Die Botschaft des Terrors

„Terror“ heißt Schreckensbotschaft. Schrecken ist die menschliche psychische Reaktion auf erlebte Grausamkeit. Um sie haben zu können, bedarf es zweier Voraussetzungen: Empathie und Antizipation. Sie garantieren zum einen das Mitempfinden mit dem Leid der anderen, versetzen uns aber auch imaginär in die Lage des anderen. In der Konsequenz stellt man sich sich selbst in vergleichbarer Situation und „zeitnah“ vor. Dieser Schrecken muß dabei nicht unmittelbar erlebt werden – es genügt der glaubhafte Bericht darüber und je graphischer die Botschaft ausfällt, desto mehr versorgt sie uns mit Angst.

Terror ist also nicht primär die Gewalttat – auch wenn der Begriff oft synonym verwandt wird. Um Terror zu verbreiten, genügt es nicht gewaltsam zu sein, man muß die Tat als Botschaft auch weiterleiten können. Die sogenannten „Terroristen“ können sich dabei auf eine kongeniale Arbeitsteilung verlassen: Den eigentlichen Teil der Arbeit überlassen sie den modernen Medien.

Nur in Einzelfällen, etwa den für den westlichen Betrachter unerträglichen Enthauptungen, muß man selbst die Bilder aufnehmen, aber auch dies bliebe wirkungslos, wenn nicht soziale und klassische Medien eilfertig sekundierten. Letztere können ihrer inneren Logik nicht entkommen, sie müssen – bei Gefahr des eigenen Untergangs – die Schreckensbotschaft weiterleiten, sie berufen sich dabei nicht auf die eigentlichen genuin wirtschaftlichen Interessen (Verkaufszahlen, Werbeverträge etc.), sondern schützen Informationspflicht vor oder das Verhindern der Informationskaperung durch andere, moralisch anzweifelbarere Medien: Wenn wir es nicht bringen (im richtigen Kontext), dann bringen es die anderen (und schlagen ideologischen Nutzen daraus). Ein drittes Argument ist der unterstellte Voyeurismus: es gibt also ein Bedürfnis, einen Markt, eine Nachfrage und wir, die Journalisten, bedienen diese nur. Tatsächlich gibt es eine anthropologisch tief verwurzelte Faszination an Leben und Tod in seinen Extremen, an Sex, Gewalt, Schmerz, Blut und Sterben. Wir können – selbstverständlich individuell verschieden – unser Auge nicht davon lassen. Trotzdem zieht das Argument kaum, denn es setzt bereits das voraus, was hier problematisiert werden soll: das Wissen um das Ereignis.

Man kann diesen Gedanken auch umdrehen. Gäbe es die Beihilfe der Medien nicht, dann könnte man mutmaßlich einen großen Teil der Gewalt verhindern, den strategisch verübten zumindest, denn der taktische legitimiert sich am jeweiligen Ort.

Noch anders und prononcierter, provokativer ausgedrückt: Nicht die Täter sind die Terroristen – der Begriff „Verbrecher“ genügt hier vollkommen – die eigentlichen Terroristen sind die Verkünder der Schreckensbotschaft, sind die Journalisten, ganz unabhängig von echter oder zur Schau gestellter Betroffenheitsgeste.

Und sie sind noch nicht einmal kreativ! Oder bietet Paris im November 2015 etwas, was wir nicht schon im Januar oder 2013 in Nairobi oder 2008 in Indien oder 2005 in London, 2004 in Madrid, Bali 2002 … und 2001 bei der Mutter aller Terrorakte gesehen haben? Blaulichtkaskaden, zerschossene Scheiben, Blutflecken auf dem Trottoir, weinende Menschen, Plüschtiere – woher kenne ich die nur? –, ein Paar verlorener Schuhe, Blumenberge, Schildchen mit „R.I.P“ oder hilflosen „Why?“- Aufschriften, Kerzen … das ganze Bilderarsenal. Alles schon hundertmal durchgespielt, vorweggenommen, alles schon vorweggewesene Geschichte – Baudrillard hätte seine Freude dran gehabt. Die kommende Phantasie ist bereits besetzt, wir werden uns daran gewöhnen, wir haben uns schon daran gewöhnt. Eine ewige Wiederkehr des Gleichen, unterbrochen nur durch eine neue Eskalationsstufe der perversen Gewaltphantasie. Osama Bin Ladens größter Fehler war, das Ende an den Anfang gesetzt zu haben, das größtmächtigste, archetypische apokalyptische Bild. Nur neue Verbrechenskategorien werden nun neue Bilder liefern: der fallende Eiffelturm, der Fernsehturm, Biowaffen, die schmutzige Nuklearwaffe, die „saubere“ umso mehr, einstürzende Kraftwerke (durch Tschernobyl und Fukushima schon teilverbraucht), gesprengte Staudämme oder Live-Explosionen in vollen Fußballstadien … wer schaut schon in diese Köpfe hinein? Mit Paris, den sieben Tätern, ganz unterschiedlichen Kulturen auf der Spur, dürfte sich das quantitative Konzept schon verausgabt haben. Wenn sie uns noch in Schrecken versetzen wollen – das ist die akzelerierende Logik der Journalismus-Terrorismus-Symbiose -, dann müssen sie uns mit neuen, noch unvorstellbar schrecklicheren Bildern versorgen. So treiben die wahren Terroristen die Verbrecher vor sich her.

Neuartige Schrecken braucht das Land!

PS: Um diese Logik zu verstehen, müssen die Verbrecher noch nicht einmal Fremdsprachenkenntnisse haben, denn das arabische Wort für Terror – إرهاب (Irhab) – ist ebenfalls jung und bedeutet ziemlich genau das Gleiche: Angst verbreiten.

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