Epistemologie der Krise

The power of ideas to transform the world is itself accelerating.
(Ray Kurzweil: The singularity is near)

Die sogenannte Flüchtlingskrise stellt auf politischer Ebene den Abschied von einer alten erkenntnistheoretischen Figur dar: des Dialogs mit den Ahnen.

Wissen generiert sich nicht mehr aus der gemachten Erfahrung und den bewährten Strategien, sondern wird projektiv, also in die Zukunft verschoben. „Laßt es uns probieren, dann werden wir es wissen.“ Die Wissenschaft nennt das „Experiment“. Der Unterschied zum wissenschaftlichen Experiment ist: dieses wird in einer dafür geschaffenen, zeitlich und räumlich abgegrenzten Welt durchgeführt, es ist mithin abbrechbar und wiederholbar, und man kann es von außen beobachten bzw. messen.

Die nun neue Qualität zeigt sich im Ineinanderfließen, in der Identitätsaufgabe, im Einreißen der Grenzen zwischen Experimentator und Untersuchungsobjekt. Es ist ein Experiment an und mit sich selbst.

Damit ist der ideologische und politische Progressismus in jene Phase eingetreten, die Ray Kurzweil für die Technik als „Singularität“ beschrieben hat. Die Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung nimmt derart zu, daß Ursache und Wirkung idealtypisch ihre Sukzession verlieren oder sich sogar umkehren. Sein utopischer Schluß war: „that we have the ability to understand, to model, and to extend our own intelligence“. Auf gesellschaftlicher Ebene wäre dieser Schluß noch waghalsiger. Zugegeben, theoretisch kann das Experiment gelingen, aber es gibt dafür keine – und kann auch keine geben – empirischen Hinweise. Es ist also der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser – die Alten hätten uns vielleicht vor Klippen, Strömungen, Haien gewarnt. Ihre Stimmen sind verstummt, nun bleibt uns nur noch die Hoffnung und – unsere Fitness.