Lest „Mein Kampf“!

Allmählich läuft das Feuilleton in Hyperventilation heiß: In wenigen Tagen wird d a s Buch nach 70 Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland verlegt, kommentiert und wissenschaftlich bearbeitet. Skrupel, Zweifel, Abscheu und Sicherheitsvorkehrungen kämpfen mit Realismus und wissenschaftlicher Rechtfertigung. Dabei hätte das Werk nie verboten werden sollen – es hätte längst alle Faszination verloren und eine Gesellschaft, in deren mediale Leitkultur extreme Gewalt, Brutalität und Pornographie fest eingebunden sind, wirkt in dieser Frage ohnehin unglaubwürdig.

Was erwartet also den Leser dieses Buches? Arnold Zweig schrieb irgendwo, daß kein Intellektueller es ernst nehmen konnte und das war ein Fehler, denn vieles von dem, was sich im Laufe der Jahre 33-45 entfaltete, war in nuce in Hitlers Autobiographie enthalten. Zwölf Millionen Exemplare soll es bis Kriegsende gegeben haben, aber wirklich gelesen haben es wohl nur sehr wenige. Kein Wunder, denn es verlangt den geübten Leser. Nicht etwa, weil es komplex und schwierig wäre, sondern man wird kaum ein wirreres Buch finden, zumindest keines mit Bestsellerstatus – moderne Bestseller selbstverständlich ausgenommen.

Bevor man beginnt, könnte eine kleine Übung helfen: man sollte versuchen, die Person, das Bild, die markante Rede, die Intonation Hitlers zu vergessen, denn sonst gerät es gänzlich zum mentalen Theaterstück.

Um es reinweg zu sagen: Es ist ein an unfreiwilliger Komik, an inhaltlicher Ungeordnetheit, an sprachlicher Platitude, an Stilblüten, an versimpelter Logik, an Selbstentblößung, an „kurpfuscherischer Salbaderei“ und an Bramarbasieren, an ausladender Geschwätzigkeit, an Ressentiments und an Verbitterung kaum zu übertreffendes Machwerk, kurz: für jeden anspruchsvollen Leser ist es eigentlich ungenießbar.

Und trotzdem lernt man viel, wenn man entsprechend wach und kritisch ist. Hitlers Persönlichkeit zeigt sich nahezu ungeschützt, Teile seiner – hier natürlich geschönten – Biographie werden sichtbar, man lernt seine Denke kennen, aber auch seinen beeindruckenden Willen, seine simple Logik ebenso wie sein bescheidenes Vokabular, das nur bei Schimpfwörtern exzelliert. Die grundlegenden Topoi der nationalsozialistischen Ideologie lagen demnach Mitte der 20er Jahre schon auf dem Präsentierteller: soziale Frage, Marxismus, Bolschewismus, Judentum, Österreich, die Lehren der Geschichte, Überbevölkerung, Rasse …; die Ziele und Affekte waren ausgesprochen: Vernichtung der Juden, Propaganda, Religionsfeindlichkeit, Intelligenz- und Kunstfeindlichkeit, Abschaffung des Parlamentarismus, das Sendungsbewußtsein, Rassentheorie und Sozialdarwinismus … Vor allem das Kapitel über Rassentheorie sollte gymnasiale Pflichtlektüre sein!

Man könnte endlos analysieren, etwa Hitlers zweiwertige Logik, wie er alles in ein Entweder-Oder teilt oder aber halbiert, Differenzierungen verabscheut, wie er sich statt an Tatsachen an Bildern und Metaphern entlang hangelt, wie er individuelle Erfahrungen verallgemeinert, wie er permanent in Sein-oder Nichtsein-Dichotomien denkt und wie er sie, falls sie partout nicht anwendbar sind, in ein „als-ob“ verwandelt, wie er aus selbst aufgestellten unbewiesenen Prämissen die gewagtesten Schlüsse zieht usw. Er denkt nicht nur selbst streng antithetisch, sondern er ist auch nur in der Lage, bei anderen duales Denken wahrzunehmen … dieses geschwätzige Buch ist eine Beleidigung an jeden anspruchsvollen Geist und kein anspruchsloser dürfte in der Lage sein, es ohne Überwindung überhaupt zu lesen. Es ist eine vorzügliche Disziplinübung.

Was nicht heißt, daß es nicht vereinzelte richtige Beobachtungen enthält. Die öffentliche Diskussion hat sich seit langem angewöhnt, derartige Behauptungen zu tabuisieren. Doch niemand wird Erich Fromm einen Nazi nennen, weil er das gleiche Beispiel wie Hitler verwendet oder Alice Schwarzer eine braune Braut, weil sie – wie Hitler – die Prostitution radikal bekämpft, oder den Pädagogen, der die Wissensüberlastung der Jugend in der Schule beklagt oder mehr Sportunterricht fordert, oder den Historiker, der meint, Geschichte solle eher Lehr- als Lernstoff sein, oder den Kritiker der materialistischen Lebensweise … Zu all diesen richtigen Schlüssen kam Hitler aus einer grundlegenden Halbbildung heraus, auch wenn er sich generelle Urteile über Nationalökonomie, Philosophie, Individualpsychologie und Naturwissenschaften zutraut. Allein in der Politik hat er ein gewisses Gespür – einige seiner Gedanken zum Parlamentarismus, zu Propaganda und Werbung, zur Psychologie der Massen, zur öffentlichen Rede sind durchaus nachdenkenswert, allerdings ist auch in dieser Hinsicht nirgendwo ein Gedanke, den man anderswo nicht auch und besser lesen könnte.

Gerade deswegen – weil das Buch so unverdaulich ist – sollte es gelesen werden und möglichst ohne ideologisierenden Kommentar. Man braucht es ungefähr so dringlich wie den Influenza-Virus – in der Impfampulle. Wer sich damit einmal infiziert hat, entwickelt mit hoher Wahrscheinlichkeit lebenslange Antikörper gegen diese Form des Nationalsozialismus. Und wer dagegen immun sein sollte – man muß die Faszination des Heimlichen wie gesagt abziehen – dürfte per se nicht gesellschaftlich relevant handeln können.