Semantik – Wir schaffen das!

Kein banaler Satz hat in den letzten Jahren so eine Karriere gemacht wie der Kanzlerin „Wir schaffen das!“

Umgekehrt geht mehr und mehr die besorgte Frage um: „Schaffen wir das?“ Um sie beantworten zu können, muß man sich über die Bedeutung des Ausgangssatzes Gedanken machen.

Mir scheint, es sind vor allem zwei Interpretationen möglich. Dabei setze ich voraus, daß das „wir“ allumfassend gemeint ist, also die gesamte deutsche Gesellschaft, die Menschen und die Institutionen, meint.

Zum einen kann der Satz bedeuten: Die (derzeit angenommenen) 1,5 Millionen Menschen aus anderen Ländern, Kultur- und Sprachkreisen hauen unser Land nicht um, organisatorisch kriegen wir das hin: Empfang, Registrierung, Verteilung, Versorgung, Unterbringung …. Selbst wenn sie sich nicht integrieren sollten, so werden sie am Fundament der Bundesrepublik, zumindest in überschaubarer Zeit, nicht rütteln. Sie würden dann – im ungünstigsten Falle – ins Sozialsystem, die Parallelgesellschaften, die „Gettos“ versickern oder aber das Land wieder verlassen. Eine „Brasilianisierung“ (Heinsohn) des Landes wäre dann schon bejahenswert und als Erfolg, als „geschafft“ zu werten.

Zum anderen kann der Satz besagen: Diese Menschen werden in der Mehrzahl integriert, d.h., sie werden die deutsche Sprache erlernen, die gesellschaftlich akzeptierten Werte übernehmen oder zumindest anerkennen oder sich diesen zumindest unterwerfen, sie werden in den Wertschöpfungsprozeß aufgenommen werden, werden Steuern zahlen, wählen gehen, Kultur betreiben und genießen, werden ihren Pflichten nachkommen und ihre Rechte wahrnehmen.

Sollte die Kanzlerin Interpretation eins mit ihrem mehrfach wiederholten Satz gemeint haben, dann könnte sie wohl recht behalten. Selbst die düstersten Prognosen dürften eine Zeitspanne umfassen, die diesen Satz im historischen Gedächtnis – das in der Regel sehr kurz ist – versickern lassen. So gesehen ist der Satz im schlimmsten Falle ein Pleonasmus – denn alles „schafft sich“, gelingt irgendwie, wird zu etwas – und eine leicht dahingesagte taktische Unüberlegtheit.

Meint sie jedoch tatsächlich die zweite Lesart, steckt strategisches Kalkül dahinter, dann sind Zweifel unbedingt angebracht. Der Zeitfaktor, die Langzeitveränderung, wird ausgeblendet. Der Mensch ist seiner biologischen Konstitution nach ein Horizontwesen – wenn er ein Problem unmittelbar „gelöst“ hat, meint er nicht weiter schauen zu müssen. Zahlreiche historische Beispiele weisen auf eine andere Entwicklung hin. Es ist, immer statistisch gesehen, der deutschen Gesellschaft nicht gelungen, eine viel geringere Zahl an sogenannten Gastarbeitern auch über mehrere Generationen umfassend zu integrieren – warum sollte es in ökologisch katastrophalen, ökonomisch zweifelhaften, politisch unruhigen, finanzpolitisch auf einen weiteren Crash hinlaufenden, bündnispolitisch instabilen … Zeiten bei einer viel größeren, soziologisch viel inhomogeneren, religiös und kulturell viel ferneren, mit ganz anderen Ansprüchen kommenden und in sich extrem differenzierten Gruppen in viel kürzerer Zeit gelingen können?

Um es „zu schaffen“, bräuchte man jetzt ca. 20 000 – 100 000 Deutschlehrer, tausende Übersetzer für Arabisch, Urdu, Paschtun, Tigrinya, Farsi …, tausende Traumapsychologen mit entsprechenden Sprachkenntnissen oder sekundierende Übersetzer mit perfekten Kenntnissen, tausende Polizisten, Sozialarbeiter, Bürobeamte, Psychiater, Ärzte … bräuchten wir all jene Berufsstände, die ohnehin seit Jahren unterbesetzt sind und am Limit agieren, bräuchten wir vor allem Millionen hochmotivierte, integrationswillige und integrationsfähige Zuwanderer.

Der Wunsch ist mit Merkels Aussage, der Verstand zweifelt an diesem.

Nur ein Beispiel.: Schule

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