Die Droge Glück

Vor ein paar Jahren, in einer eher dunklen Periode, erschütterte mich ein Slogan – abgedruckt auf einem Faltblatt eines Seniorenheimes: Helfen macht glücklich!

Helfen macht glücklich

Der Gedanke, so einfach wie genial, ließ mir keine Ruhe; am Tage darauf meldete ich mich im Altersheim und erhielt die Aufgabe, eine Beschäftigungsstunde zu leiten.

So traf ich mich zwei Mal die Woche mit alten Menschen, löste Kreuzworträtsel, spielte infantile Spiele, holte längst vergessene Erinnerungen hervor, hörte viel zu und erklärte die zu kompliziert gewordene Welt. Es dauerte lange, bis ich das Vertrauen eines Stammes von Menschen erobert hatte, aber dann flog mir die Liebe zu. Immer wieder hieß es auch Abschied zu nehmen – das Fehlen des einen oder der anderen wurde von den meisten schweigsam und scheinbar emotionslos hingenommen. Einmal fehlte ein vergleichsweise junger und bislang sehr interessierter Mann von 72 Jahren – man hatte ihm einen Fuß amputiert ohne daß er sich dessen wohl recht bewußt war. Danach verweigerte er jegliche Teilnahme und verhungerte quasi ein halbes Jahr später.

Trotz dieser bewegenden Geschichten schien der Slogan – Helfen macht glücklich! – sich zu bewahrheiten. Die Dankbarkeit in den Augen dieser Menschen, die eigentlich trotz perfekter Pflege, vollkommen entmündigt waren, sie aus dem tiefsitzenden Schlaf für ein, zwei Stunden zu erwecken, hatte etwas Erhebendes. Als ich die Aufgabe aufgrund innerer Stagnation und des Gefühls, ein Alibi geworden zu sein, aufgab, weinte – auch das eine Folge des Helfens – ein 93-Jähriger.

Und nun gibt es das wieder, dieses unheimliche Gefühl. Man hilft Menschen, mit denen man sich vielleicht nicht einmal unterhalten kann, ist mit anderen euphorisierten Helfern und vor allem Helferinnen zusammen und fühlt dieses Glück. Das Glück des Dankes, das sich gegenseitig hochschaukelnde Glück des Zusammengehörens, das Glück, etwas Relevantes zu tun, die satte Erschöpfung am Abend, das Ringen um  den Schlaf und mit den vielen unverarbeiteten Bildern. Es ist wie eine Droge, ein High nach dem anderen. Aber es laugt dich auch aus wie eine Droge. Nach einer gewissen Zeit fallen die Aufgeputschten, die nicht zu dosieren wissen, in sich zusammen und melden Burn out.

Man will es trotzdem, auch weil es einen für einen kurzen Moment die Gewißheit vergessen läßt – selbst wenn man das Richtige tut – vielleicht am Gesamtfalschen teilzuhaben.

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