Syrien pur

Muhannad ist unkonzentriert, schon fast eine Stunde lang. Es arbeitet in ihm. Gleich zu Beginn fragte er mich, was denn nun mit dem Familiennachzug sei. Ich versuche zu erklären, was ich selbst nicht verstehe. Auf zwei Jahre wurde er ausgesetzt. Zwei Jahre? Er erschrickt vor dieser Zahl. Damit hatte er nicht gerechnet. Seit Monaten hat er seine Familie nicht gesehen, nur am Telephon gesprochen und die berichten über Bombeneinschläge in der Nähe, fünf, sechs Mal die Woche. Wer schießt auf wen? Keine Ahnung. Im Nachbarhaus schlugen gerade zwei Blindgänger ein, dann kam die Armee und habe diese aus der Erde gezogen. Recycling auf syrisch.

Trotzdem zeigen sie alle Verständnis, als ich zum wiederholten Male die Lage aus deutscher Sicht beschreibe: Demographie, Erfahrungen mit Integration, einfach zu viele … so kann es nicht weitergehen. Klar, das versteht man, aber was wird mit uns? Ich versuche zu beruhigen: noch ist nichts offiziell und was es de facto bedeutet, weiß kein Mensch. Geh zu den Behörden, vielleicht wissen die mehr – was eine feige Ausrede ist, denn alle Kontakte, die ich mit Behörden hatte, brachten nichts, gar nichts.

Er berichtet von seinem Geschäft. Autozubehör, Autoelektrik, Haushaltstechnik. Alles deutsche Firmen: Mercedes, BMW, Bosch … zerstört, geplündert, vorbei. Einst waren sie wohl wohlhabend, dann bediente er ein Kinderkarussell und schließlich die Entscheidung für Deutschland. Ein richtiger Schritt? Er zweifelt. Aber was sonst?

Sein Geschäft lag an einer großen Ausfallstraße in Damaskus. Drei oder vier Kriegsparteien standen sich gegenüber, beschoßen sich, eroberten ein paar Meter und verloren sie wieder und eroberten sie zurück … Die Schlacht um Darayya bestätigen Google und Youtube: muß man sich genau überlegen, ob man das sehen will.

Auf welcher Seite steht ihr eigentlich, wage ich zu fragen. Auf keiner, sagt der eine, auf der Seite des Friedens der andere und alle stimmen zu. Die ganze Zeit über zeigt mir Schlasch – ein dicker Mittvierziger – Bilder von seinen Kindern: ein Junge in Anzug, ein kleines Mädchen im Minirock. Ich versuche mich im Multitasking. Sie wollen erzählen, sind dankbar und scheinen zu glauben, ich könnte das Schicksal beeinflußen.

In Deutschland fragen sich Leute, warum 1200 Soldaten nach Syrien schicken, wenn hier hundertausende junge syrische Männer sitzen. Warum nicht eine syrische Armee bilden, die ISIS oder Daesh, wie sie sagen, bekämpft. Verblüffung. Schlasch und Muhannad sind zu alt dafür, Khaled sagt: Why not? und Hussein will nicht, will kein Blut sehen, will nicht auf andere Menschen schießen. Er ist der zarteste von allen. Sie finden gut, daß Deutschland eingreift, aber ich bremse den Optimismus, erkläre die historischen, politischen und auch demographischen Schwierigkeiten damit. Jeder tote deutsche Soldat ist das Ende einer Familie – es bedarf nur weniger Toter und die Stimmung wird kippen. Und erst recht, wenn ISIS einem Deutschen das Messer an die Kehle setzen sollte.

Wie lange wird der Krieg dauern? Bin ich ein Orakel? Sie brauchen jetzt meine Stimme. Ich sage: lange, years, kann mir nicht vorstellen, daß es in ein, zwei Jahren getan sein wird. Im Gegenteil: die Türken, die Russen, vielleicht der Terror irgendwo hier, ein Crash, die EU vor der Spaltung … I would be a liar. Sie nicken. Schöne Scheiße!

Zwei Sichtweisen

Zwei Sichtweisen stehen sich in der sogenannten Flüchtlingskrise scheinbar unversöhnlich gegenüber und beide berufen sich auf den schwammigen Begriff der „Humanität“. Am Beispiel Dänemark und an der medialen Berichterstattung in den deutschen Medien läßt sich das Mißverständnis gut aufklären. Nur ein Wort zuvor und doch schon zur Sache, weil es den Konflikt im Kern enthält: die einen glauben sich in einer „Flüchtlingskrise“, die anderen sehen es als fundamentale Existenzkrise an.

In Dänemark hat es die „Dansk Folkeparti“, in deutschen Medien durchgängig als „rechtspopulistisch“ bezeichnet, 20 Jahre nach ihrer Gründung bis auf über 21% bei den Parlamentswahlen im Juni geschafft. Das war nicht zuletzt einer charismatischen Vorsitzenden – Pia Kjærsgaard – zu danken, die einen hohen ethischen Anspruch durchsetzte und damit das mediale Dauerfeuer unterlaufen konnte. Zusammen mit der „Venstre“, den Bürgerlich-Konservativen, bildet man nun die Regierung und eine der ersten politischen Maßnahmen war die Senkung der Sozialleistungen für Asylbewerber um die Hälfte von ca. 1500 auf 750 Euro. Dies und begleitende Maßnahmen auf noch immer sehr hohem Niveau haben sofort zu einem Einwanderungsrückgang geführt, was im Übrigen die Hypothese zu bestätigen scheint, daß viele Menschen von Angeboten gezogen und nicht (nur) vom Elend geschoben werden.

Die Reaktion in der deutschen Presse war voraussehbar negativ. Man hielt das für inhuman, wohingegen die dänische Regierung ihrerseits Humanität als Argument anführte.

Man muß zweierlei wissen: Zum einen hat Dänemark bereits einen hohen Einwanderanteil von offiziell 11,6% und viele der hauptsächlich muslimischen Einwanderer haben sich auch nach Generationen nicht integriert, leben in Getto- und Parallelgesellschaften und das Land hat mit der „Mohammedkrise“ einen fundamentalen Schock erlitten, zum andern spielt die nationale Identität im kleinen Land eine viel größere Rolle als das in Deutschland vorstellbar ist.

Während die einen sich nun dem unmittelbaren Leid meist undifferenziert hingeben und helfen wollen, versuchen die anderen einen Blick in die Zukunft und sehen dort ein enormes Leidpotential entstehen. Beide wollen also Leid für Menschen vermeiden, beide können sich auf „Humanität“ berufen. Emotionale Intelligenz streitet hier mit Existentieller Intelligenz. Die eine gibt sich dem Augenblick, dem Gefühl, der unmittelbaren Wahrnehmung und den daraus entstehenden Handlungsanweisungen hin – die freilich vom Werteset abhängen –, die andere betrachtet die unmittelbare Situation abstrakt und versucht Entwicklungen in weiterem Raum und späterer Zeit abzuschätzen. Erstere läuft Gefahr durch permanente Selbstversorgung mit Leidbildern – das Leid anderer endet nie, solange es andere gibt und hinter jedem Geretteten stehen tausend neue Hilfsbedürftige – zur Selbstnegierung und Aufopferung (Addition des eigenen zum fremden Leid) zu gelangen, die zweite riskiert, das unmittelbar Anliegende zu übersehen. Beide können sich in ihrer Wahrnehmung täuschen und trotzdem kann man eine moralische Präferenz entwerfen.

Sollte sich nämlich der Emotionalismus als Irrtum (also Leidpotentierung) erweisen, dann ist das Experiment gescheitert und viele Handlungsoptionen werden dann ausgeschlossen sein. Sollte hingegen der Rationalismus irgendwann erkennen müssen, daß doch nicht alles so schlimm gekommen sei, wie befürchtet, dann befindet man sich trotzdem noch auf einem vernünftigen Handlungsniveau.

Gute-Nacht-Meditation

Übe jeden Abend (!) zwei mal fünf Minuten. Suche Dir eine bequeme Sitzposition. Wenn Du möchtest, lasse leise sanfte Musik erklingen. Entspanne dich! Schließe für einen Moment die Augen, atme tief durch. Aktiviere dein Scheitelchakra. Öffne danach die Augen und schaue jeweils fünf Minuten auf einen Bildschirm der Kategorie 1, schließe danach die Augen für einige Sekunden und schaue dann fünf Minuten auf einen Bildschirm der Kategorie 2.

Kategorie 1 – bitte drücke                                 Kategorie 2 – bitte drücke

hier oder                                                                 hier oder

hier oder                                                                 hier oder

hier oder                                                                 hier oder

hier oder                                                                 hier oder

hier oder                                                                 hier oder

hier …                                                                      hier

Obst und Gemüse

Wir gehen die Bildtafel „Obst und Gemüse“ auf Wikipedia durch. Jede in Deutschland handelsübliche Frucht, Beere, Wurzel, jedes Blatt, jede Nuß. Nach einer Weile wird es ziemlich ermüdend, denn die 12 Eritreer kennen fast nichts und die Aufnahmekapazität ist begrenzt. Es werden drei Veranstaltungen daraus. Auf ihrem Speiseplan stehen Reis, Kartoffeln, Äpfel, Bananen, Orangen, seltener schon Melonen, Kiwis und kaum Gemüse. Die Kaktusfeige mögen sie gern, findet man hier leider selten und wenn, dann zu Preisen, die für jemanden, der gewohnt ist, sie am Straßenrand zu pflücken, schwer verständlich sind. Erstaunt lerne ich, daß ihnen die Feige und der Granatapfel – die klassischen Früchte aus 1001 Nacht – unbekannt sind, nur die Dattel gibt es zuhauf.

Gemüse – für das ich gerade im Winter besonders werbe – scheint kein großer Favorit zu sein, Tomate, Knoblauch, Zwiebel ausgenommen. Fast alles empfehle ich roh zu essen; Brokkoli, Weißkohl, Rettich … und Brennessel.

Ich lasse verkosten, aber sie zeigen bei Umbekanntem wenig Interesse, verziehen den Mund und spucken Aronia und Sanddorn angeekelt aus oder verweigern gänzlich. Und als ich mir dann Brennessel in den Mund schiebe, halten sie mich für verrückt (man muß die Blätter zuvor rollen und kneten) und kichern. Zur „Strafe“ gehe ich herum und jeder muß die Brennessel berühren. Adlan – sonst der coolste Typ von allen – hat Angst, also gibt es einen Streich über den nackten Arm. Schnell bilden sich Pusteln – ein Heidenspaß. Nur Fiori, eine Ausnahme unter den Eritreern, will mehr über die Brennessel wissen, die ich in höchsten Tönen lobe. Sie nimmt sich die Pflanze mit nach Hause und will Tee daraus machen.

Die Syrer sind ganz anders geartet. Am Gemüsestand kennen sie fast alles. Ich nehme Radieschen, Sauerkraut und Blumenkohl mit, erfahre zu Hause dann jedoch, daß sie all das schon kennen. Russisch Kraut heißt es dort – von wegen Sauerkraut und Würstel seien deutsch. Blumenkohl essen sie roh mit Olivenöl. Da muß ich nicht mehr aufklären. Was sie noch nicht kennen, stecken sie neugierig in den Mund und finden alles gut, zumindest interessant. Ziererei gibt es keine. Wir leben hier – wir essen, was ihr eßt.

Zu Gast bei den SyrernZum gemeinsamen Abendessen gibt es Pizza, Fladenbrot, in welches man Humus – im arabischen Laden gekauft und kunstvoll über einen Teller verbreitet –, gesalzenes oder saures Gemüse, Pommes oder Salat wickelt. Salz, sehr viel Salz. So üppig sei es nur zu meinen Ehren.am Tisch

Weihnachtsgrüße auf Islamisch

Die Grimhøjmoschee im sozialen Brennpunkt Gjellerup in Aarhus wurde vor einigen Tagen schon einmal – ob ihrer Integrationsarbeit – auf dieser Seite gewürdigt. Die Jugendorganisation der Moschee gab nun auf ihrer Facebookseite mit mehr als 10 000 „Followern“ einen Verhaltenskodex zu Weihnachten kund. Ich stelle ihn in deutscher Übersetzung – die aufschlußreichen sprachlichen Eigenheiten erhaltend – ins Netz, um zum einen ein Lehrstück eines bestimmten Typs geistlichen Denkens aufzuzeigen, als auch dem deutschen Leser die Gelegenheit zu geben, im Kontakt mit muslimischen Mitbürgern aktiv integrativ tätig zu werden und der Gefahr zu entgehen, die religiösen Gefühle anderer zu verletzen. Vielleicht lohnt es sich auch, einen besonderen Blick auf die Herleitungslogik zu werfen.

Muslime JulSalam Aleikum Brüder und Schwestern!

Erneut haben die sogenannten Christen in diesem Jahr damit begonnen, das sogenannte Weihnachten zu feiern, wo sie Jesu Geburt feiern.
Weshalb ”sogenannte Christen”? Weil sie sich Christen nennen, aber sie folgen Jesus‘ Botschaft in keiner Weise – also wie können sie sich Christen nennen? Wenn ein Vegetarier damit beginnt, Buletten zu essen, würde man doch auch aufhören, ihn Vegetarier zu nennen … Wir Muslime lieben Jesus als einen hoch angesehenen Propheten, wie die anderen Propheten Gottes. Aber wir übertreten keine Grenzen und erhöhen weder ihn noch andere Propheten auf ein Niveau, das sich der Göttlichkeit nähert.

Es ist wichtig zu wissen, daß es für Muslime auf keinen Fall erlaubt ist, weder Weihnachten, Neujahr noch Geburtstag oder dergleichen zu feiern. Es ist wichtig, daß wir zu unseren Prinzipien stehen und uns von irgendwelchen Weihnachtsveranstaltungen fern halten. Das bedeutet auch, daß wir ihnen kein Frohes Fest wünschen, wie es leider so viele Muslime tun. Tatsächlich haben einige Ulama gesagt, daß man ungläubig wird, wenn man diesen Tag feiert und ihn zu etwas Besonderem macht.

Es ist einem Muslim nicht gestattet, nichtmuslimische Feiertage zu begehen, denn das bedeutet, sie nachzuahmen, wovor unser Prophet uns gewarnt hat. Er sagt: „Wer ein Volk imitiert, gehört zu ihnen“. (Abu Dawud 4031)

Ibn Qaiyim schreibt in seinem Buch, daß es Muslimen nicht gestattet ist, an nichtmuslimischen Feiertagen teilzunehmen und das haben alle vier Imame (Abu Hanifa, Malik, ash-Shafi’ee und Ahmed) in ihren Büchern deutlich gemacht. Al-Bayhaqi berichtet nach einer starken Überlieferung (Kette) von Umar bin al-Khattab, daß dieser sagte: ”Tretet nicht in die Kirchen der Nichtmuslime während ihrer Feste, denn Allahs Zorn gießt sich über sie aus“. Und er sagte auch: „Haltet euch fern von Allahs Feinden auf ihren Festen.“ Al-Bayhaqi berichtet ebenfalls mit einer guten Kette von Abd’Allah bin Umar, daß dieser sagte: „Wer durch nichtmuslimisches Land geht, wo man Nowroze (Neujahr) feiert und ihr Fest, und beim Feiern mittut und während der Feier stirbt, wird unter ihnen wieder auferstehen.“ (Ahkam ahl adh-dhimma 723/1)

Sheikh al-Islam ibn Taymiyyah schreibt, nachdem er geschrieben hatte, daß es nicht zulässig ist, an ihren Feierlichkeiten teilzunehmen, daß dieser Tag für die Muslime wie ein normaler Tag sein solle. Man soll es zu keinem besonderen Tag machen. Wenn man es tut, so herrscht zwischen den Gelehrten keine Uneinigkeit wegen ihrer Entscheidung. Einige Gelehrte sind allerdings so weit gegangen, zu sagen, daß derjenige, der es tut, ungläubig wird, denn das bedeutet, den kuffar– Ritualen Respekt zu zollen.

Das beweist, daß es einem Muslim nicht gestattet ist, nichtmuslimische Feste zu feiern. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit, wenn man es tut. Darunter herrscht unter den Gelehrten Einigkeit.

Wer diese Feste feiert, begeht eine Ḥarām-Handlung, was sehr ernst ist. Es bedeutet die Anerkennung einer anderen Religion als der Islam. Die Betreffenden werden unter den Verlorenen sein, denn Allah sagt: „Wenn jemand eine andere Religion als den Islam wünscht, so wird er von ihm nicht angenommen werden und im Jenseitigen wird er einer der Verlorenen sein.“ [Ali-’Imran 3:85]

Allah hat zwei besondere Feste für die Muslime auserkoren und das sind ’Eid al-Fitr (Das Fest des Fastenbrechens) und al-Adha (Islamisches Opferfest). Diese Feste sollten die Muslime in größerem Maße genießen und feiern anstatt sich auf andere Feiertage zu konzentrieren, die nicht zum Islam gehören.

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Am gleichen Tag fragt Muhannad, was man den Deutschen zu Weihnachten wünschen könne. „Frohe Weihnacht“. Wir üben das gleich. Nur Hussain hat Probleme damit – er kennt das „Verbot“. Ich gehe auf ihn zu, nehme seine Hand und sage es … „Frohe Weihnacht“ kommt es zurück, schüchtern noch, aber erleichtert.

Weihnachtsmarkt

Begeisterung sieht anders aus! Als ich den Syrern sage, wir gehen heute auf den Weihnachtsmarkt, bleibt die Reaktion zurückhaltend. Sie waren schon dort, aber eben nur am Tag, wenn die Buden geschlossen sind, keine Menschen auf dem Markt, wenn vor allem die Magie der Lichter, Düfte und Musik fehlt. Am Karussell gleich am Eingang wird Muhannad nachdenklich. Nachdem sein Geschäft für Autozubehör ausgeraubt und teilweise zerstört wurde, so erzählt er, hat er einige Monate als Gehilfe auf einem Kinderkarussell gearbeitet … Weihnachten.

Viel muß man ihnen nicht erklären, sie kennen das Fest und viele Traditionen. Also konzentriere ich mich aufs Regionale. Wir essen Krapfen, die kommen gut an. Später überlege ich, ob nicht etwa Schweineschmalz bei deren Zubereitung eine Rolle spielt? Allahu akbar – und er wird es mir verzeihen, es war keine Absicht.

Bambes mit Apfelmus sind unverfänglich … obwohl … auch die werden ja gebraten …

An Glühwein ist nicht zu denken. Auch nicht ein wenziger Schluck? Nein, es ist verboten, auch der kleinste Tropfen. An Wurst und Fleisch wagen sie sich nicht heran. Nicht nur wegen des Schweins, sondern wegen Halal. Das Tier muß geschächtet sein. „Schächten“ ist übrigens ein wunderbares Wort, die syrische Zunge zu quälen. Also wird es gleich unter großem Gelächter konjugiert. Essen sie dann gar kein Fleisch? Wenig, fast nur Huhn. Ich erkläre, daß es aus tierrechtlichen Gründen – auch so ein schwer zu vermittelnder Gedanke – in Deutschland verboten sei und daß Tiere betäubt werden müßten. Aber man kennt einen arabischen Fleischer irgendwo, von dem beziehe man hin und wieder, esse aber meist vegetarisch.

Es ist eine lustige Runde. Wir lachen viel. Ab und zu muß ich ermahnen, nicht so laut zu sprechen, vor allem nicht Arabisch. Wer wissen will, wie man sich als Araber in Deutschland fühlt, der sollte mit ihnen über einen abendlichen Weihnachtsmarkt gehen. Ob ich auch als Araber durchgehe, weiß ich nicht, aber die zahlreichen bösen Blicke fange ich alle auf. Vor allem Männer schauen düster und böse, ihre Gespräche verstummen, wenn wir vorbeigehen. Bin mir gar nicht sicher, ob die anderen das überhaupt mitbekommen, meine Antennen sind jedoch ausgefahren. Am Stand mit den Räuchermännchen erkläre ich das Prinzip Räucherkerze. Die junge Verkäuferin lächelt uns freundlich zu, hat Spaß an den Wortkapriolen und holt sogar ein Räucherhaus zur Demonstration heraus.

Räuchermännchen – wieder so ein Wort zum Schießen. Oder Plauener Spitze oder Schwippbogen. Der Schwippbogen hat es Khaled angetan – den ganzen Heimweg über übt er, bis ich ihn erinnere, daß er dieses Wort wohl nie wieder in seinem Leben brauchen wird. Laß uns lieber weiter Artikel üben: Edelstein – die Edelstein … ich schaue streng … der Edelstein. Weiter mit Mütze, Krapfen, Zuckerwatte, Weihnachtsbaum, Pyramide, Bambes, Käse, Räuchermännchen und, ja, wenn du unbedingt willst – wir lachen alle – auch noch mal mit Schwippbogen.

Sexismus und Diskriminierung

Ein böser Fall an menschenverachtender Diskriminierung ereignete sich bei der Wahl der Sportlerin des Jahres. Dort entgleiste die Gewinnerin Christina Schwanitz, ihres Zeichens Kugelstoßerin, mit der Bemerkung: „Ich bin die einzige Frau, die sich über sieben Zentimeter freut.“ Die Presse feierte diese schlagfertige Aussage als Witz. „Jeder Tag, an dem nicht gelacht wird, sei ein verlorener Tag“, meinte die Preisträgerin. Aber auf wessen Kosten wird hier gelacht?

DavidNicht nur handelt es sich um einen krassen Fall von Sexismus – man stelle sich Jan Frodeno vor, der sich über die flachen Brüste oder männlichen Hintern seiner weiblichen Kollegen geäußert hätte; welch Skandal –, die Reduzierung des Mannes zum bloßen Sexobjekt, sondern es wird sich über die Schwächsten und Kleinsten lustig gemacht, jene Menschen und Glieder der Gesellschaft also, die unsere Unterstützung bräuchten und das auf einem hypersensiblen Gebiet.

Die durchschnittliche Penislänge des deutschen Mannes beträgt 14 Zentimeter im erigierten Zustand. Ab sieben Zentimeter spricht man vom klinischen Hypogenitalismus, einem Mini– oder Mikropenis. Für die betroffenen Männer stellt das in der Regel eine enorme psychische Belastung dar, denn es ist zum einen eine „Andersartigkeit“, zum anderen erschwert es den zwischen-geschlechtlichen Kontakt. Die Aussage, daß Frauen sich über nur sieben Zentimeter nicht freuen würden, ist ein wahrer Tiefschlag für die Betroffenen und dürfte von mehreren zehntausend Männern mit Verstörung zur Kenntnis genommen worden sein. Besonders unerträglich wird dieser Haß auf die Abweichung durch die zynische Bejubelung breiter Teile der Medien. Will man den normierten Mann? Wer diesen ersten Schritt der Enthemmung geht, der ist moralisch mitverantwortlich für die Diskriminierung Andersdenkender und Andersseiender, seien es nun Menschen mit Sonderbefähigungen (ehemals „Behinderte“), Menschen anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung, und verstößt gegen Paragraph 3 des Grundgesetzes und Paragraph 185 des StGB. An „seinen Händen klebt auch das Blut usw.“

Eine Entschuldigung von Frau Schwanitz, in der die Worte „Wenn ich mit meiner Aussage jemandes Gefühle verletzt habe, dann …“ vorkommen sollten, ist das Mindeste, was die Betroffenen und die Öffentlichkeit erwarten dürften. Ob die Auszeichnung, aufgrund besagter sieben Zentimeter, gerechtfertigt ist, wäre zu überdenken und auch die Teilnahme an den Olympischen Spielen – denn wer will schon von solch einer Athletin der Erniedrigung repräsentiert werden?

Welche fatalen Folgen derartige Kränkungen haben können, zeigt der soeben wieder aufgerollte Fall Hitler. Dieser litt unter Kryptorchismus. Es ist keine allzugroße Spekulation, die dadurch erlangte Kränkung – etwa als Soldat im 1. Weltkrieg – mit Hitlers aggressiver Kompensation in Verbindung zu bringen.

Führt man diesen Gedanken konsequent fort, dann könnte uns eine Genitaluntersuchung aller Möchtegern-Napoleone im In- und Ausland möglicherweise vor künftigem Unheil bewahren.