Was für ein Tag!

Gehe etwas früher zu den Syrern – brauche die Revanche im Schach. Dann Khalid mit den schwarzen Steinen mächtig zusammengeschoben. Im Zimmer nebenan betet einer: niemand scheint es zu bemerken. Wir reden über Politik. Wahl in der Türkei: „We don’t know much about Turkey. – But it’s your neighbour!“ Erdogan ist nur ein Name ohne Füllung. Gleich Trennung von Kirche und Staat erläutert – „Verstanden?“; die Lippen sagen ja, die Augen sagen nein. Erkläre, anhand mißlungener Integration zahlreicher Gastarbeiter, warum Deutsche Probleme mit der Vorstellung vieler neuer fremder Menschen haben können. Wird sofort verstanden. Die Zahl von drei Millionen Türken löst Ungläubigkeit aus. Auch das Thema Umgang mit Frauen kommt zur Sprache. Es ist ein Problem, auch für diese jungen Männer, ohne Frauen zu sein. Keine Ahnung, was Mohammed zu solider Handarbeit sagt. Diese drei sind kultiviert und gebildet, aber Marokkaner und Tunesier, so wiederholen sie, „bad people, very bad people“ In der Stadt gab es zwei in der Presse angezeigte Vergewaltigungsfälle, einer von einem Marokkaner begangen, das war der Ausgangspunkt.

Nach dem Unterricht gleich zur neuen Erstaufnahmestelle, die gerade eröffnet wurde. Mehrere hundert Leute werden erwartet, niemand weiß wer, wann, wie viele. Wurde gestern angerufen, ob ich einen Eritreer kenne, der passabel Deutsch spreche. Wir einigen uns auf Yacob (fast alle Eritreer tragen biblische oder koranische Namen). Hussein, der mir während der Deutschlektion fast schon verliebt an den Lippen hängt, kommt mit und will als Übersetzer helfen. Polizei und Sicherheitskräfte am Eingang der falliten Fabrik. Diskussionen, um überhaupt hinein zu kommen. Ich frage einen security-Mitarbeiter auf Deutsch, wo man sich hinwenden könne – er nix verstehen. Ich frage auf Englisch, er nix verstehen, erklärt mir aber in selbiger Sprache, daß er Ungar sei und nur Ungarisch angesprochen werden möchte. Simpaticone, wie die Italiener sagen. Treffen Yacob – keine Eritreer unter den 300 Menschen dabei – sechs Busse voll, meist Familien. Vor der Tür eine Gruppe Männer laut und hektisch diskutierend. Ich lasse Hussein fragen, was los sei. „Wie weit ist es bis Stuttgart? – 400 km – So weit? Nein, Lauchhammer – Hm, 200 km, warum?“ Gesten, fliegende Arme, Geschrei. Sein Sohn sei in Lauchhammer, schreit einer, fünf Jahre alt. Ich beruhige – man wird das irgendwie lösen.

Drinnen problemlose Anbindung. Eine junge Frau in DRK-Uniform spricht in ihr walky-talky. Ich bekomme einen Sticker an die Brust und einen Zettel in die Hand, darauf eine Nummer. Eine Familie von vier wird uns zugeteilt: Syrer, zwei kleine Kinder, kein Englisch. Auftrag: Betreuung bis zur Registrierung, dann zur Unterbringung führen. Wir – Hussein und ich – stellen uns in die lange Schlange, lassen die Familie sich setzen. Stehen zweieinhalb Stunden. Fragen den Mann vor uns. Der will gar nicht nach Deutschland, sondern nach Schweden, zu Bruder und Schwester. Heute Morgen noch Slowenien, dann Bus direkt hierher. Slowenien schlecht, Deutschland gut. Sprechen über Syrien, über Husseins Familie, über ISIS und den Islam, schließlich über den Koran. Er singt mir die Fatiha mit Inbrunst vor, inmitten der Menge. Bietet mir Koranstunden an. Ich frage ihn, ob er auch Bibelstunden haben möchte, aber er kann mit dem Wort „bible“ nichts anfangen. „The holy book of christianity – would you read it?“ Mohammed sei der letzte Prophet, antwortet er, alles andere sei verkehrt – ein moderner junger Student aus Idlib sagt das. Nehme mir vor, die Jungs beim nächsten Gang mit dem Neuen Testament auf Arabisch zu konfrontieren. Welchen Glauben ich habe, will er wissen. „The worst of all“, antworte ich. „Ich bin Kafir“ – er lacht. Nein, du bist Mensch, like me. Umarmt mich. Muß alle-Menschen-sind-Brüder-Euphorie tapfer niederkämpfen. „I’m an atheist“ – Begriff unbekannt, Handy-Translator muß ran. Wir sind noch immer Brüder. Weiter: ISIS behauptet, sie seien Muslime und er behaupte das auch – einer lügt. Dann zeigt er mir ein Video – alles inmitten vieler Menschen – welches beweisen soll, daß Mohammed selbst den Vorgang der menschlichen Zeugung mit Spermium und Eizelle usw. gewußt habe – Sure 23. Auch die Linie im Mond – welche Linie? Wird man wohl mal nachschlagen müssen.

Wir sind endlich dran. Die Familie wird einzeln photographiert, Daten aufgenommen – keine Ausweise, wurden in Syrien schon gestohlen, erklärt er mit einem verräterischen Lächeln –, bekommen Hygieneartikel, einen nagelneuen Schlafsack, Decken, einen Eßbeutel. Es ist 23 Uhr, wir stehen seit fast drei Stunden. Die Kinder nörgeln. Zwei Etagen hoch im ausgedienten Fabrikgebäude – einst ein Vorzeigebetrieb, letztes Jahr pleite, hunderte Leute verlieren ihren Job. Jetzt ist der Maschinensaal mit Preßplatten abgeteilt, darin Feldbetten. Ein Abteil für „meine“ Familie. Gegenüber laufen Gebete vom Handy, andere schlafen schon, Kinder rennen durch den Gang. Vier Menschen haben eine Bleibe für die Nacht und wohl für ein paar Wochen gefunden, sind für den Moment glücklich, aber erschöpft, bedanken sich, Hände zum Herz. In diesem Moment durchströmt mich ein starkes Glücksgefühl. Die Droge Glück.

Hussein bringe ich noch zum Nachtbus. Will ihn um diese Zeit nicht alleine durch die dunklen Vororte gehen wissen. Auch er voller Dankbarkeit. Ich soll ihn besuchen. Ich sei wie ein Vater zu ihm und er wolle mein Sohn sein. Lehne dankbar ab – let’s be friends.

 

Nachtrag: Heute Radiomeldung – zwei Drittel haben die Erstaufnahme unabgemeldet verlassen (also 200 von 300 Menschen), niemand weiß wohin.

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