Gott ist groß

Besuch bei Hussain. Schon auf der Straße läuft er mir entgegen, in Badelatschen und kurzen Hosen. Er ist allein – seit Wochen. Seine beiden Mitbewohner sind in Dresden. Das Zimmer ist fürchterlich überheizt. Es sieht aus wie überall: neu renoviert, aber kahl. Weiße Wände, ein Tisch, zwei Stühle, zwei Betten, ein stählernes Regal mit Linsen, Nudeln, Zucker, Tee, ein Kühlschrank. Kein Bild, kein Buch, nichts. Nur das Handy liegt mitten auf dem Tisch. So sitzt er also Tag für Tag und stiert die Wände an und hofft auf das „Klingeln“ seines Mobiltelephons, den Weckruf „Allahu Akbar“.

Er bereitet mir Tee, ich packe ein paar Pfefferkuchen aus, die er kommentarlos ißt. Den Kühlschrank will er mir zeigen: „Look, everything for two Euro.“ An der „Tafel“ erstanden. Ein Blumenkohl, Radieschen, Möhren, Paprika, Äpfel und eine schon schwärzliche Birne. „Die mußt du bald essen“, sage ich, aber auch das andere wirkt faltig und lapprig. „Wie heißt das?“ Er hält mir eine lasche Petersilienwurzel hin – „forget it, too complicated“.

„I am always thinking“, sagt er mir. Worüber? “The truth!“ Die Wahrheit? Was für eine Wahrheit? Die Wahrheit über Gott. – Unser altes Thema: Islam, Koran, Glaube. Ständig scheinen seine Gedanken darum zu kreisen, der junge 20-jährige Kerl mit einst angefangenem Technikstudium. Ich sage ihm: „Du bist in einer Blase, deine Gedanken drehen sich im Kreis, kein Wunder, daß du melancholisch und traurig wirst.“ – „Aber ich muß die Wahrheit wissen.“ – „Eine einzige Wahrheit gibt es nicht, sondern viele“. Da schaut er mich erstaunt an, als sei das ein sonst wie seltsamer Gedanke. „Look! Du existierst und ich existiere, richtig? Wir beide sind also, wir beide sind in Wahrheit. Schon hast du zwei Wahrheiten. Jeder Mensch ist und hat eine Wahrheit“. – „Aber Mohammed sagt …“ – „Vergiß Mohammed einfach mal und denke selber nach … hast du schon mal ein anderes Buch gelesen?“ Wieder schaut er mich an. „Einen Roman zum Beispiel, a novel“ Wir müssen das Arabisch-Wörterbuch befragen, um den Sinn von „Roman“ zu erschließen. Nein, hat er offensichtlich noch nicht. „Wenn du aus deiner Blase, aus deinem Gedankenkarussell heraus willst, dann mußt du anderer Leute Bücher lesen.“ Irgendwie will er und kann scheinbar doch nicht – eine seelische Grenze, die Angst davor, die Büchse der Pandora zu öffnen? Darf ich das überhaupt? Warum sollte ich in einem gläubigen Menschen den Zweifel säen?

Weil der Zweifel selbst schon an ihm nagt, sonst würde er nicht fragen. Und weil er genau deswegen hierher kam, nach Deutschland, ins gelobte Land. Alle in Syrien schwärmen von Deutschland – Genaues weiß keiner. Nur studieren kann man hier und die deutsche Regierung bezahlt das. „Aber dann mußt du auch andere Bücher lesen, wenn du hier studieren willst. Nicht nur Mathematik oder Physik, wie bisher. Auch Menschen haben was zu sagen.“ Dann erkläre ich ihm die zwei Wurzeln des europäischen Denkens und daß die „Kritik“, „the critical mind“ von den Griechen kommt. „Kritik“ heißt „scheiden, trennen, differenzieren“ – wer das nicht kann, wird kein Europäer. Er will so gern und wagt es noch nicht.

Als ich aufstehe, will er mich zurückhalten. „Es ist spät“, sage ich und er wird einen Moment traurig. Wieder ein Abend allein. Im Hausflur sagt er mir: „Ich habe zwei Ziele. Wie finde ich die Wahrheit und wie werde ich glücklich?“ Da kommt mir die rettende Idee – Autorität: „Hussain, du bist jung und intelligent und ich bin alt und erfahren. Höre auf den Rat eines erfahrenen Mannes!“ Das versteht er. „Laß die Frage nach der Wahrheit vorerst ruhen, sie treibt dich nur in den Wahnsinn, so ganz allein. Versuche glücklich zu werden, der Rest kommt von allein.“