mehr durch Reiseerlebnisse aufgespürt werden.“

Ist es möglich, daß eine religiös gefestigte Jugend mit gebundenen Sinnen hier ankommt, daß sie das Fremde schon als Eigenes empfindet, bevor sie es überhaupt kennenlernt, weil es einem Allumfassenden gehört? Könnte das die vergleichbare Neugierlosigkeit erklären? Man nimmt nur in Empfang, was einem sowieso schon – von Beginn an – gehört?

Quelle:
Gerhard Nebel: Die Reise nach Tuggurt
Erik Lehnert: Gerhard Nebel. Wächter des Normativen

Who wants to be a refugee?

Weimarer Impressionen

Die Stadt ist eine Augenweide. Aber es gibt auch Schandflecken: der realsozialistische Wohnblock gegenüber dem idyllischen Jakobsplan, das realkapitalistische „Atrium“ und – dieses hier:

Refs welcome

Die linksalternative Szene hat es mal wieder geschafft und sich aller Renovierungswut widersetzt. Entweder wurde das sympathische Haus in diesem Zustand übernommen und erhalten oder aber zugrunde gerichtet. Allein, Flüchtlinge sind willkommen!

Die Subbotschaft lautet: Fühlt euch wie zu Hause, wie in Homs, Aleppo, Kobane oder Tripolis. Dabei hätten wohl der Arbeitsaufwand und die finanziellen Ausgaben für die Sprühfarbenbilder schon genügt, um das Haus zu renovieren und für eine Runde Freibier für alle hätte es auch noch gereicht.

Refugees! Is that what you were looking for?

Refs welcome2

Plauener Protokoll

Superintendentin, Landrat, Oberbürgermeister, Landtagsabgeordneter und kleinere Granden der regionalen Politik laden ein zum „Demokratischen Prozeß – Zuhören, Nachdenken, Meinung bilden“. Das Haus voll, die Luft schon vor Beginn zum Schneiden dick. Moderiert von einer Vertreterin der Landeszentrale für Politische Bildung. Ermahnungen, andere Meinungen nicht zu bewerten, zuzuhören. Dann geht’s los:

Gleich wird von „Raubtierkapitalismus“ gesprochen, von Bevölkerungsex-plosion und Invasoren, von verbrecherischer Politik der Bundeskanzlerin, und warum unterstützt das der Landrat. Familien ja, aber die jungen Männer seien Fahnenflüchtige und Verbrecher – der Ton ist gesetzt. Der Beifall sicher. „Was würden Sie machen“, fragt der CDU-Stadtrat ob dieser Energie fast etwas ängstlich, „wenn Menschen vor der Grenze stehen?“ („Registrieren“, ruft später einer), und der Landrat meint, daß es immerhin gewählte Vertreter seien, über die man hier spricht und daß auch deren Möglichkeiten begrenzt seien, angesichts der Masse an Menschen.

Doch die Breitseite geht weiter: Die Unzufriedenheit unter der Bevölkerung sei doch bekannt – „Wissen die Politiker nicht, was vorgeht?“ Unerträglich sei diese Ignoranz und Arroganz. Warum würde Kritik stets in die rechte Ecke gedrückt und von wegen „alles traumatisierte Flüchtlinge“. Ein „Justizangehöriger“ haut in dieselbe Kerbe: Verständnis für alle Menschen, die ein besseres Leben wünschten, doch hier ginge es um massive Rechtsbrüche und die müßten geahndet werden. Erst kürzlich habe er einen migrantischen Gefangenen gefragt, weshalb er in Deutschland sei, wenn es ihm hier nicht gefalle. Die Antwort: „Hier kann Drogen haben und deitsche Frauen ficken“. Hoho!

Eine Dame erhebt sich, Mitarbeiterin der Erstaufnahme: Doch, es gibt diese traumatisierten Menschen und keinen könne das kalt lassen, wenn man die Geschichten hört, die Tränen sieht. Würde nicht jeder seinen Sohn oder Mann losschicken, um die Familie zu retten? „Wir können nicht Deutsch denken, ohne an alle zu denken. Es gibt keinen Menschen auf Gottes Erden“, sagt sie von ihren eigenen Worten gerührt, „den Gott nicht liebt“. Auch dafür gibt es Beifall, spärlich – die Kräfteverhältnisse sind nun klar: vier zu eins.

„Mein Mann würde mich und meinen Sohn niemals allein lassen“, erwidert eine politische Aktivistin unter Applaus. Sie habe gehört, Schengen sei ab Januar ausgesetzt und Kindergartenplätze stünden wegen der Flüchtlingskinder nicht mehr zur Verfügung. Landrat und Bürgermeister sollen Rede und Antwort stehen. Der Landrat weiß von nichts, der Bürgermeister holt weiter aus, nennt die aktuellen Flüchtlingszahlen für die Stadt, mit bereits abgeschlossenen Verfahren (1100) und in der Erstaufnahme (250 mit 300 zu erwartenden). 1,6% der Gesamtbevölkerung – ob das zu viel sei, müsse jeder selber entscheiden. Und Kindergärtenplätze gäbe es genug. Dann ermannt er sich, der FDP-Mann. Politiker auf der lokalen Ebene haben ausführende Funktionen und die versuche man so gut als möglich wahrzunehmen. Das sei kein Bekenntnis zur großen Politik. Die halte er für mißlungen. „Frau Merkel hat gravierende Fehler gemacht und nicht die Kraft, das einzugestehen.“ Man könne nicht hunderttausende ins Land holen und dann hinterher eine europäische Verteilung einfordern. Aber wir müßten trotzdem unsere Aufgaben lösen und das heißt nun mal, die Menschen menschenwürdig unterzubringen.

Ein junger Mann hat sich die Erstaufnahme angesehen: Hasenställe. Diese Menschen haben keinerlei Orientierung, wir wissen nicht wer kommt. Andererseits machen immer mehr Firmen pleite, gibt es immer weniger Arbeit in der Stadt – wie wollen wir diese Menschen integrieren? Wie soll die natürliche Barriere überwunden werden, wenn die Mittel und Voraussetzungen fehlen?

Nun wieder die Gegenseite, ein Pfarrer: viele Fluchtgründe, keine monokausalen Ursachen, Individualität, Lehren aus deutscher Geschichte, keine Neiddebatte … Flüchtlinge wollten nicht im Vogtland bleiben, die Stimmung sei so schlecht, wir müßten auf sie zugehen, gastfreundlich sein.

Einer will eine Resolution übergeben, unterschrieben von 850 Menschen. Der Landtagsabgeordnete empfiehlt stattdessen eine Petition, denn es gebe ein Petitionsrecht. Nein, man stelle keine Bitten mehr – diese Zeiten sind vorbei – man fordere nun! „Merkel ist Teil einer Politikerkaste, die nach den Maßstäben Nürnbergs als Kriegsverbrecher bezeichnet werden muß“ – da wird es unruhig im Saale … hat da etwa jemand den Leibhaftigen gemeint? Die Moderatorin entreißt das Mikro: „Das ist jetzt im volksverhetzenden Bereich“ – sie zittert, ihre Augen schauen ängstlich. Der alte Herr erobert sich das Mikro noch einmal und sagt: „Sie haben mich nicht ausreden lassen. Das hat Willy Wimmer, CDU-Politiker und Staatssekretär gesagt (stimmt). Dieses Abwürgen des Diskurses ist eine Unverschämtheit“. (Die arme ängstliche Frau, die nur nichts verkehrt machen will.)

Ein weiterer nimmt den Ball auf: Wir reden hier von Diktatur – Merkel und CDU könnten nicht alles entscheiden. Volksentscheide müßten her und wenn das nicht, dann Neuwahlen und alle müßten gehen. Ein anderer berichtet von seinen Erfahrungen aus „einer größeren westdeutschen Stadt mit hohem Ausländeranteil“. Dort sei Integration nicht gelungen, durch alle Generationen. Was uns bevorstünde, könne man in den Vorstädten von Marseille und Paris sehen. „Dieser schwache Staat wird es nicht schaffen, neue Zuwanderer zu integrieren“. Und apropos Traumatisierte: Nun läßt man deutsche Soldaten wieder in den Krieg ziehen und dann werden unsere Söhne traumatisiert zurückkehren. Tosender Applaus.

Zum Schluß wird die „Hilflosigkeit unserer Politiker“ beklagt. „Warum sagt niemand der Kanzlerin die Meinung?“ Auch Kommunalpolitiker dürften keine Ausführenden der Bestimmungen von oben sein, sondern sollten die Stimmung von unten aufnehmen und nach oben Druck ausüben. An den Bürgermeister: „Vertreten Sie die Interessen der Plauener und nicht die von Merkel und Co.!“

In Plauen bewegt sich wieder was, das beweist auch dieser „Dialog“ – so etwas gibt es nicht an vielen Orten.

Viel Wut steckt in vielen Menschen. Manchmal machen sie ihrem Herzen Luft, reden eine derbe, aber ehrliche Sprache, manchmal über die Stränge schlagend. Aber von „Hetze“ zu reden, wie man es gleich wieder aus grüner und linker Ecke zu hören bekam … Man sollte diese häßlichen Wörter – Haß und Hetze – endlich aus dem Diskurs streichen.

MDR Sachsenspiegel

Freie Presse: Bericht und Meinungen

DD-Dialog

Dresdener Impressionen

– Stehen Sie schon immer hier?
– Nein.
– Seit wann?
– Einiger Zeit.
– Und warum?
– Wegen der Sicherheit der Verkäuferinnen …
– Ist die Sicherheit der Verkäuferinnen denn gefährdet?
– … und wegen den Waren.
– Ach so?
– Die Inventur hat ergeben, daß in letzter Zeit verstärkt …
– War das schon immer so?
– Nö.
– Womit hängt das zusammen?
– Nu, ja, keine Ahnung …
– Das hat nicht etwa mit der neuen Einrichtung zu tun?
– Nö …, es gibt genügend Deutsche, die auch klauen.
– Ja, da haben Sie leider recht.

Dieser Dialog fand am 11.11. nicht um 11.11 Uhr statt. Handelnde Personen: der Verfasser und ein Sicherheitsmann eines örtlichen Sicherheitsdienstes in grüner Phantasieuniform. Ort: Der Nacht-Konsum Münchner Straße, Ecke Würzburger Straße in Dresden.

Konsum

Dort hatte es drei Wochen zuvor eine schwere Vergewaltigung gegeben. Als Täter wurden zwei Männer „südländischen Aussehens“ gesucht. In 700 m Entfernung, in den Sportstätten der TU Dresden, befindet sich seit August eine Asylunterkunft für 600 Asylsuchende. Diese „Vergewaltigung“ hat sich mittlerweile als Vortäuschung einer Straftat erwiesen!

TU

Gefragt habe ich den Wachmann, nachdem eine ortsansäßige Bekannte mir von einem Einkaufserlebnis berichtete. Demnach betraten nach 21 Uhr mehrere dunkelhäutige Männer mit leeren Bierflaschen das Geschäft, was nicht nur ihr, sondern sichtlich auch den beiden Verkäuferinnen einen Schrecken einjagte. Die ältere Dame rief sofort die jüngere Kollegin an die Kasse, um die Männer möglichst schnell und reibungslos zu bedienen. Auf Nachfrage gestanden die beiden Verkäuferinnen, tatsächlich Angst zu haben, insbesondere nach Ladenschluß, wenn sie an Gruppen junger und wohl auch alkoholisierter Männer im anliegenden Park vorbei gehen müssen.

Die Sorge der Frauen erweist sich als unbegründet – die jungen Männer bezahlen ihre Getränke und verlassen das Geschäft. Wenige Tage darauf steht seither der Wachmann an der Kasse …

Deutschland für Ausländer

Refugee Guide

Mit meiner kleinen Gruppe Eritreer den sogenannten Refugee Guide durchgesprochen. Das Sprachverständnis ist noch sehr gering, daher mußte ich oft mit Englisch nachhelfen. Thema:

Persönliche Freiheiten

• Jeder und jede kann sich zu seiner oder ihrer Religion bekennen – oder zu keiner. Religion wird als Privatsache angesehen, es gilt die Religionsfreiheit. Das heißt, dass man glauben darf, was man möchte – gleichzeitig wird aber auch erwartet, dass man akzeptiert, dass andere Menschen an einen anderen Gott glauben – oder an gar nichts.

Das wurde als gegeben hingenommen, obwohl die Gruppe aus Muslimen und Christen besteht. Was ihnen Religiosität bedeutet, kann ich noch nicht einschätzen. Vermutlich sieht man es eher lax, auch wenn riesengroße Kreuze um den Hals getragen und die Handy-Displays farbenbunte und kitschige Madonnen- und Jesusbildchen zieren. Man hört und liest und meine geringen Erfahrungen bestätigen das auch, daß es in Eritrea ein friedliches Zusammenleben zwischen den Religionen gibt. Eine gewisse Fassungslosigkeit, die man vor mir verstecken wollte, ruft der Gedanke hervor, man könne auch an gar nichts glauben! An gar nichts?

• Streitgespräche und Diskussionen haben in Deutschland meist das Ziel, zu einem Kompromiss zu führen. Die Presse hat hier eine besondere Freiheit, die sogenannte Pressefreiheit, die gesetzlich festgeschrieben ist. Die Presse beschäftigt sich mit vielen verschiedenen Themen, inklusive Kritik an der Regierung und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen (wie zum Beispiel Kirchen). Das Recht auf freie Meinungsäußerung erlaubt es jedem, seine oder ihre Meinung zu äußern, solange diese nicht andere Menschen diskriminiert, beleidigt oder bedroht.

Eritrea hat nur eine einzige Zeitschrift, vor zehn Jahren waren es noch sieben. Im internationalen Index der Pressefreiheit nimmt das Land den letzten Platz ein.

• In Deutschland sind öffentliche Liebesbekundungen von (heterosexuellen sowie homosexuellen) Paaren nicht ungewöhnlich. Dies geht von Händchenhalten über Umarmen und Küssen bis hin zu Kuscheln in der Öffentlichkeit. Dies ist akzeptiert und sollte nicht weiter beachtet werden.

Aufmerksame Spannung liegt in der Luft. Zwei Männer oder zwei Frauen sich küssen zu sehen, das kam offensichtlich unerwartet. Man findet es eher komisch oder peinlich, reagiert mit Gekicher, nicht mit Aggression oder Abscheu. Also hieß die Parole: auch Lachen verbietet sich.

• Menschen, die im Sommer wenig bekleidet sind, gelten als normal. Dazu gehört beispielsweise das Tragen von T-Shirt und kurze Hosen. Es ist unhöflich, diese Menschen für längere Zeit anzusehen.In Saunen und einigen wenigen Schwimmbädern bewegt man sich nackt. In den meisten öffentlichen Schwimmbädern trägt man Schwimmbekleidung.

So etwas gebe es auch, wenn auch selten, in Eritrea. Mein Vorschlag eines gemeinsamen Schwimmhallen- oder gar Saunabesuches wurde zumindest nicht abgelehnt.