Flüchtling, Halt! Polizei!

Da ist sie wieder, die moralische Überlegenheit, die politische Korrektheit, die den Teig unserer Medien seit Monaten durchsäuert. Sie will uns vorgeben, was wir zu denken und zu sagen haben, oder vielmehr: was nicht! Nun geht es also dem Flüchtling an den Kragen. Nein, natürlich nicht dem Flüchtling als solchem – der ist bis zum Abwinken welcome! –, sondern dem „Flüchtling“ als Wort. Politisch ganz inkorrekt – ein Wunder, daß es bisher noch niemandem aufgefallen ist. Nun aber fiel es einem Schreiberling in Form einer Journalist*in der Süddeutschen Zeitung ein: Das Wort des Jahres ist abschätzig. Auch dieses Wort also. Da sieht man mal wieder, wozu ein ausgedehntes Sophistikstudium dienen kann.

Grund eins: Niemand ist nur Flüchtling, sondern auch Mutter, Vater, Kind, Ingenieur oder Koch. Das Identitätsproblem also. In seiner Konsequenz verunmöglicht es Sprache schlechthin, denn nichts ist nur eines. Der Ball ist auch eine Kugel und eine Kuhhaut und ein Behälter und ein Symbol für … und ein Journalistling ist wohl auch ein Mensch oder eine Menschin und – in der Regel – Mann oder Frau und Arbeitnehmer*in und … und, gemessen an der Unendlichkeit, doch eigentlich ein Nichts. Daher ist auch der Alternativvorschlag – „der/die Geflüchtete“ – sinnlos.

Grund zwei: der Suffix „–ling“ ist böse. Ein altbekannter Trick, den ich im Zusammenhang mit dem Suffix „– ant“ bereits analysiert habe. Viel mehr als eine Wertung, besitzt er in allen germanischen Sprachen eine diminutive (verkleinernde) Konnotation. Hier nun die Versicherung an alle Verunsicherten: Nutzen Sie Wörter mit „–ling“ ohne Bedenken, mehr noch, nutzen Sie sie mit Freude, denn es sind gute Wörter und ein kleiner, aber wesentlicher Teil unserer überreichen und dringend erhaltenswerten Sprache: z.B. der Grauscheitelstelzling – okay, ein Scherz – aber der Jüngling, Abkömmling, Zwilling, Drilling, Steckling, Abkömmling, Sämling, Neuling, Findling, Zögling … alles feine Sachen (die oft mit kleinen Kindern zusammenhängen). Man muß nicht – aber man will ja – den Häftling, Finsterling, Eindringling anführen, um den Suffix zu diskreditieren und wenn diese Vokabeln negativ sein sollen, dann sind Prüfling, Lehrling und Schützling eben nicht „neutral“, wie behauptet, sondern positiv.

Der Suffix „–ling“ verstärkt die genannte Eigenschaft; der „Flüchtling“ ist also einer, der flüchtet oder geflohen ist, mit Betonung auf diese Facette seines Tuns, nicht mehr und nicht weniger. Daß viele Menschen damit unter falschem Etikett hier erscheinen, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, wäre einen differenzierenden Artikel in der SZ – der bislang ausblieb, soweit ich sehe – aber durchaus wert.

Es dürfte im Übrigen kein Zufall sein, daß dieser Anschlag der Wortpolizei im Heribert-Prantl-Zentralorgan erscheint, denn Prantl ist ein begeisterter Verbieter. Wenn es nach ihm ginge, dann gäbe es weder Bürgerbewegungen noch Parteien, die glauben eine Alternative zu sein, und auch die NPD ist für ihn schon lange vor dem Richterspruch eine verfassungsfeindliche Partei, die sofort verboten gehört.

Seien wir doch wenigstens ehrlich: Was die Dame stört, ist nicht die konstruierte negative Konnotation des Suffix „– ling“, sondern daß dieser nur maskuline Wortbildungen zuläßt, weshalb ich sie zwar als Journalistling bezeichnen kann, nicht aber als Journalistlingin. Das schmerzt, muß ausgemerzt werden. Gender Mainstreaming live. Nur daß Sprache sich eben von „unten“ heraus entwickelt und nur in mehr oder weniger totalitären Regimen von oben dirigiert wurde und wird, daran denkt die Dame nicht – vermutlich, weil sie schon zu tief drinnen steckt im Sumpf.

Die Sprache ist ein zu wichtiges Thema, um es der Journaille zu überlassen – darüber sollten Volk und Dichter (nicht Richter) und Denker entscheiden. Und zur Not haben wir ja noch immer das gute alte deutsche Wort „Refjutschie“.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/deutsche-sprache-wort-des-jahres-warum-fluechtlinge-abschaetzig-ist-1.2778193

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