Koran und Neues Testament

Eine Runde Schach? Diesmal ist es Schlasch – ein Mann, der so aussieht, wie er heißt. Etwas unförmig, vorzeitig gealtert, unklare Konturen. Während des Spiels singt er leise eine Melodie vor sich hin, wie ein inneres Gebet. E6 und b6 als erste Züge, das hat mich noch nie überzeugt. Aber bald wird deutlich: er weiß, was er tut. Trotz meines massiven Raumvorteils gelingt es ihm immer wieder Druck auf meine Schwachstellen aufzubauen, bis ich nicht mehr standhalten kann und erst einen, dann einen zweiten Bauern verliere. Hussein sitzt daneben und diskutiert, während meine Denkphasen immer länger werden. Wo er das Spiel gelernt habe, frage ich: صديقي روسي, Sadiqi russi, mein russischer Freund, so viel verstehe ich schon. Einer seiner Brüder wohnt in Russland, ein anderer schon seit 40 Jahren in Ungarn.

Muhannad beschwört mich zum wiederholten Male. Wir sind nicht wie andere. Wir wollen arbeiten. In fünf Jahren bin ich ein Deutscher! Langsam, langsam, versuche ich ihn zu bremsen. Ein Deutscher zu werden, das braucht ein ganzes Leben, das ist mehr als nur die Sprache. Deine Kinder vielleicht, wenn sie hier zur Schule gehen. Aber was mit deinen Töchtern? Müßten sie das Kopftuch tragen? – Jetzt noch nicht, sie sind noch zu klein, aber später … – Und wenn sie es nicht wollten? Wenn sie den Glauben verlören, wenn sie einen deutschen, einen ungläubigen Freund fänden? … Hussein schaltet sich ein: „Im Islam kann man jemanden heiraten, der an Allah glaubt. Also auch einen yahudi, einen Juden oder einen Christen“. Und einen Atheisten? Davon gibt es hier im Osten besonders viel! – Das wäre schwierig. Aber, übernimmt Muhannad wieder, aber wenn meine Kinder sich so entscheiden, was soll ich tun? Natürlich will ich, daß sie Muslime werden, aber was soll ich tun? – Siehst du, auch das gehört zum Deutschwerden dazu.

Und überhaupt, wie sieht es denn mit dem Christentum aus? Hussein war ganz begeistert, als ich ihm mein Interesse an Koran und Islam bekundete. Wir können zusammen lesen. Fein! Ich packe das Neue Testament aus – Deutsch/Arabisch. Würdet ihr das auch lesen? Ich bekam es vom Pfarrer, der ein ganzes Set im Büro stehen hatte, um es „bei Bedarf“ zu verteilen. Zuerst wissen sie nicht recht, was es ist. Ich erkläre. Hussein meint: Mohammed – so steht es im Koran – sei der letzte Prophet gewesen, daher müsse er das nicht lesen. Das Argument kenne ich gut aus früheren Diskussionen mit Muslimen – nimm und lies heißt es immer beim Koran, nur umgekehrt gilt das nicht. Einbahnstraße. Genau da wollte ich ihn hinhaben, denn jetzt kann ich die Einseitigkeit nachweisen. Ihr könnt gar keine Europäer werden, wenn ihr nicht offen seid. Na gut, ich lese es, sagt er nun, es ist nicht verboten, aber es ändert nichts.

Siehst du, das ist der Unterschied: Irgendwann werde ich euch zu mir einladen und dann werdet ihr vor 10000 Büchern stehen – sie staunen. Europa, das ist die Welt vieler Bücher und nicht eines Buches!