Der schwarze Schwan

Noch sind die Informationen mit Vorsicht zu genießen, doch scheint es sich zu bestätigen: Mindestens einer der Pariser Attentäter ist als Flüchtling getarnt, mit gefälschtem Paß, über Griechenland nach Europa eingereist. Am 3.10. diesen Jahres. Ein brisantes Datum, denn just am Vortage wurde aus allen Rohren in die Ohren geblasen: keine erhöhte Terrorgefahr gehe von den Flüchtlingen aus. Zumindest habe man keine nachrichtendienstlichen Hinweise darauf. Innenminister de Maizière höchstpersönlich stellte sich mit der Frohen Botschaft vor die Presse.

Gipfelpunkt der Narretei waren dann „argumentative“ Artikel wie dieser, von denen es freilich in verschiedenen Gazetten mehrere Beispiele gab, die in den Wirren des Netzes leider nicht mehr auffindbar sind. Einige davon hatten bis zu einem halben Dutzend verantwortliche Autoren, vermutlich um sich vor der Verantwortung zu drücken, denn daß es sich um eine Lotterie, mehr noch um eine Wette, um ein reines Hoffen handeln mußte, dürfte auch der größten Blockflöte bewußt gewesen sein.

Damit schien ein medialer Dauerbeschuß seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Aus einer perversen Konsequenz heraus waren die Aktionen durchaus verständlich, gerade weil sie jedweder Logik entbehrten. Je mehr Menschen unregistriert das Land erreichten, umso größer wurden konsequenterweise Sorge und Angst unter der Bevölkerung und umso umfänglicherer Propagandaaufwand mußte betrieben werden.

Den wahren Irrsinn dieser Argumentationskette zeigen sowohl Geschichte (1) als auch Logik (2) der „Debatte“.

(1) Verfolgt man nämlich das Argument zurück, dann fallen bis in den Hochsommer hinein ganz andere Töne auf. Damals wagte der Innenminister noch, sich vor Terroristen unter den Flüchtlingen zu fürchten, und auch die Journaille schrieb das zu Erwartende: Der IS drängt nach Europa, Europa gar als nächstes Schlachtfeld und dergleichen.

Solche Stimmen der Vernunft verstummten urplötzlich, nachdem die Kanzlerin die totale Einwanderung verkündet hatte, nachdem im apodiktischen, aber emotional verbrämten Ton eine Obergrenze alternativ- und diskussionslos verunmöglicht wurde, nachdem Ungarn als Unrechtsstaat aller aufgestauten Flüchtlinge befreit, nachdem allen Syrern – und damit allen, die sich für solche halten wollten – freies Durchwinken angeboten, nachdem die „Willkommenskultur“ quasi per Dekret zur neuen Leitkultur gekürt und Kritiker aller Couleur über einen Kamm geschoren und rechts in die braune Kloake abgeschüttelt wurden. Da hatten dann plötzlich Salafisten keinen Erfolg mehr unter den Flüchtlingen, da meldeten sich mit einem Male Chargen, Schergen, Ministerien, Publizisten und Blätter unisono mit der Entwarnung: Non abbiate paura – fürchtet euch nicht, es gibt weder Hinweise, noch auf Terroristen, noch unter den Flüchtlingen, noch sonst „irgendwie“.

Und wem das die wohlverdiente Nachtruhe noch nicht bescherte, der durfte in die treuen Augen der Frau Führer schauen und an ihren Lippen hängen: „Wir schaffen das“, „Ich habe einen Plan“, „Ich habe das im Griff“, „Ich bin überzeugt“, „Ich bin bei euch, alle Tage“ und was man noch so aus pseudoreligiösen Zeiten diverser Generalissimi kennt.

Leider, leider gibt es so etwas wie die Realität. Und Logik.

(2) Denn gerade logisch überrascht diese Argumentation … Neben Habermas dürfte es vor allem ein Denker sein, der mit seinem ikonischen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das ideologische Fundament der westlichen Demokratien begründete. Es ist – aber das bleibt unter uns – das deutlich schwächere seiner beiden Hauptwerke. In „Logik der Forschung“ entwarf Sir Karl Popper ein tatsächlich machtvolles Instrument, das der Falsifikation. Allereinfachst dargestellt, besagt es, daß man ein Argument nicht durch Verifikation, also Bewahrheitung, letztgültig beweisen könne – aus der Tatsache, tausend weiße Schwäne zu sehen, kann ich nicht schließen, daß alle Schwäne weiß seien, es mithin keine schwarzen (oder grünen) gebe –, sondern durch eine Art negativer Beweisführung, der Falsifikation (Widerlegung) müsse man aktiv nach Gegenbeispielen suchen und nur solange ich kein Gegenbeispiel habe, nur so lange könne meine Prämisse (und auch nur unter Vorbehalt) gelten. Wahr ist sie deswegen noch lange nicht. Und daß es nicht wahr sein mußte, nicht wahr sein konnte, daß es keine potentiellen Terroristen unter den Flüchtlingen gibt – man könnte auch eine Flashmob-Party ins weit geöffnete Haus mit offenem Tresor einladen und vermuten, es gebe keine Diebe darunter –, das, mit Verlaub, hätte jedem Menschen bei Troste zumindest dämmern müssen.

Selbst wenn der Pariser Mörder kein Flüchtling gewesen sein sollte: ich setze bei dieser Wette all mein Vermögen auf den schwarzen Schwan!