Besuch bei Tante Pegida

Dresdener Impressionen

Zugegeben, ein bißchen mulmig war mir schon vor dem Sturz in die fremdenfeindliche Masse. Aber einmal in Dresden, mußte ich mir selber einen Eindruck verschaffen – nur Eigenerfahrung schafft Gewißheit. „Volksverräter“ zu rufen oder „Lügenpresse“, das würde mir nicht einfallen. Und als ich den Platz betreten wollte, liefen doch tatsächlich drei Skinheads in Doc Martens und hochgekrempelten Jeanshosen vor mir her.

Zuvor sah ich mir auch die Gegendemo „Herz statt Hetze“ am Bahnhof an. Geschätzte knapp 1000 Leute waren versammelt, alles ruhig, alles friedlich, mühsam rackerten sich einige Redner für spärlichen Applaus ab.

HerzMan schwatzte und lachte – das Durchschnittsalter Mitte 20; fast nur StudentInnen, die EnkelInnengeneration. Als ein bärtiger Redner dann sagte: „Nu stellt euch mal vor, wir wären alles Syrer – was wäre denn dann?“, sah ich den rechten Moment gekommen, zum Hauptereignis weiter zu gehen. Nach Medienberichten wurden von der Organisation „Durchgezählt“ 4000 bis 6000 Menschen mit Herz ermittelt.

Wenige Minuten später auf dem Theaterplatz. Die Semperoper nutzte ihre große Anzeigetafel, Semper

um gegen Fremdenhaß zu demonstrieren. Zehn Minuten vor Beginn wirkte der Platz noch leer, ein japanisches Fernsehteam versuchte Demonstranten zu interviewen,Japan überall stand man in Gruppen zusammen, sprach und lachte. Eine entspannte Atmosphäre – ich war sofort beruhigt, schaute mir diverse Protestplakate an. Nur eines fand ich problematisch.

P1020688Sollte man die Leute ansprechen, „Zivilcourage“ zeigen? Träger war ein gemütlich dreinschauendes Rentnerehepaar, die Botschaft wohl eine Retourkutsche für Gabriels „Pack“ und dem Ruf nach Gefängnis. In diesem Moment entschied ich, daß freie Meinungsäußerung ein durchaus weiter Begriff sein sollte. Ein anderer Rentner trug ein Schild: „Özdmir sagt: Deutschland soll islamisch werden“. Ich sprach den alten Herrn an, mir die Quelle dieses unglaubhaften Zitats zu nennen, was er nicht konnte, mir aber felsenfest versicherte, daß C.Ö. dies nun mal gesagt habe. (Später machen Recherchen eine fragwürdige Quelle aus: ein sehr suggestives Gespräch Stürzenbergers mit einer sehr seltsam wirkenden Susanne Zeller-Hirzel …).

Laute Musik von einer überraschend primitiven Bühne. Als Bachmann ans Mikro trat, war der Platz plötzlich rappelvoll gefüllt. Wie viele Menschen das waren, kann ich nicht beurteilen, aber ein Vielfaches der Herz-Demo – in der Presse waren Zahlen zwischen 7000 und 8500 „durchgezählt“ worden, – beides kann nicht stimmen.

Bachmann erinnert an die historische Bedeutung des 9. Novembers und zählt eine ganze Reihe zum Teil recht weit hergeholte Ereignisse auf. Die Reichspogromnacht kommt zum Schluß – man gedenke der Opfer, daher heute Schweigemarsch. Der Zug setzt sich in Bewegung durch die Innenstadt. Anfang und Ende sind auch an den besten Sichtachsen nicht zu erkennen – Länge daher mindestens 1 km. Keine Parolen werden skandiert. Ich laufe durch die Reihen und lausche bewußt den Gesprächen. Merkel,Merkelna klar, Flüchtlingspolitik, TTIP und auch Alltag werden diskutiert. Soziologisch ein guter Querschnitt, Durchschnittsalter 40 plus, wesentlich gutbürgerlich, auch proletarisches und akademisches Element gut vertreten, eine Tante-und-Onkel-Party. Die Gespräche sind in der Regel recht anspruchsvoll. Eine Frau mit ungarischem oder osteuropäischem Akzent berichtet aus „eigener Erfahrung“ von Flüchtlingen, die nagelneue Schuhe nicht haben wollten, weil diese aus China und keine Markenware gewesen wären. „Die sind so fresch“. Weiter vorn empfiehlt eine Frau einen ökologischen Fleischer. Gegendemonstranten sind nicht in Sicht. Einmal will einer „wir sind das Volk“ skandieren, wird aber sofort zurückgepfiffen: „Halt die Klappe“.

Wieder auf dem Theaterplatz angekommen, hält Tatjana Festerling eine für ihre Verhältnisse eher seriöse Rede über den „Schuldkult“, den sie mit dem heutigen Tage für beendet erklärt. 70 Jahre sei es her und 12 Jahre sollten eine lange Geschichte nicht aufwiegen, die „Hitlerei“ sei vorbei, die „Hitlerphantasie und Naziobsession der linksversifften Medien“ verlangten nach Therapie, Generationen, die damit nichts zu tun hatten, dürften sich davon nicht mehr regieren lassen usw.

Dann singt man noch die Nationalhymne, zündet die Lichtlein an

Peg

und geht auseinander. Alles ganz anders als gedacht: sehr ruhig, still fast, konzentriert. Keinerlei Aggression, viel mehr Familienfeststimmung.

Aber wer kennt schon die Menschen? Ganz normale Kneipenwirte werden Selbst- und vor allem Fremdmordattentäter, andere Pegida-Jungfrauen sehen dagegen haßverzerrte Fratzen und noch andere – darf man schon „Volksverhetzer“ sagen? – ziehen die Gleichung zur Mafia! und wollen gleich verbieten …, und wer weiß, vielleicht würde der Opa, der sein GULAG-Schild im Wind kaum halten kann, tatsächlich einen guten Blockwart abgeben?

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