Weihnachtsmarkt

Begeisterung sieht anders aus! Als ich den Syrern sage, wir gehen heute auf den Weihnachtsmarkt, bleibt die Reaktion zurückhaltend. Sie waren schon dort, aber eben nur am Tag, wenn die Buden geschlossen sind, keine Menschen auf dem Markt, wenn vor allem die Magie der Lichter, Düfte und Musik fehlt. Am Karussell gleich am Eingang wird Muhannad nachdenklich. Nachdem sein Geschäft für Autozubehör ausgeraubt und teilweise zerstört wurde, so erzählt er, hat er einige Monate als Gehilfe auf einem Kinderkarussell gearbeitet … Weihnachten.

Viel muß man ihnen nicht erklären, sie kennen das Fest und viele Traditionen. Also konzentriere ich mich aufs Regionale. Wir essen Krapfen, die kommen gut an. Später überlege ich, ob nicht etwa Schweineschmalz bei deren Zubereitung eine Rolle spielt? Allahu akbar – und er wird es mir verzeihen, es war keine Absicht.

Bambes mit Apfelmus sind unverfänglich … obwohl … auch die werden ja gebraten …

An Glühwein ist nicht zu denken. Auch nicht ein wenziger Schluck? Nein, es ist verboten, auch der kleinste Tropfen. An Wurst und Fleisch wagen sie sich nicht heran. Nicht nur wegen des Schweins, sondern wegen Halal. Das Tier muß geschächtet sein. „Schächten“ ist übrigens ein wunderbares Wort, die syrische Zunge zu quälen. Also wird es gleich unter großem Gelächter konjugiert. Essen sie dann gar kein Fleisch? Wenig, fast nur Huhn. Ich erkläre, daß es aus tierrechtlichen Gründen – auch so ein schwer zu vermittelnder Gedanke – in Deutschland verboten sei und daß Tiere betäubt werden müßten. Aber man kennt einen arabischen Fleischer irgendwo, von dem beziehe man hin und wieder, esse aber meist vegetarisch.

Es ist eine lustige Runde. Wir lachen viel. Ab und zu muß ich ermahnen, nicht so laut zu sprechen, vor allem nicht Arabisch. Wer wissen will, wie man sich als Araber in Deutschland fühlt, der sollte mit ihnen über einen abendlichen Weihnachtsmarkt gehen. Ob ich auch als Araber durchgehe, weiß ich nicht, aber die zahlreichen bösen Blicke fange ich alle auf. Vor allem Männer schauen düster und böse, ihre Gespräche verstummen, wenn wir vorbeigehen. Bin mir gar nicht sicher, ob die anderen das überhaupt mitbekommen, meine Antennen sind jedoch ausgefahren. Am Stand mit den Räuchermännchen erkläre ich das Prinzip Räucherkerze. Die junge Verkäuferin lächelt uns freundlich zu, hat Spaß an den Wortkapriolen und holt sogar ein Räucherhaus zur Demonstration heraus.

Räuchermännchen – wieder so ein Wort zum Schießen. Oder Plauener Spitze oder Schwippbogen. Der Schwippbogen hat es Khaled angetan – den ganzen Heimweg über übt er, bis ich ihn erinnere, daß er dieses Wort wohl nie wieder in seinem Leben brauchen wird. Laß uns lieber weiter Artikel üben: Edelstein – die Edelstein … ich schaue streng … der Edelstein. Weiter mit Mütze, Krapfen, Zuckerwatte, Weihnachtsbaum, Pyramide, Bambes, Käse, Räuchermännchen und, ja, wenn du unbedingt willst – wir lachen alle – auch noch mal mit Schwippbogen.