Das Habermas ist voll

Bevor der meistgelesene Beitrag der letzten beiden Monate in der Versenkung verschwindet, soll er gern noch eine Ehrenrunde drehen. Wem dieser Beitrag gefällt, der findet vielleicht auch „Der schwarze Schwan“ (Popper) und „Völker, hört die Signale“ (Althusser/Balibar) lesenswert.

Eigentlich hätte man vom emeritierten spiritus rector unserer parlamentarischen Kultur – Parlament kommt von „parlare“ – eine grundsätzliche Stellungnahme zur aktuellen Flüchtlingskrise erwarten dürfen, läuft doch genau diese Kultur durch Polarisierung der Gesellschaft aufgrund von nicht verhandelten geschaffenen und vollendeten Tatsachen Gefahr, irreparabel geschädigt zu werden. Zu mehr als zwei kurzen und verdächtig blassen Interviews Ende September im „Handelsblatt” und der „Deutschen Welle” hat es jedoch bislang noch nicht gereicht. Habermas, von dem seit Jahren nichts Substantielles mehr kommt, traf sich anläßlich der Verleihung des Kluge-Preises in der Kongreßbibliothek des Weißen Hauses mit den braven Fragern.

Daß mit Habermas nicht mehr zu rechnen ist, beweisen besagte blutleere Beiträge hinlänglich. Ich möchte nur, in aller Kürze, auf ein verräterisches Detail hinweisen: seine fast beschämte Liebeserklärung an Frau Merkel. Beide Male nutzt er die Gelegenheit auf eine berühmt-berüchtigte Aussage der Kanzlerin besonders hinzuweisen: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen, dafür, daß wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ (Originalzitat: Habermas schummelt, zitiert falsch, also grammatikalisch richtiger, wohl um die nachfolgende Argumentation erträglicher zu machen: “Wenn wir uns auch noch dafür entschuldigen müssen, daß wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.”)

Der Satz fiel am 15.9. während der Pressekonferenz anläßlich des Treffens mit Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann und war wohl, wie die Bilder und die Syntax insinuieren, spontan ausgesprochen worden. Die öffentliche Reaktion war enorm: in den Foren und Blogs löste er – soweit ich sehen kann – weitflächiges Entsetzen aus und führte dann zu einer Lawine an Häme und Spott; in den Leitmedien reagierte man hingegen weitgehend mit Anerkennung. Auch Jürgen Habermas hat sich über den Satz „so gefreut“, nicht zuletzt deswegen, weil es ihn „in gewissem Umfang bestätigt hat.“ Die Bestätigung sieht er, der Theoretiker des Kommunikativen Handelns, darin, „daß unsere Regierung endlich einmal normativ eine Perspektive öffnet und dahintersteht, daß dann eine Reaktion aus der Bevölkerung folgt, die einfach wie im Bilderbuch ist.“ Das also ist Kommunikatives Handeln á la Habermas in Vollendung. Nicht die Regierung folgt den Interessen des Volkes, sondern das Volk, oder die Bevölkerung, den normativen Vorgaben der Regierung. Man braucht schon erhebliche Erinnerungslücken, um diesen Gedanken bejubeln zu können: Die Regierung öffnet eine normative Perspektive, die Bevölkerung reagiert mit Begeisterung. Ich unterdrücke an dieser Stelle beklemmende Erinnerungsbilder in schwarz-weiß, lausche nicht den innerlich aufsteigenden verkratzten heiseren Kommandotönen und lasse auch dahingestellt, inwieweit die Bevölkerung tatsächlich mit Begeisterung reagierte und welche Rolle dabei gewisse, ja seltsamerweise eigentlich alle Medien gespielt haben … und richte mein Augenmerk nur auf den Zentralbegriff der Gespräche: „normativ“.

Wenige Augenblicke zuvor war er noch deutlicher geworden: „Das ist ein sehr starker Satz“. Stark, weil die Kanzlerin bisher eher laviert und „demoskopisch orientiert pragmatische Äußerungen“ gemacht habe. Hier wird man Habermas kaum widersprechen wollen, weder im ersten noch im zweiten Punkt. Nun aber kommt die entscheidende Aussage: „Nein, das war ein ganz entscheidender, normativer Satz“. Noch einmal: normativ (Normativität ist eine Zentralkategorie in der Theorie des Kommunikativen Handelns). Damit stilisiert Habermas eine situativ geäußerte Bemerkung, die vordergründig emotional argumentiert und zudem eine zumindest zweifelhafte innere Logik enthält und auch einen gewissen Zynismus oder eine bestimmte Abgehobenheit verrät, die noch nicht einmal in Syntax und Lexik einen normativen Impetus aufweist, zu einem normativen, also sprachlogisch und moralisch bindenden Satz (mit selbst juristischen Implikationen). Der Begriff der Normativität wird somit vollkommen ausgehöhlt, entbehrt er in dieser Lesart doch aller Vernunft.

Habermas war sich nie schade genug, den Richter zu geben, wer im Diskurs – im Sprachspiel des Kommunikativen Handelns und des herrschaftsfreien Diskurses – mitspielen darf. Mit eisernem Besen kehrte er nach eigenem Maßstab den philosophiegeschichtlichen Raum aus. Ausgeschlossen wurde alles „Irrationale“ und irrational war alles, was vermeintlich nicht-analytisch dachte. Das reicht von den antiken Kynikern über Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, Schmitt bis hin zu Ernst Nolte und verschiedenen Vertretern der sogenannten Postmoderne und zuletzt Sloterdijk. Sie alle wollten nicht teilnehmen an der Vernunftdiktatur und den Letztbegründungskapriolen, beim „Gerede“ oder aber sie sahen historische Brüche, die Habermas nicht sehen mochte. Sie alle wurden von ihm der philosophischen Akademie verwiesen.

Nun, im Alter – und ein bißchen töricht in Angela Merkel verliebt –, ereilt ihn das gleiche Schicksal. Wenn Unsinn Norm wird – und/oder die Befindlichkeiten einer Einzelperson – kann von herrschaftsfreiem Diskurs selbst als Ideal keine Rede mehr sein, wenn gut ist, was gefällt, und nicht, was sich legitimieren und begründen kann. Theorie des Kommunikativen Handelns heißt demnach: Ich disputiere mit allen, die meiner Meinung sind.

Mit dieser Aussage, den geno-typisch undurchdachten Merkelsatz als normativ zu bezeichnen, „steigt er“ – um es mit Habermas zu sagen – „(endgültig) aus der Kommunikationsgemeinschaft der Vernünftigen aus“.

Quellen:
Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne/Die neue Unübersichtlichkeit/Die Moderne – ein unvollendetes Projekt/Heidegger – Werk und Weltanschauung/Theorie des Kommunikativen Handelns
http://www.handelsblatt.com/my/politik/deutschland/interview-mit-juergen-habermas-dann-sind-wir-verloren-dann-ist-europa-kaputt/12390768.html?nlayer=News_1985586
http://www.dw.com/de/habermas-asylrechte-sind-menschenrechte/a-18752899
http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Politik/d/7305128/-wenn-wir-uns-entschuldigen-muessen–ist-das-nicht-mein-land-.html

Druckversion Word:Habermas plus Interviews

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s