Epistemologie der Krise

The power of ideas to transform the world is itself accelerating.
(Ray Kurzweil: The singularity is near)

Die sogenannte Flüchtlingskrise stellt auf politischer Ebene den Abschied von einer alten erkenntnistheoretischen Figur dar: des Dialogs mit den Ahnen.

Wissen generiert sich nicht mehr aus der gemachten Erfahrung und den bewährten Strategien, sondern wird projektiv, also in die Zukunft verschoben. „Laßt es uns probieren, dann werden wir es wissen.“ Die Wissenschaft nennt das „Experiment“. Der Unterschied zum wissenschaftlichen Experiment ist: dieses wird in einer dafür geschaffenen, zeitlich und räumlich abgegrenzten Welt durchgeführt, es ist mithin abbrechbar und wiederholbar, und man kann es von außen beobachten bzw. messen.

Die nun neue Qualität zeigt sich im Ineinanderfließen, in der Identitätsaufgabe, im Einreißen der Grenzen zwischen Experimentator und Untersuchungsobjekt. Es ist ein Experiment an und mit sich selbst.

Damit ist der ideologische und politische Progressismus in jene Phase eingetreten, die Ray Kurzweil für die Technik als „Singularität“ beschrieben hat. Die Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung nimmt derart zu, daß Ursache und Wirkung idealtypisch ihre Sukzession verlieren oder sich sogar umkehren. Sein utopischer Schluß war: „that we have the ability to understand, to model, and to extend our own intelligence“. Auf gesellschaftlicher Ebene wäre dieser Schluß noch waghalsiger. Zugegeben, theoretisch kann das Experiment gelingen, aber es gibt dafür keine – und kann auch keine geben – empirischen Hinweise. Es ist also der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser – die Alten hätten uns vielleicht vor Klippen, Strömungen, Haien gewarnt. Ihre Stimmen sind verstummt, nun bleibt uns nur noch die Hoffnung und – unsere Fitness.

8 Gedanken zu “Epistemologie der Krise

  1. Es gibt keinen unendlichen Wachstum in endlichen Systemen – das ist richtig gesehen. Und irgendwann steht sich die Beschleunigung selbst im Weg.
    Das Islam-Beispiel ist kategorial problematisch – haben wir den Islam abgeschliffen? Wir haben einige Muslime abgeschliffen – was zur Purifikation des Islam führte. Geschlossene Systeme lassen sich von außen kaum abschleifen.

    „Das Langsamste wird im Lauf niemals vom Schnellsten eingeholt werden; erst einmal muß doch das Verfolgende dahin kommen, von wo aus das Fliehende losgezogen war, mit der Folge, daß das Langsamere immer ein bißchen Vorsprung haben muß.“
    Aristoteles über das Achillesparadox des Zenon von Elea (Physik VI 9. 239 b)

    Gefällt mir

  2. chö schreibt:

    Aber was folgt denn nun aus der gesellschaftlichen Singularität? Kurzweils technische Singularität ist mehr oder weniger gleichbedeutend mit dem Sich-Überflüssig-Machen der Menschheit, ihrer feuerwerksartigen Vernichtung durch die Maschinen. Was kommt nach der vollzogenen Globalisierung, der endgültigen Vermischung von Völkern, Religionen und Kulturen? Muss sich das nicht zwangsläufig in eine Phase der wirtschaftlichen und ideologischen Stagnation (Konsolidierung?) umkehren, sofern man annimmt, dass die totale Zerstörung des Planeten in Ermangelung erreichbarer interstellarer Ausweichziele abgewendet wird?
    Wenn wir schon Ray Kurzweil bemühen, dann können wir als dystopisch-utopische Science-Fiction-Beispiele auch „Star Trek: First Contact“, „Cloud Atlas“ und meinetwegen auch „Elysium“ dagegen anführen, wo jeweils ein globaler Holocaust erst zu einer Entideologisierung und schließlich zu Bescheidenheit geführt hat.

    Gefällt mir

    • Das ist ja das Problem des Abbruchs der Geschichte – was daraus folgt, ist nicht abzusehen. Wenn das System überdreht, wenn es abhebt, kann das zur Implosion, Explosion oder tatsächlich auch zur Stagnation führen. Exakt diesen Zustand wollte ich andeuten: wir können aus der Geschichte nicht mehr ableiten, was folgen könnte, weil die Zukunft nicht mehr den „historischen Gesetzmäßigkeiten“, ja nicht einmal mehr der Sukzession, folgen wird.

      Freilich ist das alles Spekulation, Metaphysik.

      Die Quellenverweise machen die Differenz bildlich deutlich: keines davon sagt mir etwas. Ich hätte eher auf Baudrillard oder Virilio verwiesen.

      Gefällt mir

      • chö schreibt:

        Mir fällt da noch ein anderer historischer Vergleich ein: die galoppierende Inflation 1914–1923. Es kam zu einem Kollaps und zur Währungsreform, wonach sich die Wirtschaft mehr oder weniger schnell stabilisierte. Leider wurde seinerzeit auch der Nährboden bereitet für den retardierten ideologsichen Kollaps zehn Jahre später. War nicht das eigentlich schon eine gesellschaftliche Singularität? Deutschland wird sowas nicht ein zweites Mal passieren, bei den europäischen Nachbarn halte ich das aber absolut für möglich.

        Gefällt mir

  3. chö schreibt:

    Ich bin hier grundsätzlich anderer Meinung. Mich ärgert, dass Spinner wie Erich von Däniken und eben auch Ray Kurzweil eine unvermindert hohe und also unverhältnismäßige Aufmerksamkeit bekommen. Nichts von dem, was Kurzweil behauptet, ist auch nur ansatzweise im Kommen. Vor allem ist es unwissenschaftlich. Große Teile seiner Thesen sind mit theoretischer Informatik im Allgemeinen und Komplexitätstheorie im Besonderen leicht widerlegbar. Für mich ist er ein Scharlatan, der mit den Ängsten der Menschen genauso spielt wie ein Horst Seehofer oder Markus Söder.

    Und so ist es dann auch mit dem Globalisierungsexperiment. Nicht nur, dass es unvermeidlich ist, ich kann daran auch generell überhaupt nichts Schlimmes erkennen. Im Gegenteil: Wer sich abschottet und auf sein Erbrecht als Mensch erster Klasse pocht, an dessen Händen klebt auch das Blut aus all den Stellvertreterkriegen. Was wir hier tun, ist das Abwenden einer „failed world“, ja das _Verhindern_ von Terrorismus.
    Und Identitätsaufgabe ist immer nur für die ein Problem, die sich mit einer neuen, gesamtgesellschaftlich vielleicht sogar besseren Situation nicht mehr arrangieren können. Das sind meistens die ca. 50-Jährigen, die es sich im alten System gemütlich gemacht und die noch zu viel vor sich und auch schon zu viel hinter sich haben. Der Mauerfall 1989 mit seinen vielen zerstörten Biografien hat das ja einmal mehr eindrücklich bewiesen.

    Gefällt mir

    • Genau, was ich sage. 10 000 Jahre lang haben die Jungen auf die Alten gehört – seit 20 oder 30 Jahren (akzelerierend) dürfen die Jungen auch mit schiefen Argumenten den Alten vorwerfen, nicht mehr mitzuhalten, die Zeit nicht zu verstehen oder es sich im gemütlichen Nest der Stagnation und des Konformismus bequem gemacht zu haben, wo die Welt da draußen doch Bewegung einfordert. Das nenne ich „Experiment“ unter dem Vorzeichen des ideologischen Progressismus. Die Qualität der Argumentationslinie sollte hier entscheiden.

      Das neue Motto: Je älter, je erfahrener, desto dümmer. Das ist, was Kurzweil „Singularität“ nennt – ein brillanter Gedanke, ganz unabhängig von den technischen Voraussageerfüllungen: das Überholen der Erfahrung durch die Hoffnung.

      History will tell, oder treffender: Future will tell, oder noch besser: Fustory, Histure will tell.

      Gefällt mir

      • chö schreibt:

        Ich werfe mal ein weiteres Argument, diesmal volkswirtschaftlicher Natur, in die Runde. Solange eine Künstliche Intelligenz, von der wie gesagt weit und breit nichts zu sehen ist, sich nicht zielgerichtet selbst weiterentwickelt (Aber wohin? Wieso muss man ihr einen evolutionären Antrieb unterstellen?), muss technischer Fortschritt zunächst von Menschen gemacht werden. Dieser hat aber mit sehr begrenzten Ressourcen zu kämpfen: Manpower, Expertenwissen, Investitionsgelder. Der Mangel an selbigem wird den Fortschritt irgendwann ersticken. Warum hat sich denn z. B. die bemannte Raumfahrt seit 50 Jahren praktisch nicht weiterentwickelt? Sie ist nicht rentabel. Man kann am Tag nur ein Steak essen, einmal zum Arzt gehen, einmal ins Kino gehen und man kauft auch nicht jedes Jahr ein neues Auto. Zur Vertiefung: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaft-oekonomen-halten-wachstum-fuer-begrenzt-a-1079310.html

        Und genauso ist es aus meiner Sicht mit dem Global Village. Sobald sich alles vermischt hat, sämtliche Unterschiede nivelliert sind, wird man wie in der Thermodynamik ein Gleichgewicht erreichen. Es wird ja immer nur spekuliert, was der Islam mit uns Abendländlern macht. Aber wie wir schon den Islam abgeschliffen haben, wird kaum thematisiert.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.