Zwei Sichtweisen

Zwei Sichtweisen stehen sich in der sogenannten Flüchtlingskrise scheinbar unversöhnlich gegenüber und beide berufen sich auf den schwammigen Begriff der „Humanität“. Am Beispiel Dänemark und an der medialen Berichterstattung in den deutschen Medien läßt sich das Mißverständnis gut aufklären. Nur ein Wort zuvor und doch schon zur Sache, weil es den Konflikt im Kern enthält: die einen glauben sich in einer „Flüchtlingskrise“, die anderen sehen es als fundamentale Existenzkrise an.

In Dänemark hat es die „Dansk Folkeparti“, in deutschen Medien durchgängig als „rechtspopulistisch“ bezeichnet, 20 Jahre nach ihrer Gründung bis auf über 21% bei den Parlamentswahlen im Juni geschafft. Das war nicht zuletzt einer charismatischen Vorsitzenden – Pia Kjærsgaard – zu danken, die einen hohen ethischen Anspruch durchsetzte und damit das mediale Dauerfeuer unterlaufen konnte. Zusammen mit der „Venstre“, den Bürgerlich-Konservativen, bildet man nun die Regierung und eine der ersten politischen Maßnahmen war die Senkung der Sozialleistungen für Asylbewerber um die Hälfte von ca. 1500 auf 750 Euro. Dies und begleitende Maßnahmen auf noch immer sehr hohem Niveau haben sofort zu einem Einwanderungsrückgang geführt, was im Übrigen die Hypothese zu bestätigen scheint, daß viele Menschen von Angeboten gezogen und nicht (nur) vom Elend geschoben werden.

Die Reaktion in der deutschen Presse war voraussehbar negativ. Man hielt das für inhuman, wohingegen die dänische Regierung ihrerseits Humanität als Argument anführte.

Man muß zweierlei wissen: Zum einen hat Dänemark bereits einen hohen Einwanderanteil von offiziell 11,6% und viele der hauptsächlich muslimischen Einwanderer haben sich auch nach Generationen nicht integriert, leben in Getto- und Parallelgesellschaften und das Land hat mit der „Mohammedkrise“ einen fundamentalen Schock erlitten, zum andern spielt die nationale Identität im kleinen Land eine viel größere Rolle als das in Deutschland vorstellbar ist.

Während die einen sich nun dem unmittelbaren Leid meist undifferenziert hingeben und helfen wollen, versuchen die anderen einen Blick in die Zukunft und sehen dort ein enormes Leidpotential entstehen. Beide wollen also Leid für Menschen vermeiden, beide können sich auf „Humanität“ berufen. Emotionale Intelligenz streitet hier mit Existentieller Intelligenz. Die eine gibt sich dem Augenblick, dem Gefühl, der unmittelbaren Wahrnehmung und den daraus entstehenden Handlungsanweisungen hin – die freilich vom Werteset abhängen –, die andere betrachtet die unmittelbare Situation abstrakt und versucht Entwicklungen in weiterem Raum und späterer Zeit abzuschätzen. Erstere läuft Gefahr durch permanente Selbstversorgung mit Leidbildern – das Leid anderer endet nie, solange es andere gibt und hinter jedem Geretteten stehen tausend neue Hilfsbedürftige – zur Selbstnegierung und Aufopferung (Addition des eigenen zum fremden Leid) zu gelangen, die zweite riskiert, das unmittelbar Anliegende zu übersehen. Beide können sich in ihrer Wahrnehmung täuschen und trotzdem kann man eine moralische Präferenz entwerfen.

Sollte sich nämlich der Emotionalismus als Irrtum (also Leidpotentierung) erweisen, dann ist das Experiment gescheitert und viele Handlungsoptionen werden dann ausgeschlossen sein. Sollte hingegen der Rationalismus irgendwann erkennen müssen, daß doch nicht alles so schlimm gekommen sei, wie befürchtet, dann befindet man sich trotzdem noch auf einem vernünftigen Handlungsniveau.

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