!Lesewarnung! – Raspail

Unerhört, was vor wenigen Tagen im „Tagesspiegel“ zu lesen war. Da spricht ein Kritiker eine Lesewarnung aus, vor einem Buch, das kaum jemand kennt, auch wenn der Kleinverlag „Antaios“ für seine Verhältnisse gerade das Geschäft seines Lebens macht. Ist das schon Idiotie oder noch Satire? Eine bessere Werbung hätte sich das Verlagshäuschen kaum wünschen können.

Der unfreiwillig komische Kunstrichter zieht alle Abschreckungsregister: „Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail sei eine „Blaupause von Pegida“, es sei rassistisch und xenophob, radikale Rechte seien die Vertreiber, die „toxischen Ideen“ des Buches dringen in den Mainstream ein, er – der Schreiberling – bringt es sogar mit 490 Übergriffen auf Flüchtlingsheime in Verbindung, traut Pegidisten aber gleichzeitig nicht mal zu, ein 400-Seiten-Buch zu lesen, und auch der Pegida-Galgen oder Pirinçcis unsägliche Rede (übrigens vollkommen falsch zitiert) muß herhalten, sogar Botho Strauß wird vors Gericht gezerrt und was weiß ich nicht noch alles. Eigentliche Literaturkritik dagegen nur in zwei Wortgruppen: die science fiction (sic!) funktioniere nicht und sprachlich sei es zäh.

Zur Klärung: Ein Literaturkritiker kann ein Buch verreißen, wenn es objektive Schwächen aufweist – macht er seine eigene politische Meinung zum Maßstab, wird es nicht nur gefährlich, sondern dann ist die Kritik keine mehr.

Heerlager

Literarische Utopien und Dystopien erlangen ihre literaturgeschichtliche Bedeutung nicht zuletzt durch die Akkuratesse ihrer Voraussagen. Wenn Huxley, Orwell und Samjatin – die sich übrigens viel mehr irrten, als allgemein bekannt – nicht zumindest eine strukturell treffende Prophetie, wenn Jules Verne nicht wenigstens das Tiefsee-Boot oder die Mondlandung gedacht hätte, dann wären diese Autoren heute wohl vergessen. Und daß Raspails „Heerlager“ 42 Jahre nach seinem Erscheinen gerade eine Renaissance erlebt, liegt am prophetischen Volltreffer: Plötzlich, ein bißchen wie aus dem Nichts, stehen eine Million fremder Menschen vor der Tür und keiner weiß, wie damit umzugehen ist. Daß sie aus Indien und nicht Syrien kommen und nichts außer ihr dürftiges Leben mitbringen, daß sie in Frankreich und auf rostigen Tankern anlanden, diese Unterschiede zur derzeitigen Situation scheinen vielen offensichtlich begeisterten Lesern nebensächlich zu sein. Großartig und visionär ist das Buch in der Beschreibung der verschiedenen Reaktionen einer ausgehöhlten Demokratie, die, am neuralgischen Punkt berührt, vollkommen handlungsunfähig bleibt. Gelähmt von einem tief eingeimpften Humanitarismus (Gehlen) versagen Politik, Medien und Öffentlichkeit komplett und spielen ihr lang eingeübtes Lied bis zum bitteren Ende alternativlos durch. Während das kraft- und energielose Land implodiert, nehmen die „Neubürger“ seine tausendjährigen Reichtümer wie eine Selbstverständlichkeit in Empfang.

Der zweite Teil – eine Art visionärer Guerillakrieg eines tapferen Häufleins Wertkonservativer – fällt deutlich ab. Raspail ist ein begnadeter Einfühler ins Gegebene, ein Schriftsteller von allererstem Rang ist er meines Erachtens nicht – aber das ist nur Meinung. Die Vorwürfe des Rezensenten – sofern sie nicht Satire oder sogar subversive Schleichwerbung sein sollen – sind schlichtweg absurd und zeugen von einem erschreckenden Unverständnis, was Literatur überhaupt ist. Wie solche Leute auf derartige Posten gelangen, das gehörte endlich mal aufgeklärt!

Leserwarnungen wie diese zeigen, daß wir uns tatsächlich an einem einzigartigen historischen Moment befinden. Es gibt Schichten, die werden plötzlich ganz unruhig … Leserwarnungen wie diese, sollten aber auch zum reflexartigen Selberlesen führen!