Stimmungen, Verstimmungen

Eine Studentin – Abschlußzeugnis 1,0 – betritt das Büro einer Professorin. Beide haben ein gutes Verhältnis, man mag sich, die Studentin zeichnete sich fünf Jahre lang durch eigenständiges Denken aus. Man möchte auch über Promotionspläne sprechen. Herzlicher Empfang. Die Professorin bittet die Studentin, ein Exposé einzureichen. Die Studentin gesteht, im Moment gerade wenig Muße für Akademisches zu haben – die Flüchtlingskrise mache ihr Sorgen, sie lese viel zum Thema, könne sich nur schwer auf anderes konzentrieren. Die Professorin zeigt Verständnis für die Sorgen um die Demokratie im Land, teile diese auch, verweist auf die Medien, die eine Stimmung der Angst erzeugten. Die Studentin solle, um das zu durchschauen, Luhmann lesen. Die Professorin erwähnt PEGIDA als Beweis. Man erfahre nur von diesen fürchterlichen Aufmärschen, aber nichts von den Gegendemonstrationen. Die Studentin schaut skeptisch – und hier beginnt der Dialog wohl zu entgleisen.

Nun beginnt die Professorin eine Eloge auf Angela Merkel zu halten. Sie sei nie ein Fan dieser Frau gewesen, aber die jetzige Politik begeistere sie hellauf. Das Wort „Humanität“ fällt mehrere Male. Jede/r Schutzbedürftige müsse Schutz in Deutschland beanspruchen dürfen – das sei nicht diskutierbar. Die Studentin gibt die hohe Zahl an Menschen zu bedenken. Die Professorin fragt daraufhin: „Wie viele Einwohner hat Syrien?“ – „22 Millionen“ – „Na bitte!“

Die Studentin verweist auf die Studien Gunnar Heinsohns, in der Hoffnung eine wissenschaftliche Autorität könne das Niveau des Gespräches heben, spricht vom „youth bulge“ und von Demographie. Die Professorin hört den Namen zum ersten Mal, antwortet aber schon in forschem Ton: „Alles Quatsch!“ Die Studentin insistiert, verweist auf die Korrelationen zwischen „youth bulges“, Kriegsindex und Auswanderung. Es gebe auch eine Korrelation zwischen Kaninchen und anderen Tieren, schleudert ihr die Professorin entgegen. Das seien alles Konstruktionen. Die Studentin solle sich besser mit „ihrer eigenen konstruierten Weiblichkeit“ beschäftigen. Das, sagt die Studentin, habe sie schon getan und legt die Grundzüge des Konstruktivismus und der Gendertheorie vor. Aber das helfe alles nichts, wenn man seit einiger Zeit bestimmte Wege in der Stadt nicht mehr gehen könne, ohne von Männern fremder Herkunft angesprochen, belästigt oder gar bedroht zu werden. Gerade wenige Tage zuvor machte die Studentin auf einem Weg von 100 Metern drei Mal diese Erfahrung – seither trägt sie Pfefferspray bei sich. Auch die Professorin gesteht, bereits ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben, schlußfolgert dennoch: „Aber wissen wir überhaupt, was diese Männer wollen?“

Die Studentin fragt, ob es nicht generell an mangelndem Respekt dieser Männer gegenüber Frauen liege? Die Professorin, sichtlich genervt, fragt nun: „Was wollen Sie eigentlich von mir?“ Sie sei eigentlich gekommen, um sich zu verabschieden, antwortet die junge Frau, und über das Thema der Promotion zu sprechen, aber nun sei man auf das Flüchtlingsthema gekommen und nun sei sie überrascht, daß ausgerechnet von der hochgeschätzten Professorin alle Argumente als Quatsch oder Konstrukt abgetan werden, was umso erstaunlicher sei, als sie sich auf einen angesehenen akademischen Kollegen (Heinsohn) berufe. Das sei nicht ihr Kollege, ruft die Professorin nun schon sehr erregt. Diese Theorie sei Schwachsinn. Ob die Studentin denn nie bemerkt habe, daß es bis in die 70er Jahre hinein an den Universitäten nur männliche Professoren gegeben habe „und die hätten sich auch nicht die Köpfe eingeschlagen“. Ob dieses wirren Arguments begriff die Studentin und wagte zu sagen: „Aber Sie kennen Heinsohn doch gar nicht!“

Da rief die Professorin: „Verlassen Sie mein Büro! Und tun Sie mir den Gefallen, Ihre Doktorarbeit bei jemand anderem zu schreiben!“

Verdutzt schaute die Studentin die geschätzte Professorin an. Sie überlegte kurz, ob sie dennoch das mitgebrachte Geschenk überreichen solle. Stattdessen aber sprach sie: „Das ist in Ordnung so. Ich möchte mich nicht zu den Leuten zählen, die anderen einfach nach dem Mund reden“, und verließ das Zimmer.

So geschehen an einer deutschen Universität am 27.10.2015