ISIS reloaded

„Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“

(Bertolt Brecht)

Plötzlich entdecken alle die Terrorgefahr, das globale islamische Kalifat wird diskutiert, die Bereitschaft zu symbolischen Gesten ist enorm und fast 40% wollen den Abgang der Kanzlerin. Haben wir ein Fukushima-Moment? Wird jetzt chaotisch alles umgeworfen? In die Logik dieser Regierung würde es perfekt passen.

Unverständlicher noch ist aber der IS selbst. Daß es früher oder später zu Terror kommen würde, das vorauszusagen, war keine Kunst. Daß es aber so früh passiert, war dann doch überraschend und könnte uns einiges über den IS verraten. Denn eigentlich hatte man doch die Hand schon am Hebel, eigentlich lief alles wie von alleine für die Islamisten. Der Flüchtlingsstrom tat seine unermüdliche Arbeit wie der stete Tropfen auf den Stein. Schon war Europa zerstritten, schon regten sich Proteste, die Zustände vor Ort nahmen katastrophische Ausmaße an, man spricht bereits von mehr als zwei Millionen Flüchtlingen in Deutschland, unter der einheimischen und zugewanderten Bevölkerung gor es, die indirekten Zustimmungswerte unter Teilen der muslimischen Bevölkerung waren ermutigend … bald mußte Europa, mußten vor allem Deutschland und Schweden, wo nur noch der Affekt regierte, massiv destabilisiert sein. Man hätte es nur so weiterlaufen lassen brauchen, vielleicht von hinten noch ein wenig Druck machen, noch mehr Menschen in den Kontinent pumpen, und alles wäre viel einfacher gewesen. Man hätte den schon infiltrierten Kämpfern Zeit lassen können, sich zu organisieren …

Und nun dieser massive Terror – ein großer strategischer Fehler. Denn plötzlich erwachen die Menschen und selbst ein Hollande macht das Putin-Face, geht entschlossen Spaliergänge entlang und hat plötzlich Rasierklingen unter den Achseln. Nun hat der IS den offenen Krieg (den wird man getrost überstehen), nun hat man, wichtiger noch, die unerwünschte geheimdienstliche Aufmerksamkeit, nun hat man aber vor allem einen schlafenden Bären geweckt, schon lange eingelullte Völker, verweichlichte und entidealisierte Menschen sehen plötzlich wieder einen Sinn im Leben, selbst wenn er sich nur in emphatischem Absingen der im Übrigen sehr martialischen und in Deutschland eigentlich völkerverhetzenden, menschenverachtenden und grundgesetzwidrigen Marseillaise ausdrückt. Und am schlimmsten: Auch die muslimischen Kommunen sind nun gefordert: Ob sie wollen oder nicht – es gibt sicherlich beides – sie müssen nun Distanzierungen üben, auch sie wurden aufgeschreckt und erkennen nun den IS als ihren eigenen genuinen Feind.

Alles zusammen dürfte den IS stark schwächen. Aber es zeigt auch, daß es eben keine strategisch weitblickende Organisation ist, sondern entweder ein wilder Haufe mit tausend kleinen Einzelinteressen oder von politisch halbklugen Leuten geführt, und dann kann es eben passieren, daß ein paar Milchbubis mit Kaschis Geschichte machen und vielleicht sogar einen historisch „notwendigen“ Prozeß ungewollt beeinflussen.

 

 

 

 

Terror und Immigration

In der deutschen Presse und Politik wird gerade eine Schlacht geschlagen – allerdings fast nur in eine Richtung – um die Frage: Haben die Terroranschläge in Paris etwas mit Immigration zu tun?

Hier die einfache (und auf kulturelle Differenzierungen verzichtende) Antwort:

Die Terroranschläge in Paris haben unmittelbar nichts mit Immigration zu tun, wenn

1. es sich bei den Attentätern und deren Hintermännern um ethnische Franzosen gehandelt haben sollte …
2. es sich bei den Attentätern und deren Hintermännern um Touristen gehandelt haben sollte und …
3. es sich bei den Attentätern und deren Hintermännern um direkte oder indirekte Nachfahren einer einst eingewanderten ethnischen Minderheit in Frankreich oder Europa gehandelt haben sollte, deren ethnische Kontinuität und religiöse Identität sich mittlerweile aufgelöst hat – vergleichbar den Hugenotten.

Die Terroranschläge in Paris haben mit Immigration zu tun, wenn

1. sich aus der derzeitigen Flüchtlingsbewegung einer oder mehrere Attentäter rekrutiert haben sollten und sie haben auch mit Immigration zu tun,
2. wenn die Attentäter einer ethnischen oder religiösen Gruppe angehören sollten, die vor einer, zwei, drei oder vier … Generationen nach Frankreich immigriert sind und ihre ethnische Kontinuität oder religiöse Identität nicht der französischen eingegliedert haben.

Die Behauptung oder Unterstellung, oder die Behauptung oder Unterstellung einer solchen Behauptung oder Unterstellung, daß die Flüchtlinge Terroristen seien, ist nicht wert, besprochen zu werden.