Staunlosigkeit

Frage an die Syrer:

Was stellt man sich in Syrien unter Deutschland vor?

Deutschland ist Technik, Autos, Fußball.

Was war das Verwunderlichste in Deutschland?

Die sauberen Straßen. Die wohlerzogenen und zahlreichen Hunde. Die Kreuzungen.

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Man kommt ins Land der Träume – wie sieht man es? Reist man nach Marrakesch, so staunt man über die Medina und den abendlichen Markt, nimmt den morgendlichen Ruf des Muezzins verwundert wahr, das bunte Treiben, die exotischen Düfte, ist von der Weite des Himmels, der sternenklaren Nacht, von der Freundlichkeit der Menschen oder auch von ihrer Hartnäckigkeit überrascht, kurz, steht einer anderen Welt mit offenen Sinnen gegenüber.

Meinen syrischen und eritreischen Deutschschülern stellte ich diese Frage: Was hat euch in Deutschland am meisten überrascht, was war das Unerwartete, wo kamt ihr ins Staunen?

Die Frage nach dem Unerwarteten verstehen die Eritreer nicht und ich weiß nicht, ob es ein nur sprachliches Problem ist. Gibt es diesen abstrakten Begriff auf Tigrinya vielleicht nicht, sind sie noch zu jung, sind ihre Englisch- und Deutschkenntnisse zu gering? Ich gebe nach einem Dutzend Versuche, das Konzept irgendwie verständlich zu machen, auf.

Die Syrer hingegen sind gebildete, lebenserfahrene Menschen, sie sprechen ein recht gutes Englisch. Auch sie verstehen anfangs nicht recht, denken lange darüber nach, um dann nichts Mystisches, Abstraktes, sondern die sauberen Straßen und die wohlerzogenen Hunde zu erwähnen. Nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, nicht Friede oder die vergleichsweise Stille, die Distanziertheit der Menschen, wie man erwartet hätte, nicht die grüne Natur, noch nicht mal das Wetter, auch nicht die Technik oder die Ordnung an sich oder die Gottlosigkeit, Buntheit, Nacktheit, Obszönität, Beliebigkeit … nein, die Straßen und die Hunde. Nichts Abstraktes oder Transzendentes, stattdessen Tatsachen, Taktiles, Tatsächliches, schlicht und einfach Nebensächliches. Man kann es mit den Eindrücken eines Sportfreundes verdeutlichen, der nach drei Monaten Argentinien als prägendstes Erlebnis die Größe und Zartheit der Steaks mitbrachte. Bei ihm, dem Sportfreund, ist es Oberflächlichkeit, bei den Orientalen kann ich daran nicht glauben, denn gerade Sattheit dürfte man ja nicht vermuten.

Vielleicht liegt der Schlüssel in einer Bemerkung Gerhard Nebels, dem es im Alter nicht mehr gelang, sich Land und Landschaft der Gegenden, die er bereiste, zu erschließen. Bis dahin hatte er großartige Reisebücher über Afrika und Griechenland geschrieben, zahlreiche Artikel im „Merian“, voller Staunen vor dem Ungeheuren der jeweiligen Fremdheit. Ausgerechnet bei seiner späten Reise nach Ägypten, die er zudem mit Erhart Kästner, einem anderen Beobachtungsmeister, unternahm, verstummt ihm der innere Klangkörper, der die feinen Vibrationen des fremden Außen bislang so sicher und genau aufgenommen hatte.

Zum einen macht er die zunehmend touristisch aufgearbeitete Landschaft verantwortlich – diesen Blick wird man auch heutigen Jugendlichen unterstellen dürfen, zum anderen das hohe Alter. Vor allem aber – und das könnte auch die seltsame Staunlosigkeit der Syrer erklären –, vor allem aber war Nebel inzwischen Christ, Glaubender geworden: „Es war also zuletzt und eigentlich der Glaube, der mir die Reiselust vergällte“, und sein philosophischer Interpret ergänzte: „Das mythische Sein könne nicht mehr in der Intensität wirken, da jetzt Christus den Grund seiner Existenz bilde. Damit sind, so könnte man sagen, die Sinne gebunden. Die Wirklichkeit muß nicht mehr durch Reiseerlebnisse aufgespürt werden.“

Ist es möglich, daß eine religiös gefestigte Jugend mit gebundenen Sinnen hier ankommt, daß sie das Fremde schon als Eigenes empfindet, bevor sie es überhaupt kennenlernt, weil es einem Allumfassenden gehört? Könnte das die vergleichbare Neugierlosigkeit erklären? Man nimmt nur in Empfang, was einem sowieso schon – von Beginn an – gehört?

Quelle:
Gerhard Nebel: Die Reise nach Tuggurt
Erik Lehnert: Gerhard Nebel. Wächter des Normativen